Streamingdienst fürs Seelenheil

Der Kölner Dom will Eintrittsgeld sehen – und plötzlich klingt der alte Ablasshandel erstaunlich modern. Zwischen Haushaltsloch und Heilsversprechen stellt sich die Frage: Wann genau wurde aus dem Glauben ein Geschäftsmodell?

Die Kirche wirkt gerade angezählt. Ein Journalist, der sich mit den dunklen Machenschaften des Opus Dei beschäftigt, bekam diese Woche eine Privataudienz beim Papst. Es soll um die vielen Korruptionsmilliarden gegangen sein, mit denen sich der Geheimbund weltweit Einfluss in Politik und Wirtschaft ergaunert.

Solche Bereitschaft zur Selbstkritik ist einerseits löblich. Andererseits könnte, wenn der Heilige Vater faktisch zugibt, den Laden nur mithilfe von Investigativreportern zusammenzuhalten, auf Dauer das Unfehlbarkeits-Image leiden.

Parallel schlug Peter Thiel in Rom auf, von Beruf Tech-Milliardär aus dem Silicon Valley. Sein liebstes Hobby ist die Theologie. Seit einer Weile tourt Thiel als Vortragsreisender durch die Welt. In San Francisco, Paris und Cambridge war er schon, um seine Gedanken zu Gehör zu bringen. Er hat sie gebündelt unter dem schönen Titel „Antichrist und Apokalypse“.

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Wir sind nun keine Spezialisten für Himmel oder Hölle, sondern fühlen uns eher für das meiste dazwischen zuständig. Aber wenn wir es richtig verstanden haben, zieht Thiel mit zwei Thesen durchs Land: Erstens, Freiheit und Demokratie sind unvereinbar. Das zeigten die nur scheinbar demokratisch legitimierten Superstrukturen mit bizarrem Personal und noch bizarrerer Folklore wie die EU, die Vereinten Nationen oder der Eurovision Song Contest. Zweitens, wer die Segnungen der künstlichen Intelligenz (KI) für des Teufels halte, sei selber der Antichrist.

Der heißeste Anwärter auf diesen Titel ist demnach der Papst persönlich. Denn der warnt unermüdlich vor den Risiken der KI: „Alle Muskeln sterben ab, wenn wir sie nicht mehr nutzen. Und deshalb muss auch das Gehirn benutzt werden, damit wir unsere Intelligenz nicht verlieren.“

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Die katholische Kirche als Fitnessstudio des Geistes. Da dürfte man im Kölner Domkapitel die Ohren gespitzt haben. Dort sucht man gerade nach überzeugenden Gründen, warum ab Juli eine „Besichtigungsgebühr für touristische Besucherinnen und Besucher“ eingeführt werden soll – ausdrücklich ausgenommen: Gottesdienstbesucher und Betende. Es kursieren Zahlen von 12 bis 15 Euro Eintritt. Offiziell klagt man über das Missverhältnis von Einnahmen (14 Millionen Euro) und Ausgaben (14,2 Millionen Euro). Für das laufende Jahr werden die Ausgaben sogar auf 16 Millionen geschätzt. Der Messwein wird halt nicht billiger.

Mir wären es die paar Euro wert, den drei Jungs aus der Wüste noch einmal nahe zu sein

In Köln ist Panik ausgebrochen, was heißt, dass bei Früh am Dom der Kölschhahn erst recht nicht mehr stillsteht. Während die einen schimpfen, die Kirchensteuer sei wohl nicht genug, zeigen andere Verständnis. NRW-Europaminister Nathanael Liminski (CDU) meint höhnisch, das sei eben ein neuer Ablasshandel: „Früher hat man damit den Bau des Petersdoms gefördert. Heute ist man ehrlich: Wir brauchen das, um den Dom zu erhalten.“ Der Mann hat leicht reden: Als Mitglied des Dombauvereins ist er vom Eintritt befreit.

Auch Stephan Brings, Frontmann der kölschen Band, predigt Gelassenheit: „Wir dürfen uns über die Gedankenspiele des Domkapitels nicht aufregen“, findet er. „Mir wären es die paar Euro wert, den drei Jungs aus der Wüste noch einmal nahe zu sein.“ Gemeint sind wohl die Gebeine der Heiligen Drei Könige, die in einem Schrein hinter dem Hochaltar ruhen.

Viele Fragen sind offen. Wie will man zwischen Touris und Gläubigen unterscheiden? Was, wenn einer mit Rosenkranz und Anglerhut auftaucht? Und nach welchem Schema soll abkassiert werden? Mit einem Monatsabo wie ein Streamingdienst fürs Seelenheil? 9,99 Euro monatlich für „Dom Basic“ mit Mittelschiff und Blick nach oben, 14,99 Euro „Dom Premium“ inklusive Zugang zum Chorraum. Da am Dom immer noch gebaut wird – laut Überlieferung wird er erst fertig, wenn die Welt untergeht –, könnte man vielleicht auch bei Kickstarter mitmachen.

Source: welt.de