„Ich dachte mir: Wie bin ich nur an diesen wunderbaren Mann bekommen?“
Siri Hustvedt sitzt in einem Berliner Hotelzimmer, als das Gespräch beginnt – aufrecht, gesammelt, mit einer stillen Präsenz. Sie trägt eine rostrote Strickjacke über einer dunklen, hochgeschlossenen Bluse, das kurze, hellblonde Haar locker, fast ungeordnet. Wenn sie spricht, lacht sie oft, besonders wenn sie von den glücklichen Jahren mit Paul Auster erzählt. Dann wieder hält sie inne, wenn die Erinnerung an seine letzten Tage aufscheint, an die schwere Krebserkrankung, an deren Folgen er 2024 starb.
Die promovierte Literaturwissenschaftlerin und Essayistin zählt seit Jahren zu den prägenden intellektuellen und feministischen Stimmen der amerikanischen Literatur. Gemeinsam mit ihrem Ehemann Paul Auster bildete sie über 43 Jahre ein legendäres Autorenpaar. Die Regisseurin Sabine Lidl, die 2019 bereits mit „Paul Auster – Was wäre wenn“ ein filmisches Porträt ihres Mannes vorlegte, hat nun Hustvedt über vier Jahre hinweg begleitet. Ihr Dokumentarfilm „Dance Around The Self“ (Kinostart: 2. April) ist – wie Hustvedts neues Memoir „Ghost Stories“ – ein Requiem auf diese Liebes- und Lebensgemeinschaft. Während der Dreharbeiten erfuhr Auster von seiner Krebskrankheit; ihr Verlauf bis zu seinem Tod ist Teil des Films und verleiht ihm eine existenzielle Dringlichkeit.
Hustvedts Werk kreist seit jeher um Erinnerung, Identität und Wahrnehmung. In „Was ich liebte“ (2003) erzählt sie von Freundschaft und Verlust in der New Yorker Kunstszene, im Roman „Die gleißende Welt“ (2014) von den Mechanismen des Kunstbetriebs und der Unsichtbarkeit von Künstlerinnen. Auch der Film zeichnet diesen Weg nach – Hustvedts Umzug von Minnesota nach New York, von der oft als „Frau von Paul Auster“ unterschätzten Autorin zu einer eigenständigen Stimme von internationalem Rang. Und erzählt auch von einem Leben, das nun ohne ihn weitergeht – und doch von ihm durchdrungen bleibt.
WELT: Frau Hustvedt, der poetische Dokumentarfilm „Dance Around The Self“ handelt nicht nur von Ihrem Leben und Ihrer Kunst, er zeigt auch viele Facetten Ihrer Ehe mit Paul Auster, der während der Dreharbeiten verstarb. Nach seinem Tod sagen Sie im Film, Sie hätten Ihren „Lebensmenschen“ verloren. Welche Bedeutung hat dieses Wort für Sie, das Sie auch auf Deutsch aussprechen?
Siri Hustvedt: Dahinter verbirgt sich eine interessante kleine Geschichte. Nach Pauls Tod schickte mir eine Professorin von der Universität Tübingen, die uns gemeinsam erlebt hatte, einen wunderschönen Kondolenzbrief. Darin schrieb sie: „Ich hatte das starke Empfinden, dass jeder von Ihnen beiden jeweils der Lebensmensch des anderen war.“ Als ich das las, dachte ich nur: „Gott, das ist so schön.“ Erst später fand ich heraus, dass dieses Wort – „Lebensmensch“ – im Deutschen nicht sehr gebräuchlich ist. Es ist offenbar kein Wort, das die Leute ständig verwenden.
WELT: Umso überraschter war ich, dass Sie es so leicht, fast selbstverständlich, angenommen haben.
Hustvedt: Mein passives Deutsch ist noch ziemlich gut. Ich habe sowohl in der Highschool als auch im College Deutsch gelernt und für mein weiterführendes Studium eine Prüfung in Deutsch abgelegt. Es tut mir gut, allein dieses Wort „Lebensmensch“ anzuschauen, das ja ein Kompositum ist, wie so viele andere schöne deutsche Wörter. Ich dachte nur: Mein Gott, das trifft es genau. Denn andere Wörter wie Lebenspartner, Ehemann oder Ehefrau treffen es nicht wirklich. Aber Lebensmensch – genau das war Paul für mich, und ich denke, ich war es auch für ihn. Wenn ich nur an die Güte dieses Mannes denke. (Sie macht eine Pause) In der Nacht, bevor er starb, lagen wir nebeneinander im Bett. Er war bereits sehr schwach und strich mir lange über meinen Arm. Dann sagte er: „Schreib weiter, arbeite weiter.“ Er wusste, dass er im Sterben lag, dass er nur noch wenige Tage leben würde. Und in dieser Gewissheit sagte er mir, während er neben mir im Bett lag, dann so etwas. Ich dachte mir: Wie bin ich nur an diesen wunderbaren Mann bekommen? (lacht)
WELT: Es ist bemerkenswert, dass Sie bei der Erinnerung an solche schönen, aber auch traurigen Momente, lachen. Auch im Film sehen und hören wir Sie an vielen Stellen, die oft bedrückend sind, lachen.
Hustvedt:Ja, ich weiß. Ich habe nie die Fähigkeit zu lachen verloren. Selbst nachdem Paul gestorben war, selbst in den heftigsten Anfällen enormer Trauer, verlor ich nie meinen Sinn für Humor. Und auch nicht die Fähigkeit, über mich selbst zu lachen. Paul wusste, wie man dem Tod ins Auge sieht. Er war außergewöhnlich. Ich glaube nicht, dass irgendjemand weiß, wie wir uns verhalten werden, wenn wir wissen, dass wir bald sterben. Man kann es nicht wissen. Ich weiß nicht, wie das sein wird, und ich gebe auch nicht vor, es zu wissen. Nur: Wenn ich wüsste, dass ich eine tödliche Krankheit habe und eher früher als später stürbe, würde ich mir gern Paul als Beispiel dafür nehmen, wie man damit umgeht. Ich weiß nur nicht, ob ich dem gerecht werden kann. Man weiß es eben nicht. Aber: Man kann versuchen, so wie er damit umzugehen. Der Film zeigt nicht nur Pauls Güte, sondern auch seinen enormen Mut im Bewusstsein des Todes .
WELT: Andere Szenen zeigen, wie Sie beide mit seiner Krankheit umgehen. Während Sie oben am Schreibtisch arbeiten, filmt die Kamera Ihren Mann, wie er unten im Wohnzimmer in einem Sessel sitzt und sagt, er wolle nicht, dass Sie wegen seiner Krankheit aufhören zu schreiben.
Hustvedt: Das meine ich, wenn ich sage, er war sehr großherzig. Denn er war sich vollkommen bewusst, dass er an dieser Krankheit sterben könnte. Der Tod war immer in unseren Gedanken. Er war an einer tückischen Krebsart erkrankt, er war durch die Hölle gegangen. Und ihn dann in seinem Stuhl sitzend zu sehen, wie er mit absoluter Aufrichtigkeit sagt, dass er sich gut fühle, dass ich oben schreibe – das ist etwas Schönes. So hat er sich mir gegenüber immer verhalten. Wir waren wirklich gleichberechtigt, in unserem gegenseitigen Respekt für die Arbeit des anderen. Zwischen uns gab es nie etwas anderes als das – gegenseitigen Respekt.
WELT: Ihr Mann starb während der Dreharbeiten zu dem Film. Haben Sie sich je gefragt, ob Sie diesen Film überhaupt abschließen sollten, all diese persönlichen, teils auch schmerzhaften Momente zu zeigen?
Hustvedt: Das werde ich oft gefragt. Es mag kurios erscheinen, aber es ist mir nie in den Sinn gekommen, mit dem Film aufzuhören. Wenn ich mit einem Projekt wie diesem beginne, wenn ich eine Verpflichtung eingehe, dann spüre ich so etwas wie eine moralische Verantwortung gegenüber diesem Film. Und dann fühlte ich mich Sabine Lidl, der Regisseurin, sehr verbunden. Sie ist mit der Zeit eine enge Freundin von mir geworden. Ich kannte sie schon, weil sie einen Film über Paul gemacht hatte, danach wusste ich, dass ich ihr vertrauen kann.
WELT: Sie sprachen von dem Respekt, der Ihre Ehe geprägt habe. Kritiker verhielten sich Ihnen gegenüber teils extrem respektlos. Im Film schildern Sie, wie Ihnen 1993 nach dem Erscheinen Ihres Debütromans „Die unsichtbare Frau“ ein deutscher Journalist ins Gesicht sagte, das Buch habe doch bestimmt Ihr Mann geschrieben. Wie reagiert man auf so einen Affront?
Hustvedt: Ich kann mich nicht mehr an den Namen des Journalisten erinnern, aber sehr wohl daran, dass mich dieser Vorwurf wirklich schockiert hat. Er sagte mir ins Gesicht: „Ich schätze mal, dass Paul Auster in Brooklyn so eine literarische Fabrik betreibt. Und dieses Buch von Ihnen, das hat in Wahrheit doch Paul Auster geschrieben.“ Ich war mir zunächst nicht sicher, ob er mich damit nur auf eine gemeine Weise herausfordern oder provozieren wollte. Dass er zwar wusste, dass ich diesen Roman geschrieben hatte, aber dennoch versuchte, mich unglücklich zu machen. Oder hat er das tatsächlich geglaubt? Ich weiß es nicht. Ich war in jenem Moment damals nicht abgeklärt genug, um zu verstehen, was da gerade passierte. Ich habe mich diesem Journalisten gegenüber ruhig verhalten. Aber als ich später allein im Hotelzimmer war, habe ich geweint.
WELT: Das liegt mehr als 30 Jahre zurück. Wäre ein derart beleidigendes Verhalten heute noch möglich?
Hustvedt: Ähnliches hat sich in verschiedenen Formen wiederholt, das hörte nicht auf. Nachdem 2019 mein Roman „Damals“ veröffentlicht worden war, erschien in England eine Rezension, in der stand: „Das liest sich wie ein Buch, das ihr Mann geschrieben hat“. Und diese Besprechung hatte, glaube ich, eine Frau geschrieben. Sexismus kann viele Formen annehmen. Das war noch eine vergleichsweise harmlosere Form der Beleidigung. Ich fragte mich nur: Hat sie das Buch überhaupt gelesen, verstanden, worum es geht? Ich erinnere mich noch an eine andere Begegnung mit einem Journalisten in Holland, als dieser Typ mir ebenfalls sagte: „Oh, das liest sich wie ein Buch von Paul Auster“. Woraufhin ich ihm ganz ruhig entgegnete: „Erklären Sie mir doch mal, wie Sie darauf kommen. Ich bin einfach neugierig.“
WELT: Wie hat er reagiert?
Hustvedt: Er sagte mir dann frei heraus: „Ich wollte Sie nur ein bisschen provozieren.“ Ich antwortete: „Warum machen Sie sowas? Welchen Sinn soll das haben?“ Können Sie sich vorstellen, dass man sich einem Mann gegenüber je so verhalten hätte? Das ist kein Sexismus, es ist Frauenhass. Hass auf jene Frau, die ihren angestammten Platz verlassen hat und die viel mehr weiß als der Mann, der ihr gegenübersitzt. Und deshalb will er sie niedermachen. Aber ich beziehe das nicht auf Männer im Allgemeinen. Frauenhass beschränkt sich nicht auf Männer. Er überschreitet Geschlechteridentitäten, und ich habe Interviews mit Männern geführt, die überzeugtere Feministen sind als manche Frauen, die mich interviewt haben. Trotzdem passiert so etwas mit einer gewissen Regelmäßigkeit. Man denkt, das wird irgendwann aufhören, wenn man selbst alt wird, Falten bekommt. Nur: Der Frauenhass will einfach nicht verschwinden. Das wird nicht eher passieren, bis unsere Gesellschaft wirklich begreift, was sie damit anrichtet. Schauen Sie sich nur an, was derzeit in den Vereinigten Staaten passiert. Schauen Sie sich an, wie mit Kamala Harris umgegangen wurde. Da war dieser eine Mann, der behauptete, sie habe einen niedrigen IQ …
WELT: Der Mann heißt Donald Trump, er hatte Harris zudem als geistig nicht zurechnungsfähig bezeichnet.
Hustvedt: Dass wir uns nicht missverstehen: Ich war nicht mit allen politischen Positionen von Kamala Harris einverstanden. Aber wie auch immer Sie zu ihrer Politik stehen mögen: Sie ist eine brillante Frau, mit großem Sachverstand – und sie ist attraktiv, richtig? Und wenn die Leute diese beleidigende IQ-Bemerkung einfach tolerieren, bringen sie damit zum Ausdruck, dass auch sie glauben, Kamala Harris überschätze sich und halte sich für etwas Besseres – das diskreditiert sie nicht nur als Frau, sondern als schwarze, asiatische Frau: braun, schwarz, weiblich. Weg damit. Wir erleben in den USA gerade einen dunklen Moment.
WELT: Zu Beginn der ersten Trump-Administration hatten Sie im Januar 2017 noch auf den Stufen vor der Public Library wütend gegen seine Politik und die Bedrohungen für Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und demokratische Institutionen protestiert …
Hustvedt: Ja, ich hatte meine Rede herausgeschrien. Danach hatte ich einen kleinen Migräneanfall, fing an zu zittern. Ich weiß noch, wie Paul meinen Arm nahm und mir sagte: „Ich wusste bisher nicht, dass ich mit Rosa Luxemburg verheiratet bin.“ (lacht) Ich fühlte mich so stolz in diesem Moment. Ich sagte ihm: „Oh, Sweetheart, ich danke Dir.“ Diese Rede hatte alles aus mir herausgesogen. Außer mir war noch andere Dichter und Schriftsteller dort, sie standen einfach auf, hielten zahme, kraftlose Reden. Ich dachte mir: Das ist doch jetzt nicht der Moment, um mit netten, höflichen Gedichten Trost zu spenden. Was stimmt denn nicht mit euch anderen? Ich sagte: „Darum geht es doch jetzt nicht. Angesichts der politischen Lage müssen wir uns jetzt die Seele aus dem Leib schreien.“ Ich weiß noch, wie ich tatsächlich schrie: „Mr. Trump, wir werden nicht zurückweichen. Wir werden nicht zurückweichen.“ Es war wie ein Aufheulen, von den Stufen der Bibliothek hinab.
WELT: Vermissen Sie diese Wut in der gegenwärtigen Opposition gegen Trump?
Hustvedt: Es gibt Widerstand gegen Trump. Das haben zuletzt die Proteste in Minneapolis gezeigt. Ich bin Mitglied von „Writers For Democratic Action“.
WELT: Eine politische Initiative von Schriftstellern, die sich für den Schutz der Demokratie in den USA engagiert.
Hustvedt: Ja, wir schmieden Pläne. Einige von uns sind sogenannte ICE-Observer, das sind Bürger, die Einsätze der Einwanderungsbehörde ICE beobachten und dokumentieren, um mögliche Rechtsverstöße festzuhalten. Meine Schwester gehört dazu. Als ICE-Beamte in meine Geburtsstadt Northfield in Minnesota kamen, leistete die Stadt Widerstand. Es sind gewöhnliche Menschen, die ihn ausüben, die auf den Straßen von Minneapolis protestieren, die Trillerpfeifen verteilen oder gestrickte rote Mützen als Hommage an jene Norweger, die die roten Mützen als Zeichen des Widerstands während der Nazi-Besatzung trugen.
WELT: Ihre Mutter stammt aus Norwegen, im US-Bundesstaat Minnesota gibt es einen großen Bevölkerungsanteil mit norwegischen Wurzeln.
Hustvedt: Ja. All diese Formen des Protests gibt es. Nur scheuen sich viele der traditionellen Medien darüber zu berichten. Weil die großen Medienkonzerne panische Angst haben, dass sie entweder den Zugang zur Macht verlieren oder dass sie deshalb von der Trump-Administration bestraft werden. Viele Medien sind eingeknickt, so wie man das auch bei den Universitäten und vor allem in der Tech-Branche beobachten konnte. Wir stecken in großen Schwierigkeiten. Denn vergleichbare autoritäre Bewegungen gibt es derzeit überall auf der Welt, nicht nur in den USA. Und wir riskieren, selbst die Idee demokratischer Republiken weltweit zu verlieren. Das ist sehr ernst. Aber ich fühle eine Pflicht, zu sagen, was ich denke.
Zur Person:
Die am 19. Februar 1955 in Northfield (Minnesota), als Tochter einer norwegischen Einwanderin und eines Professors für Literatur geborene Siri Hustvedt zählt zu den bedeutendsten US-amerikanischen Schriftstellerinnen und Essayistinnen. Sie studierte zunächst Geschichte am St. Olaf College in Northfield und promovierte später in englischer Literatur an der Columbia University in New York. International bekannt wurde sie mit Romanen wie „Die unsichtbare Frau“ (1993), „Was ich liebte“ (2003) und Essay-Sammlungen wie „Eine Frau schaut auf Männer, die auf Frauen schauen“ (2019). Ihr neues Buch „Ghost Stories“ ist bei Rowohlt erschienen. Vom 22. bis 29. März geht Hustvedt damit auf Lesereise mit sieben Stationen von Köln bis Zürich.
Source: welt.de