„Wir steuern gen eine gefährliche Unterversorgung zu“
Die Honorare für Psychotherapie werden kräftig gesenkt. Eine Abwertung ihrer Arbeit, klagen Therapeutinnen. Sie warnen vor schwerwiegenden Folgen – vor allem für Kassenpatienten.
Jede Woche melden sich rund 60 Menschen bei der Institutsambulanz der Arbeitsgemeinschaft für Psychoanalyse und Psychotherapie in Berlin und suchen einen Therapieplatz. Das Institut vermittelt Psychotherapeuten in Ausbildung. Derzeit sei man aber vollkommen ausgelastet, berichtet Ambulanz-Leiterin Miriam Redzewsky. Es folgen jede Woche also 60 Absagen.
Bundesweit liegt die Wartezeit auf einen Therapieplatz bei fünf Monaten – in ländlichen Regionen teils um ein Vielfaches höher. „Wir steuern auf eine gefährliche Unterversorgung zu“, sagt die Psychotherapeutin.
In dieser angespannten Lage erreichte Redzewsky und ihre Kolleginnen vergangene Woche eine alarmierende Meldung: Psychotherapeuten sollen künftig weniger Geld bekommen. Die Vergütung durch die Krankenkassen, also etwa für eine Sitzung Einzeltherapie, soll um 4,5 Prozent gekürzt werden. Das entschied der Erweiterte Bewertungsausschuss, bestehend aus dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen (GKV), drei unparteiischen Mitgliedern und der Kassenärztlichen Bundesvereinigung. Gültig ist die Kürzung ab 1. April.
Das Gesundheitssystem weist ein Milliardendefizit auf. Deshalb soll gespart werden. Die GKV forderte Einbußen von zehn Prozent für Psychotherapeuten mit eigener Praxis, da diese in den vergangenen Jahren „überproportionale Honorarerhöhungen“ erhalten hätten. Seit 2013 seien die durchschnittlichen Honorare um 52 Prozent gestiegen, bei anderen Facharztgruppen lediglich um 33 Prozent – während 72 Prozent der Psychotherapeuten nicht Vollzeit arbeiteten, teilt der Kassenverband mit. Trotz Erhöhung habe man „keine verbesserte Versorgung oder verkürzte Wartezeiten“ festgestellt. Man wende rund 4,6 Milliarden Euro jährlich für die psychotherapeutische Versorgung auf.
Zudem wurde ein Strukturzuschlag erhöht, der Praxen bei der Büroarbeit unterstützen soll. Um Beitragszahler zu entlasten, sei die Kombination „ein angemessener Kompromiss“. Das Ziel sei nicht Ersparnis, sondern, Leistungen für ambulante Behandlungen „in einem ausgewogenen Verhältnis“ zu halten. Dennoch spare man durch die Entscheidung im laufenden Jahr voraussichtlich 90 Millionen Euro.
Psychotherapeuten sind allerdings im Vergleich zu Haus- oder Fachärzten die am schlechtesten verdienende Berufsgruppe. So lag der durchschnittliche Reinertrag von psychotherapeutischen Praxen 2023 bei 86.000 Euro, von Arztpraxen bei 310.000 Euro – Kosten für Praxisräume oder Versicherung müssen hiervon noch abgezogen werden. Eine Einzeltherapiestunde wird mit rund 120 Euro vergütet. Rund 75 Prozent der Psychotherapeuten sind Frauen.
Christina Jochim befürchtet schwerwiegende Folgen durch die Honorarkürzungen. „Der Versorgungsdruck steigt, die Wartelisten werden länger, und jetzt wird Psychotherapie so massiv abgewertet“, sagt die Bundesvorsitzende der Deutschen Psychotherapeuten-Vereinigung. „Wer bei Psychotherapie kürzt, spart nicht, sondern verschiebt die Kosten. Ins Krankengeld, in Kliniken, in Erwerbsausfall durch psychische Erkrankungen.“ Die Sparrechnung gehe also keineswegs auf. Viele psychische Erkrankungen bleiben jahrelang unbehandelt, wie Befragungen zeigen – der Bedarf steigt indes stetig an.
Unter Psychotherapeuten hat die Entscheidung – die zu steigenden Preisen und Inflation hinzukommt – zu Entrüstung geführt. Von Berlin bis München, von Saarbrücken bis Chemnitz plant ein neu formiertes „Aktionsbündnis Psychotherapie“ Demonstrationen, erwägt einen Streik. Bei einer Kundgebung in Leipzig stand auf Pappschildern: „Psychische Gesundheit ist kein Lifestyle“ oder „Gesetzlich Versicherte müssen draußen weinen“. Eine Petition gegen die Kürzung sammelte in nur einer Woche mehr als 380.000 Unterschriften. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat unterdessen angekündigt, gegen den Beschluss des Erweiterten Bewertungsausschusses zu klagen.
„Bei der Entscheidung wird deutlich: Krankheit und psychische Gesundheit werden nicht ernst genommen“, sagt auch die psychoanalytisch und tiefenpsychologisch arbeitende Therapeutin Redzewsky. „Merz beklagt hohe Krankheitstage – und gleichzeitig soll bei der Psychotherapie gespart werden. Dabei leisten wir unverzichtbare Präventionsarbeit.“ Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) forderte zuletzt mehr Arbeitseinsatz und kritisierte den hohen Krankenstand in Deutschland. Bei einer Rede im Januar fragte er zum jährlichen Schnitt von 14,5 Krankentagen bei Beschäftigten: „Ist das wirklich richtig? Ist das wirklich notwendig?“
Die Honorarkürzungen könnten den Engpass in der Therapie-Versorgung verschärfen. Erst zum Jahresbeginn habe sie einen halben Kassensitz in der Hauptstadt für rund 42.000 Euro gekauft, sagt Redzewsky. Hinzu kämen Ausbildungskosten von etwa 80.000 Euro, von denen Schulden blieben. Der Kassensitz sollte eine Investition in berufliche Stabilität sein – die nun völlig unsicher erscheine. Sie müsse nun neu kalkulieren, so die 39-Jährige. „Ich muss gesetzlich Versicherten absagen, um privat Versicherte zu übernehmen, sonst kann ich laufende Kosten und meinen Kredit nicht decken.“
Man fühle sich „ausgebremst und nicht wertgeschätzt“, sagt Redzewsky. Der Beruf sei mental fordernd, erfordere zur Qualitätssicherung stetige Weiterbildung. Wenn immer mehr Patienten aufgenommen werden müssten, um finanziell rentabel zu arbeiten, leide die Gesundheit von ihnen wie von Therapeutinnen gleichermaßen.
Gehaltskürzung zum Berufsstart
Die Ausbildung zum Psychologischen Psychotherapeuten ist eine Privatausbildung, die auf ein Master-Studium folgt. Hierfür fallen hohe Kosten für die Institute, für eine Selbsterfahrungstherapie und Supervision an. Praktische Tätigkeit in Psychiatrien und Kliniken ist Pflicht, erst kürzlich wurde ein monatliches Mindestgehalt von 1000 Euro festgelegt, die Ausbildung wird derzeit neu strukturiert. Redzewsky erlebte das noch anders: „Ich habe während meiner praktischen Tätigkeit täglich mit schwerkranken, suizidalen Menschen gearbeitet – und lebte von 320 Euro Gehalt und Hartz IV.“
Die Honorarkürzung im April trifft zeitlich auf den Start der Psychotherapeutin Jana R. in einer Praxis-Stelle – nach Studium und siebenjähriger Ausbildung. „Ich stecke voller Energie und will endlich loslegen“, sagt die 35-Jährige. „Als Willkommensgeschenk bekomme ich einen eigenen Stempel und eine Gehaltskürzung.“ Dass die Kürzung einen frauendominierten Beruf trifft, empfinde sie als Abwertung der Arbeit von Frauen. Aus einem Arbeiterhaushalt kommend habe sie stets in Nebenjobs arbeiten und Schulden aufnehmen müssen. Die Ausbildung beende man in einem Alter, in dem Familienplanung anstehe, die Kürzungen hätten entsprechend Einfluss auf die Lebensplanung.
Denn sie habe nun eigentlich auf einen Kassensitz hinarbeiten, Schulden abbezahlen und Geld für die Altersvorsorge sparen wollen, erzählt die tiefenpsychologisch arbeitende Psychotherapeutin. „Da ist die buchstäbliche Entwertung der psychotherapeutischen Arbeit eine besorgniserregende Entwicklung“, sagt sie. „Hochqualifizierte akademische Berufe haben eine faire Entlohnung verdient. Es geht hierbei nicht um Luxus, sondern um Angemessenheit und wirtschaftliche Kalkulierbarkeit.“
Das Signal der Entscheidung: Die Arbeit werde nicht wertgeschätzt. „Ich muss hochkonzentriert sein, und zum Beispiel Trauma, Leid, Wut und große Verzweiflung emotional halten können“, sagt R. Es sei wichtig, auf die eigene Gesundheit zu achten, um Überforderung zu verhindern. „Es braucht daher keine Erhöhung der Arbeitszeit, sondern mehr Kassensitze, um dem Bedarf gerecht zu werden.“
Die Deutsche Psychotherapeuten-Vereinigung behält sich nun rechtliche Schritte gegen die Entscheidung vor – und fordert das Bundesgesundheitsministerium von Nina Warken (CDU) als Rechtsaufsicht zur Prüfung auf. Das Ministerium teilt mit, man befasse sich derzeit mit der Sache.
Jana R. will sich derweil an den Protesten beteiligen. „Unser Beruf hat lange sehr viel ausgehalten. Es hat gefehlt, dass wir mal wütend sind“, sagt sie. Die Kürzungsentscheidung habe das geändert. „Wir lassen uns die Entwertung unserer Arbeit nicht länger gefallen.“
Politikredakteur Kevin Culina berichtet für WELT über Gesundheitspolitik, die Linkspartei und das Bündnis Sahra Wagenknecht.
Source: welt.de