Ein Musical wie Berlin – dreckig und peinlich, andererseits wenigstens ehrlich
Endlich sei es da, das definitive Berlin-Musical. Als hätte es „Linie 1“, „Hinterm Horizont“ und so weiter nie gegeben. Nach dem Tod der Sängerin AnNa R. versucht sich Peter Plate von Rosenstolz an ihrer gemeinsamen Ost-West-Geschichte. Eine Seite kommt dabei zu kurz.
Berlin, dein Gesicht hat Sommersprossen, und dein Mund ist viel zu groß.“ So textete schon vor Jahrzehnten Hildegard Knef zärtlich-schnoddrig über ihre Heimatstadt. Und man wähnt sich, sieht man erstmals den trübseligen Trümmerhaufen, der mit schwebenden Fenstern und fliegenden Wänden als Berliner Vereinigungskulisse im Theater des Westens dient, eher in deren Ruinenfilm „Die Mörder sind unter uns“ als in einem in Prenzlauer Berg spielenden Nachwendemusical.
„Wir sind am Leben“, so heißt es, und da reckt sich in der Titeloptik auch gleich der sogenannte Telespargel am Alexanderplatz. Aber sonst ist erstaunlich wenig Berlin-Spezifik drin in diesem, der Hit-Titelsong verrät es schon, Musiktheater in der dafür eigens gepachteten Bühnenikone neben dem Bahnhof Zoo der beiden Rosenstolz-Komponisten Peter Plate und Ulf Leo Sommer. „Die Schlampen sind müde“, ein weiterer Rosenstolz-Erfolgsstandard ist auch dabei, hier entpuppt er sich, schaut man ins Publikum, als Überlebenshymne der Reinickendorferin in der zweiten Lebenshälfte. Die 21 weiteren Nummern sind neu.
„Eine Geschichte über Familie, Freiheit & das Lebensgefühl im Berlin der frühen 90er-Jahre“, wird von Franziska Kuropka und Lukas Nimscheck versprochen, die für Buch und Regie verantwortlich zeichnen. Es wird schon eingelöst – und doch nicht wirklich. Den viel Osten wird da zwar behauptet, aber ist nicht lebensecht zu greifen. Das große, vielfältige Berlin kommt kaum vor, jenseits dieser Bubble aus queerer Community, Club und Darkroom, vor allem aber Ersatzfamilien-WG im besetzten Haus, wo man – wie einst die DDR ihr Sorgentelefon – nun im „Konsum Hoffnung“ in der Dauerschleife seelenquasselt und sich in den Schicksalsfäden der damals noch analogen Telefonhörer verfängt. Auch Politik, Wiedervereinigungs-Groove oder -Schmerz gibt es nicht.
Leider hängt es oftmals dramaturgisch durch, sind die Figuren arg klischeehaft entwickelt, passen die Anschlüsse nicht, bleiben Song-Enden einfach im Raum stehen. Der Dreistundenabend ist vorwiegend eine Abfolge von Powerballaden, von Joshua Lang im bewährten Vorwärtstreibesound arrangiert. Für eine integrale, individuelle Musicalpartitur fehlt immer noch der Atem und das Handwerk. Mit nur fünf Musikern ist da wenig Klangabwechslung, obwohl man sich mal kurz Karibiksound für den Boyfriend Nando (Daniel Pohlen) aus Havanna oder Gitarrenplingeln für ein älteres Paar aus überemphatischer Allesversteherin Brigitte (Lucille-Mareen Mayr) und damenrocktragendem Gefährten (Nik Breidenbach) gönnt.
Selbstgebastelt, aber auch grundsympathisch
Es soll auch eine definitive Aids-Geschichte werden, auf die Berlin, so wie auf das definitive „Berlin-Musical“ (das es im Übrigen als Westvariante seit 1986 mit dem Gripstheater-Hit „Linie 1“ längst gibt), angeblich immer noch wartet. Und auch von der HIV-Front nichts Neues, nur die tödliche Kausalkette Ansteckung, Zurückweisung, melodramatisches Sterben, Trauerfeierversöhnung. Diesmal trifft es Bruno, dem der bewährt charismatische Jörn-Felix Alt trotzig-verletzlichen Straßenkötercharme verleiht. Der steht, bis ihn die Dietrich ins Transenparadies holt, als Marlene in der ärmlichen Drag Revue seine falsche Frau, wo er die „Supernovadiscoslut“ nur momentelang auf synthiesphärische Pet-Shop-Boys-Höhen führen darf, weiß aber nach der Schwulenseuchendiagnose bestimmt: „Ich werd nicht weinen.“ Was alle natürlich ausführlich tun.
Da gibt es in der WG neben Brigitte als wirklich stimmiger BRD-Öko-Eso-Glucke die beiden Lesben Ramona (Johanna Spantzel) und Doris (Kathie Damerow), die mit einem Kind eben nicht zu einer Familie werden und die beiden, aus Wittenberg geflohenen Geschwister Mario (blässlicher Twink im Dauer-Coming-Out: Markus Spagl) und Nina (famose Belterin: Celina Dos Santos), die sich dank eines schmierigen Managers zum Popsternchen hochschläft, es aber auf der Bühne nur zur strapsetragenden Madonna von der Krummen Lanke bringt. Ein wenig zu sehr schimmern hier auch immer wieder die Biografien von Peter Plate und seiner jüngst verstorbenen Rosenstolz-Partnerin AnNa R. durch.
Nach „Romeo & Julia – Liebe ist alles“, dem Spin-off „Die Amme“ für die Wuchtröhre Steffi Irmen und den enttäuschenden „Ku’damm 57“ und „59“-Adaptionen ist das nun das fünfte Berliner Plate/Sommer-Werk. Aber die Musical-Kinderkrankheiten sind immer noch nicht auskuriert. Dabei ist „Wir sind am Leben“ in seiner Imperfektion und mit seinen dauerverschluckten Endsilben immer wieder auch grundsympathisch. Seine Darsteller triumphieren sehr oft über das Material.
Vor allem die Anti-Primadonna Steffi Irmen als kreischblonde Provinzfrisöse aus Sachsen-Anhalt und ihren Kindern folgende Übermutter-Nemesis – für die war „Kati Witt mein bester Schnitt“, und Margot Honeckers Lilatönung hat sie auch erfunden. Jetzt ist sie arbeitslos und hat ausgeschnippelt, weil alle zu Udo Walz rennen. In ihrer Raubtierprint-Garderobe aus dem Exquisitladen entert sie mit „Salon Rosie“ die Bühne und gibt sie nie wieder her. Sie darf zu „Leb wohl, Wittenberg“ sogar mit Fächerboys tanzen, wird aber trotzdem an Silvester 2000 von den Autoren rüde mit einem Tod im Hotel Adlon abgewickelt.
Es geht einem mit diesem arg selbstgebastelten Musical ein wenig wie mit seinem Thema: Berlin ist peinlich und dreckig, nichts funktioniert, man wird dauernd ruppig angemacht. Aber irgendwie hat man diese von der Geschichte geschüttelte Stadt mit ihrer rohen Energie eben einfach lieb – und erhebt sich deshalb johlend aus dem Theatersitz. Denn anders als etwa die generische Udo-Lindenberg-Ballade „Hinterm Horizont“, die 2016 ihren Abgesang feierte, ganz zu schweigen von dem Wendedrama „Wind of Change“ mit Scorpions-Musik, das schon 2010 wieder vom Ankündigungswinde verweht worden war, ist „Wir sind am Leben“ wenigstens ehrlich. Ehrlich schlicht, auch das eine der Berliner Tugenden. Viele gibt es ja nicht.
Source: welt.de