Mit Downsyndrom im Parlament: „Wir sind nur eine Sekunde langsamer“
Menschen mit Behinderung haben oft Probleme auf dem Arbeitsmarkt. Die Spanierin Mar Galcerán arbeitet als Abgeordnete mit Downsyndrom in einem spanischen Regionalparlament. Und am Ziel ist sie noch lange nicht.
Mar Galcerán ist in diesen Tagen eine gefragte Frau – weil in ihrer Heimat Valencia ein großes Volksfest tobt und sie mit ihrer traditionellen Tanztruppe mittendrin ist. Und weil am heutigen Welt-Downsyndrom-Tag das Interesse an ihr und ihrer Arbeit als Parlamentarierin besonders groß ist.
„Wenn es dazu dient, den Blick der Gesellschaft auf Menschen mit Behinderung zu verändern, dann sage ich bei jeder Einladung zu“, sagt Galcerán.
Fähigkeiten sehen, nicht Behinderung
Blicke ändern, das bedeutet für sie, nicht „als ewiges Kind“, wahrgenommen zu werden. Kein Mitleid, sondern Verständnis zu bekommen. „Wir sind nicht anders, vielleicht nur eine Sekunde langsamer“, erklärt sie.
Und dass Menschen weniger ihre Behinderung sehen, sondern ihre Fähigkeiten. Dafür habe sie sich ins Parlament der Region Valencia wählen lassen, in Deutschland entspräche das einem Landtag.
Der Weg dahin sei mitunter schwer gewesen, so ihre Mutter. Sie habe sich zunächst große Sorgen gemacht, als ihre Tochter vor 48 Jahren mit dem Downsyndrom zur Welt kam. Was würde aus ihr werden? Könne sie je selbstständig leben?
Das Downsyndrom ist eine genetische Besonderheit: Menschen damit lernen das Sprechen oft mit Verzögerung. Als typisches Merkmal wird häufig auch eine geringere Muskelspannung genannt.
An ihrem Erfolg habe ihre Familie einen großen Anteil, sagt Galcerán. Jedes Wochenende treffen sich alle zum Mittagessen.
Schulbesuch wie andere Kinder
Mar Galceráns Eltern entschieden sich, keinen Unterschied zu machen. So wurde sie auf dieselbe Schule wie ihre Brüder und die anderen Kinder aus der Nachbarschaft geschickt. An manchen Tagen brauchte sie zwei Stunden länger für die Hausaufgaben. Aber sie hielt mit.
Man müsse nur kreative Wege finden, sagt Mutter Pilar. Sie habe Lehrern gesagt, ihre Tochter habe das gleiche Wissen wie alle anderen. Aber sie könne es schlecht stundenlang aufschreiben.
Mündliche Prüfungen seien dagegen kein Problem. Später tritt sie auf zahlreichen Kongressen auf und spricht über das Leben mit Downsyndrom. Mar schafft die Schule, macht eine Ausbildung, schlägt eine Beamtenlaufbahn ein.
Es sei nichts Besonderes, mit einer Person mit Downsyndrom zusammenzuarbeiten, erklärt ein Abgeordneter. Es sei unspektakulär.
Abgeordnete mit Downsyndrom „ist unspektakulär“
Mit einem ihrer Brüder geht sie auch regelmäßig zu Treffen einer Jugendorganisation der konservativen Volkspartei. So landet sie schließlich im Herbst 2023 im Regionalparlament.
Ein Kollege Galceráns im Parlament erzählt, immer wieder würden Leute denken, nun sei etwas anders im Parlament. Dabei müsse man vielleicht vielmehr darüber nachdenken, was man eigentlich als normal betrachte.
Es sei unspektakulär, eine Abgeordnete mit Downsyndrom in den eigenen Reihen zu haben. Sie arbeite genauso wie alle anderen auch. Galcerán sagt: „Ich glaube fest daran, dass wir in allen Lebensbereichen präsent sein sollten, also auch in Parlamenten.“
Schwierigkeiten auf dem Arbeitsmarkt
Dass sie es dorthin geschafft habe, daran habe ihre Familie einen großen Anteil. An jedem Wochenende treffen sich alle zum Mittagessen. Mar Galceráns Bruder sagt: „Jeder ist, wie er ist. Unser Gedanke war immer: „Es gibt keine zwei Menschen, die gleich sind. Man muss jedem geben, was er braucht.“ In ihrem Fall war das vor allem: Mut und Zuversicht.
Als Abgeordnete hat Galcerán, was vielen anderen Menschen mit Behinderung noch fehlt: einen Job. Die Organisation Inclusion Europe hat untersucht, welche Chancen Menschen wie Galcerán in Europa haben.
In vielen Kategorien unterscheiden sich Deutschland und Spanien nur gering. Spanien biete zwar bessere Bildungsmöglichkeiten, in beiden Ländern gebe es aber Probleme auf dem Arbeitsmarkt.
Nächstes Ziel Marathon
Die schwerste Zeit für Galcerán war die Pubertät. Sie sei in ihrer Klasse gut integriert gewesen, erzählt die Mutter. Alle hätten sie sehr gemocht. Aber wenn es an den Wochenenden ins Kino ging oder in Kneipen, sei sie häufig nicht dabei gewesen.
Das habe sich später geändert. „Wir haben sie immer unterstützt, auch wenn mir schwindelig wurde bei dem, was sie vorhatte. Wir haben gelitten. Zum Beispiel, als sie anfing, Salsa zu tanzen und erst um drei Uhr nachts nach Hause kam.“
Derzeit trainiert Galcerán für einen Marathon. Sie will ihn kommendes Jahr in einer Staffel mit Freunden laufen. Es habe sich gelohnt, immer wieder zu kämpfen, sagt Mar Galceráns Mutter.
Aber am Ziel sind wir erst, wenn das deutsche Fernsehen nicht mehr nach Valencia kommt, um eine Abgeordnete mit Downsyndrom zu treffen. Wenn es einfach nichts Besonderes mehr ist.
Source: tagesschau.de
