„Viele Informationen sind Müll“: Trump etabliert „Klicktatur“
„Viele Informationen sind Müll“Trump etabliert „Klicktatur“
22.03.2026, 08:13 Uhr

Die US-Regierung vermengt Iran-Kriegsszenen mit Videospielen, Ministerien posten Memes, Ressortchefs schmeißen mit Beleidigungen um sich. Was geschieht da? Der US-Politikwissenschaftler Donald Moynihan nennt es eine „Klicktatur“. „Wenn die Öffentlichkeit weder ihrer Regierung noch dem trauen kann, was sie sieht und liest, dann lebt sie in einer Orwellschen Welt.“
ntv.de: Donald Moynihan, mehrere Videos des Weißen Hauses zum Irankrieg sind mit Szenen von Videospielen und Filmen versehen. Was macht die US-Regierung da? Ist das ein Muster?
Donald Moynihan: Wie dieses Weiße Haus über Konflikte kommuniziert, ist deutlich anders. Social-Media-Memes und Videospiel-Bilder werden mit tatsächlichen Ereignissen vermengt. Das gab es vorher so nicht. Im Irakkrieg der Bush-Regierung ab 2003 oder dem Golfkrieg 1991 verbreitete die Regierung auch Aufnahmen von Bombenangriffen, die sich wie Videospiele anfühlten. Aber aktuell verschmelzen sie; zu Collagen aus Bildern und Musik aus Videospielen, mit Memes sowie den realen Bombenangriffen auf echte Menschen und Städte.
Woran liegt das?
Ich denke, das spiegelt teilweise die Tatsache wider, dass viele in der Regierung ständig online sind, in einer Welt der Memes leben und diese deshalb als legitimes Kommunikationsmittel ansehen. Bis vor kurzer Zeit hätten das die meisten Menschen in der Regierung als geschmacklos oder unangemessen empfunden.
Aus europäischer Sicht wirken solche Videos weiterhin mindestens bizarr. Was hat sich in den USA verändert?
Donald Trumps erste Amtszeit war eine Präsidentschaft des Fernsehens. Er hatte sich als TV-Persönlichkeit einen Namen gemacht, hat auch damals schon Leute von „Fox News“ eingestellt. Aber acht Jahre später gibt es mehr Menschen, die viel Zeit in sozialen Medien verbringen. Die Regierung spiegelt das politische soziale Umfeld der Republikanischen Partei und Trumps Maga-Bewegung wider. Der Präsident ist mittlerweile zudem Eigentümer seiner eigenen Social-Media-Plattform Truth Social. Sein größter finanzieller Unterstützer ist Elon Musk, Eigentümer von X, das viel rechter geworden ist, als es Twitter je war. Dort sind die meisten hochrangigen Personen der Regierung häufig aktiv unterwegs. Das war bei keiner früheren Regierung der Fall. Es liegt also an beidem: den Personen und daran, dass sich die Plattformen und ihre Nutzung allgemein entwickelt haben.
Sie haben diese neue Art, wie Trumps Regierung Politik macht und mit den US-Amerikanern kommuniziert, „Klicktatur“ (Clicktatorship) getauft. Was heißt das?
Ich nenne das „Clicktatorship“, weil die Regierung auf einer Bewegung aufbaut, die ständig online ist. Trump ist zudem ein Meister im Umgang mit sozialen Medien und leitet eine Regierung, die autoritär vorgeht. Das wirkt sich nicht nur auf den Inhalt der Botschaften aus, sondern auch auf die Art und Weise, wie die Regierung arbeitet und politische Entscheidungen trifft. Sie vermittelt deutliche Botschaften von Dominanz. Etwa diese Memes von Trumps Ideen: Dass er Grönland oder Kanada übernehmen wird, dass ein US-Präsident einfach auftauchen und Ihr Land erobern wird. Das ist beispiellos aggressiv.
Trump hat also eigenhändig die Spielregeln der Kommunikation verändert?
So wurde in diesen Fällen auch die Diplomatie betrieben. Trump rief weder den Botschafter in Kanada noch den Premierminister Dänemarks an. Er machte diese Aussagen in den sozialen Medien. Seine Anhänger verbreiteten sie, und dann mussten tatsächliche Diplomaten und Regierungsbeamte darauf reagieren.
Auffällig ist auch die zur Schau getragene Aggressivität von Trumps Regierungsmitgliedern. Ist das eine Folge der „Klicktatur“?
Das wird mitverursacht. Als zum Beispiel Generalstaatsanwältin und Justizministerin Pam Bondi vor dem Senat aussagte, hatte sie all diese Online-Sprüche und Beleidigungen ausgedruckt, die sie benutzen wollte, um auf die Fragen zu antworten, die sie bekam. Werden Trumps Regierungsmitglieder öffentlich in Verantwortung genommen, reagieren sie sehr „online“. Sie bemühen sich nicht ernsthaft, auf die Fragen zu antworten. Sie schmeißen mit Beleidigungen um sich und glauben, dass es Ihnen Trumps Gunst einbringt: Dass sie, wenn sie eine Diskussion verlieren, einfach anfangen sollten, zu beleidigen. Dass sie so „gewinnen“. Diese Form von Unterhaltung sieht man online oft. Menschen führen im Grunde keine rationalen Debatten, verwenden keine Fakten und Beweise. Sie beleidigen sich meistens gegenseitig. Sie spielen hauptsächlich mit emotionalen Klischees. Sie verwenden Memes, um den Streit zu gewinnen.
Die US-Regierung stellt sich als die transparenteste Regierung jemals dar. Trump äußert sich manchmal mehrmals täglich zum selben Thema, andere Kabinettsmitglieder widersprechen sich öffentlich. Ist es demokratischer, die Menschen an allem teilhaben zu lassen?
Trump ist der beste Inhalte-Produzent aller bisherigen US-amerikanischen Präsidenten. Es mangelt nie an Inhalten. Aber nur, wenn es um die Menge geht. Die Vorstellung ist, dass er so Fakten verzerren und kontrollieren kann. Auch wenn das, was er sagt, Unsinn ist oder empörend: Er dominiert damit die Schlagzeilen. Das geht auf Trumps Hintergrund als Entertainer und Unternehmer zurück. Er mochte es, seinen Namen in den Nachrichten zu sehen. Jede Art von Geschichte über ihn hielt er für gut, auch wenn die Berichterstattung nicht immer positiv war. Aber ist diese Information nützlich für mich und die Öffentlichkeit? Wir bekommen mehr Informationen als je zuvor, kennen uns aber womöglich schlechter aus.
Woran liegt das?
Das Informationsvolumen macht uns nicht unbedingt klüger oder besser informiert, weil vieles davon Müll ist. Die Informationen sind falsch, irreführend, Teil einer Verschwörungstheorie oder es werden nur Beleidigungen ausgetauscht. Steve Bannon nannte das „die Zone fluten“, also so viele Geschichten, so viele Versionen über dasselbe Thema veröffentlichen, dass die Medien und die Öffentlichkeit als Ganzes damit nicht umgehen können. Etwas, das unter einer vorherigen Regierung ein Skandal oder karrierebeendendes Ereignis gewesen wäre, wird 24 Stunden später vergessen. Es passiert zu viel.
Haben Wähler nicht das Recht darauf, dass Politiker als ihre Vertreter ihnen die Wahrheit sagen? Warum sind die Lebensmittelpreise so hoch? Die Spritpreise? Warum ziehen wir in den Krieg mit dem Iran?
Die Öffentlichkeit sollte auf jeden Fall erwarten, dass die gewählten Amtsträger im Allgemeinen die Wahrheit sagen, dass Ehrlichkeit und Vertrauenswürdigkeit so etwas wie Kernnormen der Menschen sind, die Entscheidungen über unser Leben treffen. Aber bei Social Media wird das nicht immer belohnt; Fakten, Beweise und Nuancen bringen häufig nicht die meisten Klicks. Das ist nicht der Weg, ein bekanntes Profil aufzubauen.
Ist diese Entwicklung unausweichlich, mit Blick darauf, wie soziale Medien und ihre Algorithmen funktionieren?
Angesichts der Unterschiede zwischen verschiedenen Ländern glaube ich nicht, dass das unvermeidlich ist. Es gibt einen Spielraum, wie Informationen für die Öffentlichkeit präsentiert werden sollten. Nach der Wahl 2020 haben die großen Social-Media-Unternehmen kurzzeitig mit dem Ansatz gespielt, Trump und einige seiner Unterstützer offline zu nehmen. Und dann ließen sie ihn wieder zu. Jetzt ist der Stand: Jeder bedeutende Politiker wird online sein. Egal, was er sagt. In den Vereinigten Staaten werden Behauptungen kaum eingeschränkt.
Diese Plattformen werden auch woanders genutzt, wo möglicherweise andere Gesetze gelten. Das birgt doch Konfliktpotenzial. Meinungsfreiheit wird unterschiedlich interpretiert.
Darüber wird es diplomatischen Streit geben, wenn die US-Regierung für diese Unternehmen interveniert, von denen viele ihre politischen Unterstützer sind und zudem eigene Ziele verfolgen. Elon Musk etwa mischt sich weltweit in die Politik ein. Die US-Regierung setzt diplomatische und wirtschaftliche Macht ein, indem sie Sanktionen gegen Personen verhängt, die kritisch waren oder Gegenmaßnahmen ergriffen haben. Wenn es um Verlässlichkeit von Informationen auf diesen Plattformen geht, sind die USA kein gutes Vorbild. Aber andere Länder könnten sich entscheiden, die Dinge anders zu machen. Die Social-Media-Plattformen haben die Macht, bestimmte Themen zu setzen und die Sicht darauf zu beeinflussen. Ein Land könnte also Gesetze verabschieden, um die Unternehmen einzuschränken.
Das Netz wird mit verfälschten Informationen und Videos, mit sogenanntem KI-Slop überflutet. Könnte die Regierung verpflichtet werden, zumindest auf ihren offiziellen Kanälen keine Lügen verbreiten zu dürfen? Oder müssen wir uns damit abfinden?
Hier stellt sich die sehr schwierige Frage, was als Meinungsfreiheit und was als Wahrheit gilt. Die meisten Gesellschaften wollen beides, und nicht, dass ihre Regierungen sie belügen. Es gibt jedoch Dinge, die beleidigend sein können, aber nicht unbedingt unwahr sind. Zum Beispiel hat Trumps Regierung einiges auf der Website des Weißen Hauses veröffentlicht, das ich für unglaublich geschmacklos halte, aber wahrscheinlich subjektiv oder mehrdeutig genug ist, dass man sagen könnte: Nun, es ist nicht unwahr. Früher war es so, dass ein Politiker log, eine Zeitung oder ein Fernsehsender dies aufdeckte, und die Folgen für ihn sehr negativ waren. Das ist anscheinend nicht mehr so.
Sondern?
Heute könnte ein Politiker anders kalkulieren und denken, die negativen Folgen sind sehr klein, wenn ich etwas Ungeheuerliches sage oder meinen Gegner mit KI diffamiere, aber ich bekomme mehr Aufmerksamkeit. Für Demokratien ist das beunruhigend. Wenn die Öffentlichkeit weder ihrer Regierung noch dem trauen kann, was sie sieht und liest, dann lebt sie in einer Orwellschen Welt. Einer, in der die Regierung täglich ihre Meinung und das ändert, was sie sagt.
Sind die USA da schon?
Vor sechs Monaten hat uns Trumps Regierung mitgeteilt, dass Irans Nuklearanlagen bombardiert und zerstört wurden und Atombomben auf lange Zeit nicht gebaut werden könnten. Und dann sagten sie uns im aktuellen Krieg, dass der Iran in zwei Wochen eine Atombombe hätte bauen können. Das sind widersprüchliche Botschaften. Wir sollten in unseren Gesellschaften darüber diskutieren, ob wir die Anreize, die dies fördern, auch zukünftig erlauben sollten.
Mit Donald Moynihan sprach Roland Peters
Source: n-tv.de