„Der Krieg ist für die Golfstaaten der ‚worst case'“
interview
Der Iran-Krieg stellt das gesamte Modell der Golfstaaten in Frage, sagt der Iran-Kenner David Jalilvand – einschließlich der Beziehungen zu den USA. Sie stünden nun vor einer großen strategischen Frage.
tagesschau.de: Iran galt vor dem jetzigen Krieg als enorm geschwächt. Nun zeigt Iran durch verschiedene Reaktionen und Angriffe, dass es die gesamte Region sowie die Weltwirtschaft jederzeit in Geiselhaft nehmen kann. War das nicht absehbar? Und stärkt das Iran in diesem Krieg und darüber hinaus?
David Jalilvand: Es ist korrekt, dass Iran in den letzten Jahren in der Region erheblich an Einfluss verloren hat. Zahlreiche mit Iran verbündete Milizen wurden erheblich geschwächt. Iran verlor seinen wichtigsten staatlichen Partner, das Assad-Regime in Syrien. Und vor diesem Hintergrund entstand in der Tat der Eindruck, dass Iran sich in einer Position der Schwäche befände.
Und relativ zum Einfluss, den Iran vor einigen Jahren noch in der Region ausgeübt hat, ist das sicherlich zutreffend. Nichtsdestotrotz hätte man die iranische Gefahr nicht unterschätzen dürfen. Die iranischen Offiziellen und Strategen haben immer klargemacht, wie sie auf einen größeren existenzgefährdenden Angriff Israels und der USA reagieren würden, nämlich mit einer Regionalisierung des Konflikts. Insofern ist das, was wir gerade beobachten, ein Stück weit erwartbar gewesen.
Teherans Schlüsse aus vergangenen Angriffen
tagesschau.de: Wie könnte sich das über den Krieg hinaus, der irgendwann ja zu Ende gehen wird, auswirken? Könnte der Iran nicht sogar gestärkt aus diesem Krieg herausgehen – vielleicht zwar in seinen unmittelbaren militärischen Fähigkeiten geschwächt, aber mit Blick auf das Druckpotenzial auf die Region und auch auf die Weltwirtschaft nicht vielleicht sogar eher gestärkt?
Jalilvand: Bei all dem Schaden, den Iran aktuell der Region zufügt, werden seine Fähigkeiten durch diesen Krieg doch erheblich geschmälert. Einige Befürworter des Krieges sagen auch, dass es schon eine Errungenschaft ist, wenn das Raketenprogramm, wenn das Nuklearprogramm zurückgedrängt wird. Darüber hinaus sind auch wichtige Teile der iranischen Infrastruktur in Mitleidenschaft geraten.
Die wirtschaftlichen Folgen des Krieges werden enorm sein – vor dem Hintergrund einer ohnehin schon sehr angespannten sozioökonomischen Situation. Hinter die Vorstellung, dass Iran aus diesem Krieg derart gestärkt hervorgeht, dass sich das Land politisch und ökonomisch und sozioökonomisch konsolidiert, würde ich daher ein großes Fragezeichen setzen.
Nichtsdestotrotz, und das ist auch das iranische Kalkül bei seinem Vorgehen, setzt Iran eine gewisse Abschreckungsfähigkeit wieder in Kraft. Wenn man den iranischen Diskurs verfolgt, gibt es einige Stimmen in Teheran, die sagen, dass Iran in den letzten Jahren zu schwach auf Angriffe reagiert habe. Dadurch wurden aus Sicht Irans die Gegner, Israel und die USA, ermutigt, weitere Angriffe auf Iran durchzuführen.
Mit der harschen Reaktion, die wir von Tag eins des Krieges aktuell beobachten können, versucht Iran, diese Gleichung neu zu schreiben und deutlich zu machen, dass ein Angriff auf sein Territorium erhebliche wirtschaftliche Kosten und politische Kosten verursacht, die sich über die Weltwirtschaft auf die westlichen Volkswirtschaften auswirken.
Das ist zentral für das Verständnis des derzeitigen iranischen Vorgehens. Sie versuchen eben nicht nur, aktuell den Preis für den Krieg in die Höhe zu treiben, um damit Konditionen zu schaffen, die aus iranischer Sicht für einen Waffenstillstand günstig sind. Sondern sie versuchen, die Abschreckungsfähigkeit in der Zukunft wiederherzustellen.
Zur Person
David Jalilvand ist Associate Fellow bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik und Geschäftsführer des Beratungsunternehmens Orient Matters.
Eine „prekäre Situation“ für die Golfstaaten
tagesschau.de: Die Staaten am Golf verzeichnen jetzt kurzfristige wie langfristige wirtschaftliche und politische Verluste durch diesen Krieg. Da sind Produktionsstätten für lange Zeit beschädigt, da sind Exporte eingeschränkt, die Bevölkerung und die Unternehmen sind tief verunsichert. Und möglicherweise ist auch der Ruf dieser Staaten als sicheres Investitionsziel beschädigt. Was bedeutet das für die Kalkulation dieser Staaten in diesem Krieg?
Jalilvand: Der Krieg ist für die Golfstaaten der „worst case“. Die Golfstaaten haben ein Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell forciert, das darauf beruhte, dass sie in einer sehr schwierigen geopolitischen Nachbarschaft eine Art Insel der Stabilität sind, dass sie wirtschaftliche Investitionen und Diversifizierung weg vom Öl hin ermöglichen; sie sehen sich als Knotenpunkt in der Weltwirtschaft im Hinblick auf Lieferketten, den Seehandel, aber auch den Luftverkehr. All das wird durch diesen Krieg in Frage gestellt.
Was für die Golfstaaten noch schlimmer ist: Sie haben über die vergangenen Wochen und Monate eingehend vor einem solchen Krieg gewarnt. Sie haben traditionell enge Verflechtungen mit den USA, haben dort groß investiert, wähnten sich in einer Sicherheitspartnerschaft mit den Vereinigten Staaten. Einige Golfstaaten haben ihre Beziehungen mit Israel normalisiert.
All das hat letztlich nicht geholfen und konnte die Trump-Administration nicht davon abbringen, mit Israel Iran anzugreifen und die Golfstaaten unmittelbar den iranischen Gegenschlägen auszusetzen. Für sie ist es eine sehr prekäre Situation.
Iran und seine Nachbarstaaten – und das Gasfeld South Pars, das in dieser Woche von Israel angegriffen wurde, woraufhin Iran Flüssiggasanlagen Katars angriff.
Parallelen zwischen Golfstaaten, Deutschland und Europa
tagesschau.de: Wie schätzen Sie die Auswirkungen auf die Beziehungen zu den USA als Partner in dieser Region und auch auf Israel ein? Werden die arabischen Staaten sich neu orientieren?
Jalilvand: Sie werden sicherlich ihre Beziehungen zu den USA hinterfragen müssen. Allein schon, weil das bisherige Modell nicht mehr funktioniert, wie wir aktuell sehen, wo die iranischen Raketen in den Golfstaaten niedergehen und dort zentrale Elemente der wirtschaftlichen Infrastruktur zerstören. Ich glaube, es ist zu früh zu sagen, dass sie sich gänzlich von den USA abwenden werden. Sie hätten auch keine Alternative. Weder die Chinesen noch die Russen, um zwei andere Mächte anzuführen, wären ja gewillt oder fähig, ihnen eine Sicherheitspartnerschaft in dieser Form anzubieten.
Aber nichtsdestotrotz müssen sie sich umorientieren und überlegen, ob sie in irgendeiner Form zu einer Formel kommen, mit der sie ihre Sicherheit in Zukunft gewährleisten können. Und in diesem Sinne sind die Herausforderungen, vor denen die Golfstaaten stehen, gar nicht so unähnlich den Herausforderungen, vor denen auch wir in Deutschland und Europa stehen, wo wir lange Zeit eine Sicherheitspartnerschaft mit den Vereinigten Staaten hatten, uns nun aber zunehmend nicht mehr sicher sein können, wie sehr diese künftig noch Bestand hat. Als Mittelmächte sind die Golfstaaten deshalb in meinen Augen wichtige diplomatische Partner für Deutschland und Europa.
„Iran hat Möglichkeiten, den Konflikt noch auszuweiten“
tagesschau.de: Dafür ist sicherlich auch der Ausgang oder der weitere Gang dieses Krieges entscheidend. Können Sie sich vorstellen, dass die Golfstaaten noch selbst in diesen Krieg eingreifen? Und welcher Ausgang wäre für sie der wünschenswerteste?
Jalilvand: Der wünschenswerteste Ausgang wäre sicherlich, dass der Krieg so schnell wie möglich zu seinem Ende kommt. Die große strategische Frage, vor der die Golfstaaten stehen, ist: Würde es ihrem Ziel eines Waffenstillstandes helfen, wenn sie jetzt aktiv eingreifen – oder nicht? Ich kann mir nicht vorstellen, wie ein solches Eingreifen dazu führen könnte, dass die Kampfhandlungen schnell beendet werden.
Wir müssen uns auch vor Augen halten, dass wir zwar schon eine Reihe von Eskalationen im Nahen Osten gesehen haben, aber noch nicht am Ende der Skala angekommen sind. Iran hat Möglichkeiten, den Konflikt noch auszuweiten, es könnte die Energieinfrastruktur in den Golfstaaten noch großflächiger angreifen, könnte die Huthi-Miliz im Jemen aktivieren, die sich bislang größtenteils zurückhält.
Diese könnte zum einen die Meerenge von Bab al-Mandab und den Schiffsverkehr dort unter Beschuss nehmen, könnte aber auch Infrastruktur in Saudi-Arabien angreifen, wie wir das im vergangenen Jahrzehnt verschiedentlich gesehen haben. Es gibt eine Reihe von Punkten, an denen die Golfstaaten verletzlich sind. Die Wasserentsalzungsanlagen etwa, von denen die Metropolen dort stark abhängen, sind bislang weitgehend unberührt geblieben.
Wir müssen dabei auch unterscheiden zwischen den bevölkerungsmäßig kleineren Golfstaaten wie den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar, deren Führung ein Stück weit mehr Autonomie hat im Handeln im Vergleich zu Saudi-Arabien, wo es eine große Bevölkerung gibt und wo die öffentliche Meinung einen anderen Stellenwert hat als in den kleineren Golfmonarchien. Saudi-Arabien wiederum versteht sich als Vormacht der muslimischen Welt, als Hüterin der heiligen Stätten von Mekka und Medina. Für das Königshaus wäre es fatal, wenn es den Eindruck erwecken würde, es griffe gemeinsam mit Israel und den USA ein anderes muslimisches Land an.
Das Gespräch führte Eckart Aretz, tagesschau.de. Für die schriftliche Fassung wurde das Interview leicht angepasst.
Source: tagesschau.de