Was vom „Leseland Sowjetzone“ übrigblieb – und warum man die ganze Wahrheit erzählen sollte
Wer war verantwortlich dafür, dass nach 1990 ganze Bibliotheken mit DDR-Literatur auf Müllhalden landeten? Es waren nicht die bösen Westler, sondern die ostdeutschen Kommunen selbst. Ein Experte stellt jetzt Fragen.
Ist die DDR-Literatur aus dem öffentlichen Bewusstsein verschwunden? Dieser Frage geht Carsten Gansel in seinem neuen Buch nach. Gansel, der einzige ostdeutsch sozialisierte Germanistikprofessor an einer westdeutschen Universität, ist dazu prädestiniert wie kaum jemand sonst, hat er sich doch unermüdlich durch Editionen und zahllose Aufsätze für die Präsenz zum Beispiel von Uwe Johnson, Brigitte Reimann, Gerti Tetzner oder die Kinder- und Jugendliteratur der DDR eingesetzt. Das steht nun allerdings unter dem knalligen Titel „Ausradiert?“. Im Text selbst verschwindet das Fragezeichen schnell, und wahlweise ist sogar von „Auslöschung“ die Rede. Hat dem sprachsensiblen Germanisten niemand im Verlag davon abgeraten, solch einschlägig belastete Begriffe zu verwenden? Oder kalkulierte man da mit einem Oschmann-Effekt?
Gansel beklagt zunächst die materielle Delegitimierung der DDR-Literatur, er zitiert Christoph Links, der die Geschichte der DDR-Verlagslandschaft bereits in mehreren Büchern nachgezeichnet hat, zuletzt in „Verschwundene Verlage“: Demnach gingen von den 78 Verlagen, die im Jahr 1990 existierten, 95 Prozent an Westunternehmen. Und die heute noch existierenden acht erzeugen gerade einmal 2,1 Prozent der deutschen Buchproduktion. Zu Recht erinnert Gansel daran, dass die Treuhand, indem sie den Verlagen ihre Immobilien nahm, diesen auch die Chance nahm, sich am Markt zu behaupten, und dass sie etwa den Aufbau-Verlag verkaufte, wozu sie gar kein Recht hatte. Noch mehr empört er sich über die nach 1990 schnell erfolgte, wahrlich skandalöse massenhafte Entsorgung von DDR-Literatur auf Müllhalden und Äckern: Volksbuchhandlungs-Remittenden und aus allüberall geschlossenen oder aussortierten Bibliotheken.
Nur: War dafür die Treuhand, gar eine westliche Buch-ICE-Truppe verantwortlich? Oder waren es nicht die ostdeutschen Verlage, Buchhändler, Bibliothekare, Kommunen selbst? Gansel kritisiert die heute an der Universität der Bundeswehr in München lehrende Historikerin Hedwig Richter, die in einem Einführungswerk 2009 pauschal von Zensur sprach. Er hingegen insistiert darauf, dass es ordentliche Begutachtungsprozeduren gab, um dann Christoph Heins Philippika 1987 gegen die „Zensur“ zu zitieren.
Im Weiteren empört er sich, dass ‚Kulturschaffende‘ respektive die ganze intellektuelle „Dienstklasse“ (ein Begriff des Politikwissenschaftlers Dieter Segert) rund ums Buchwesen arbeitslos wuwurde, dass Autoren keine Verlage und keine Leser mehr fanden, dass etwa der Rammsteiner Till Lindemann seinem als Kinderbuchautor erfolgreichen Vater das Haus vom Alteigentümer zurückkaufen musste, dass – nun tatsächlich schrecklich – einige Suizid begingen. Hat man sich durch den Breiberg aus Gansels eigener und anderer Empörung gefressen, dann kommt man zwar nicht ins Schlaraffen- aber ins Leseland DDR.
Gansel über das Leseland DDR
Und da ist Gansels Buch als Baedeker unverzichtbar, weil es zum einen die Funktion der Literatur als „Aufstörung“ (Niklas Luhmann) rekapituliert, als notwendiges Realitätskorrektiv zu Propaganda und Nichtgesagtem wie als Anwältin der Glücks- und Zukunftsansprüche des Individuums. Zum anderen ist das eine bewundernswert kundige, lebendige, durch eigene Reminiszenzen und Autorengespräche anschaulich gemachte Skizze der mühevollen Wege der DDR-Literatur und ihrer großen Autorinnen und Autoren von den Anfängen bis zur Wende.
Das ist – zumal in der Kompaktheit – unverzichtbar und wird von Fall zu Fall zur (Wieder-)Lektüre verlocken. Wenngleich nicht unbedingt von Hermann Kants „Impressum“, der wohl perfidesten Simulation kritischer Staatsbefragung. Selbst der weiß Gansel noch Positives abzuringen. Merkwürdig ist allerdings, dass es nur selten um die spezifischen ästhetischen Qualitäten geht, wo er doch beklagt, dass die DDR-Literatur im Westen nicht nach ihren ästhetischen Qualitäten beurteilt wurde.
Sehr bedenkenswert an Gansels Buch ist der Abschnitt über die Kinder- und Jugendliteratur, der überzeugend darlegt, wie viel an Innovativem mit ihr in Vergessenheit geriet. Interessant auch der Durchgang durch die Rezeptionsphasen in der bundesrepublikanischen Presse, von der pauschalen Verteufelung nach dem Mauerbau über die neugierige oder besorgte Hinwendung seit den 1970ern bis hin zum Ikonoklasmus nach 1990, der freilich nicht nur Christa Wolf, sondern auch Günter Grass traf, während andere, wie Günther de Bruyn,rst recht gefeiert wurden.
Sieht man von der Whatabout-Rückfrage ab, wie die DDR-Medien umgekehrt mit der westlichen Literatur umgingen, dann bleibt immer noch die Frage, wer denn in den Beitrittsländern durch die westliche Presse an der Lektüre ‚seiner‘ Autorinnen und Autoren behindert wurde. Gansel schreibt ja selbst: „Für einen nicht geringen Teil derjenigen, die in der DDR Kindheit und Jugend erlebt haben, bildet die Literatur des verschwundenen Landes auch heute noch eine Art Orientierungspunkt.“
Gansel meint, dass die Bewohner der alten Bundesländer mehr DDR-Literatur lesen sollten, weil die Ostdeutschen „durch ihre Erfahrungen in der DDR und im Transformationsprozess gefeit sind gegen allzu übertriebene Versprechungen und Ideologien“, „realistisch die Wirklichkeit beobachten und daher sensibel erkennen können, wann demokratische Rechte in Gefahr sind“. Unerklärlich ist dann allerdings, dass die Kritik an der Jugendgewalt in der DDR, wie sie etwa in Christoph Heins „Der fremde Freund“ schon 1982 formuliert wurde, weder durch diese noch andere Lektüre die Ostdeutschen davor bebewahrt hatin großen Scharen einer Partei nachzulaufen, die sich mit ebendieser Gewalt gemein macht.
Carsten Gansel: Ausradiert. Wie die DDR-Literatur verschwand. Reclam, 384 Seiten, 28 Euro
Source: welt.de