Wiederverwertung von Plastik: Aus Plastikmüll wird wieder ein Trinkbeutel

Um halb eins riecht es im Ausbildungszentrum des Chemiekonzerns LyondellBasell nach Spaghetti Bolognese. Ein halbes Dutzend Azubis sitzt zu Tisch. Daneben wartet im Eingangsbereich eine Gruppe von Mitarbeitern auf Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD). Er verschafft sich auf einer Tour durch das Land einen Eindruck von der Lage der Kreislaufwirtschaft und vom Baufortschritt eines der Vorzeigeprojekte des Landes. Eine Viertelstunde später steigt der Minister auf dem Gelände an der Grenze von Köln und Wesseling aus einem roten City-Tour-Bus. Händeschütteln, kurze Vorstellung, rein ins Thema.

Vor einem interaktiven Bildschirm sind fünf Fläschchen aufgestellt, die den Prozess veranschaulichen sollen, der hier von kommendem Jahr an in großem Maßstab vollzogen wird. In einem ist Abfall enthalten, in den anderen: graue Körner als erste Prozessstufe seiner Umwandlung, dann daraus gewonnenes Öl, weißes Kunststoffgranulat und schließlich eine neue Lebensmittelverpackung. „Wo holen Sie das her?“, fragt der Minister. „Aus dem Gelben Sack, aus Deutschland und aus Benelux“, lautet die Antwort. Sieben Minuten dauert die kurze improvisierte Präsentation, dann geht es für eine halbe Stunde ohne Öffentlichkeit in ein Gesprächszimmer.

Dass in diesem Umfang in der deutschen Chemieindustrie investiert wird, ist derzeit ungewöhnlich. Die Branche leidet unter hohen Energiekosten und steigendem Druck auf ihr Geschäftsmodell. Und in den Vereinigten Staaten, wo ein großer Teil des Vorstands in Houston sitzt und einige Standorte des Unternehmens sind, steht die Regierung dem Thema Klimaschutz feindselig gegenüber. Umso bemerkenswerter ist, dass ausgerechnet LyondellBasell mit seinen niederländisch-amerikanischen Wurzeln in Deutschland voranschreitet. 250 Millionen Euro kostet der Bau der Anlage, 40 Millionen Euro stammen aus Fördergeld der Europäischen Union.

Konsumgüterhersteller haben sich Nachhaltigkeitsziele gesetzt

Gesprächspartnerin des Ministers ist heute Yvonne van der Laan, die im Vorstand für Circular and Low Carbon Solutions verantwortlich ist. Sie beschreibt, wie die Marktnachfrage großer Konsumgüterhersteller wie Henkel, Procter&Gamble oder Mars und die fortschreitende Regulierung zum Einsatz von Rezyklaten durch die EU zum Ausgangspunkt wurden. Ihre Kunden verpflichteten sich gegenüber dem Markt und Investoren zu Klimaschutzzielen, darauf zahle das Material ein, das in der Anlage hergestellt werden soll.

„Wir wollen zeigen, das man das großskalig machen kann. Gleichzeitig investieren wir in Sortieranlagen“, sagt van der Laan im Gespräch mit der F.A.Z. Mit mechanischem Recycling sei es heute möglich, viel Kunststoffabfall wiederzuverwerten, doch bestimmte Folien ließen sich nur chemisch rückgewinnen. Das sei strategisch von wachsender Bedeutung. „Wir werden weniger abhängig von fossilen Rohstoffen wie LPG und Naphtha“, sagt sie und spielt auf einen wichtigen Grundstoff der Chemieindustrie an. Derzeit kommen die meisten dieser Rohstoffe nicht aus Europa“, sagt sie.

In den Vereinigten Staaten spürt das Unternehmen mit Sitz die Vorbehalte gegen den Klimaschutz. Allerdings sei der nicht einheitlich, betont van der Laan. In Staaten wie Kalifornien, New Jersey oder Colorado werde an den Zielen gearbeitet. In Kalifornien hat LyondellBasell ein Unternehmen gekauft, das auf mechanisches Recycling spezialisiert ist. „Kunden in Europa wollen das, aber auch in Amerika“, sagt sie.

Noch fehlt es an einer Zahlungsbereitschaft der Kunden

In der Chemiebranche wird dem Konzern mit gut 20.000 Mitarbeitern Respekt gezollt. „Der Markt bezahlt dafür noch nicht, aber sie investieren“, hebt Ralf Düssel, Vorsitzender des Verbands Plastics Europe Deutschland, hervor. Der Wettbewerber Dow hatte im August bekannt gegeben, ein ähnliches Vorhaben am Standort Böhlen bei Leipzig mit dem Ende eines Steam-Crackers auf Eis zu legen. Erleichterung ist deshalb herauszuhören, dass LyondellBasell die Absicht weiter verfolgt. „Man hat Produkte mit weniger CO2-Anteil, nutzt keine fossilen Brennstoffe mehr, wird unabhängiger. Das ist eine Möglichkeit, Innovation voranzubringen“, sagt Düssel.

Dass Kunststoff erzeugt wird, ohne über sein Lebensende nachzudenken, sei eine Folge der Technikeuphorie der fünfziger und sechziger Jahre, sagt Claus Daniel, Leiter Angewandte Energieforschung am Argonne National Laboratory im US-Bundesstaat Illinois, der seit Oktober Mitglied der deutschen Akademie für Technikwissenschaften ist. Langfristig müsse das Ziel sein, Polymere zu erzeugen, die sich unendlich oft wieder aufbereiten ließen. „Die Wertstoffe durch Pyrolysetechnik wieder in die Basischemikalie umzuwandeln, ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber noch nicht, was wir am Ende haben müssen“, sagt er.

Anders als in Europa, wo die Regulierung den Anstoß gebe, strebten Forscher in den USA an, Verfahren mit Kostenvorteilen gegenüber traditionellen Prozessen zu entwickeln. „Das Material muss mindestens so gut und mindestens so günstig wie das Ausgangsmaterial sein“, sagt Daniel. Wichtig sei, die Bezugsquellen von Material zu sichern. Kreislaufwirtschaft sei in dieser Logik ein Gebot nationaler Sicherheit und widerspreche nicht dem Ziel der Nachhaltigkeit.

Die neue Anlage ist für die Belegschaft nach vielen Rückschlägen ein Hoffnungsschimmer. „Für Mitarbeiter in Wesseling ist das Projekt ein Segen“, sagt Werksleiter Daniel Koch, der ein Jobangebot von LyondellBasell angenommen hat, um dieses Projekt umzusetzen. Viele arbeiteten lange mit ihren Kollegen zusammen und seien üblicherweise schwer dazu zu bewegen, etwas Neues auszuprobieren. „Hier entstehen jetzt 50 neue Stellen: Sehr viele erfahrene Kollegen wollen in das Projekt.“ Nachdem die Politik Vorbehalte gegen die neue Technik könne die Anlage zeigen, dass sie wirtschaftlich zu betreiben ist. Mit Blick auf die Baustelle sagt Minister Schneider zum Abschied: „Toll, ich drücke ihnen die Daumen.“