Norwegens „Folkehøgskole“: Erwachsenwerden in Krisenzeiten

Junge Menschen bereiten auf einem Lagerfeuer Essen bei einer Übung im Freien zu.


Europamagazin

Stand: 21.03.2026 • 15:16 Uhr

In Norwegen besuchen viele junge Menschen nach dem Schulabschluss eine besondere Art Internat. Dort stehen Gemeinschaft, Eigenverantwortung und praktische Erfahrung im Fokus. Für viele ist das gerade in der aktuellen Krisenzeit attraktiv.

Wie überlebt man bei -20 Grad im norwegischen Wald? Nur durch Wärme, zum Beispiel an einem Lagerfeuer: kleine Äste im tiefen Schnee finden, abgestorbene Bäume fällen, alles aufschichten und zum Brennen bringen. Das lernen rund 20 junge Erwachsene im Fach „Friluftsliv“, zu deutsch etwa „Leben in der Natur“. Sie gehen auf die „Folkehøgskole“, zu deutsch Volkshochschule in der Kleinstadt Elverum im Osten Norwegens.

„Bei der aktuellen Weltlage ist es auch gut, wenn die Jugendlichen wissen, was sie in Krisensituationen tun müssen. Zum Beispiel, wenn der Strom weg ist, ist das hier eine Möglichkeit, sich warmzuhalten“, sagt Lehrer Kristian Finstad. Er vermittelt seit vielen Jahren jungen Menschen das Leben und Überleben in Norwegens Natur.

Doch es geht auch um andere Werte: um Zusammenarbeit im Team etwa. Denn jeder der jungen Erwachsenen übernimmt eine andere Aufgabe. Manche fällen Bäume, andere schneiden das Fleisch und die Kartoffeln für das Mittagessen am Lagerfeuer.

Die Förderung von sozialem Zusammenhalt war einst der zentralen Motive für die Gründung der norwegischen Volkshochschule.

Bis zu 10.000 junge Menschen pro Jahr

„Jeder kann für sich erkennen, wie er oder sie zu diesem Erfolg beigetragen hat: Was ist meine Rolle in der Gruppe?“, erklärt Lehrer Finstad das Konzept. Jungen Menschen Zeit zu geben, sich weiterzuentwickeln und herauszufinden, was sie wollen: In Norwegens Bildungssystem spielt das eine große Rolle.

Über das ganze Land verteilt gibt es diese Volkshochschulen. Mit dem deutschen Pendant haben diese aber nichts zu tun. Die norwegischen Volkshochschulen sind Internate, die jedes Jahr von 7.000 bis 10.000 jungen Menschen im Alter von 18 bis Mitte 20 besucht werden, nachdem sie ihren Schulabschluss gemacht haben. Hier gibt es keine Prüfungen und keine Noten mehr, sondern praxisorientierten Unterricht.

„Folkehøgskoler“ gibt es in ganz Norwegen. Tausende Schulabsolventen besuchen sie jährlich.

Auch Deutsche an Norwegens Volkshochschulen

Neben Überlebenstraining im Wald wird viel gesungen, Theater gespielt, Snowboard gefahren – oder man kann lernen, wie man sein eigenes Messer schnitzt. Auch Aufräumen und Saubermachen gehört hier zum Erwachsenwerden dazu. Zweimal die Woche muss jeder sein eigenes Zimmer sauber machen.

Für den 19-jährigen Aron ist diese Mischung einer der Gründe, warum er sich für ein Jahr hier entschieden hat: „Es ist nicht so ein harter Schritt rein ins Erwachsenenleben, sondern eher so eine Art Treppenstufe zu mehr Selbstständigkeit.“

Auch aus dem Ausland kommen jedes Jahr Dutzende junge Menschen an Norwegens Volkshochschulen, so wie die 19-jährige Amelie aus Mecklenburg-Vorpommern. Das Wichtigste, was jeder hier lerne, sei, seine sozialen Kompetenzen auszubauen: „Man ist so oft zusammen auf engem Raum und kann sich auch nicht so richtig aus dem Weg gehen. Und da ist es schon wichtig, dass man soziale Kompetenzen verstärkt.“

Überlebenstraining in der Wildnis steht hier auf dem Programm. Das soll auch in Krisenzeiten Sicherheit geben.

Mehr Fokus auf Krisenvorbereitung

Sozialen Zusammenhalt fördern, das war eines der Hauptmotive für die Gründung der Volkshochschulen vor mehr als 150 Jahren. Deshalb übernimmt der norwegische Staat bis heute einen großen Teil der Kosten. In den vergangenen Jahren habe sich der Fokus aber ein bisschen verschoben, sagt Direktorin Monica Bekkelien.

Denn die Kriege und Krisen der Welt haben auch die Jugendlichen in Norwegen erreicht: „Viele junge Leute sind gerade verunsichert. Hier haben sie die Möglichkeit, sich mit Gleichaltrigen auszutauschen, und sie bekommen einen Alltag mit Struktur. Das gibt ihnen Selbstvertrauen, was sie robuster macht für die Zukunft.“

Deshalb soll ab dem kommenden Schuljahr die Vorbereitung auf Krisenfälle eine noch größere Rolle spielen. Damit Norwegens junge Erwachsene noch besser lernen, was es heißt, Verantwortung zu übernehmen – für sich selbst und für die Welt um sie herum.

Diese und weitere Reportagen sehen Sie im Europamagazin – am Sonntag um 12.45 Uhr im Ersten.

Source: tagesschau.de