Chaos in Nahost: Sorge vor dem Gaspreis-Schock setzt Koalition unter Druck








Angriffe auf Katars Flüssiggasanlagen lassen die Preise hierzulande kräftig anziehen. Die schwarz-rote Koalition ist alarmiert. Welche Überlegungen es jetzt gibt.

Die Preise steigen und steigen, nach wechselseitigen Angriffen auf die Gasindustrie Irans und Katars haben sie im europäischen Großhandel erneut stark angezogen, lagen am Donnerstagnachmittag mehr als doppelt so hoch wie vor Beginn des Iran-Kriegs. 



Plötzlich wachsen die Sorgen vor Lieferengpässen, vor einem möglichen Preisschock, sollte sich die Lage in Nahost weiter zuspitzen. Schwarz-Rot ist alarmiert, schließlich schlägt sich der Iran-Krieg schon an der Zapfsäule nieder. 

In der Koalition werden daher umfassende Überlegungen angestellt, wie man einer drohenden Gaskrise begegnen könnte. Die einen denken dabei an innenpolitische Maßnahmen, andere an ein außenpolitisches Signal – das eine radikale Kehrtwende darstellen könnte.  


SPD will Belastungen im Zweifel „abfedern“

„Wir sehen die Entwicklungen am Gasmarkt mit großer Sorge“, sagt SPD-Fraktionsmanager Dirk Wiese dem stern. Zwar erwarte man keine Versorgungsengpässe, „allerdings beginnen die höheren Weltmarktpreise sich auch in Deutschland auf Gaspreise und auch auf Strompreise deutlich auszuwirken“. 

Die eingesetzte Taskforce der Koalitionsfraktionen, die zurzeit im Schnellverfahren für Entlastungen an der Zapfsäule sorgen will, beobachte auch diese Entwicklung sehr genau, betonte Wiese – und deutet an, im Zweifel auch hier für Entlastungen sorgen zu wollen. „Klar ist: Wenn die Krise anhält, werden wir entschlossen reagieren und Belastungen insbesondere für kleine und mittlere Einkommen abfedern.“ 




Bislang ist Entspannung nicht in Sicht – im Gegenteil, die Lage könnte sich schnell verschärfen, sollten sich die Angriffe auf große Energieanlagen in der Golfregion fortsetzen. So hat US-Präsident Donald Trump dem Iran mit der Sprengung des Gasfeldes „South Pars“ gedroht, sollte er erneut einen Gaskomplex in Katar angreifen. Die dortige Anlage hatte der Iran zuvor in einem Vergeltungsangriff attackiert. 


Die Folge: Am Donnerstag schnellten die Öl- und Gaspreise in die Höhe, der Preis für europäisches Erdgas stieg in der Spitze um mehr als 30 Prozent. Die Sorge vor Lieferengpässen nimmt zu. 

Die erheblichen Einschränkungen des Schiffsverkehrs durch die wichtige Straße von Hormus beginnen sich vor allem auf Verbraucher in Asien auszuwirken. Sie sind auf Lieferungen aus der Golfregion besonders angewiesen, haben zuletzt auch auf dem europäischen Markt verstärkt Gas nachgefragt. Jetzt kommen noch die Angriffe auf Gasfelder hinzu. 





Kommt es zur Kehrtwende?  

Die Ausweitung des Konflikts stellt nun auch die Position der Bundesregierung der letzten Tage infrage. Die ließ sich zuletzt so zusammenfassen: Unser Krieg ist das nicht, ein Militäreinsatz in der Straße von Hormus wäre erst nach dem Ende der Kampfhandlungen denkbar. 

Am Donnerstag klingt das plötzlich wieder anders: „Wir bekunden unsere Bereitschaft, einen Beitrag zu geeigneten Anstrengungen zu leisten, um eine sichere Passage der Meerengen zu gewährleisten“, so hieß es in einer neuen Erklärung, die die Bundesregierung gemeinsam mit Frankreich, Großbritannien, Italien, den Niederlanden und Japan veröffentlichte. Und weiter: „Wir begrüßen das Engagement von Staaten, die vorbereitende Planungen durchführen.“

Die Angriffe des Irans auf Gasfelder in den Golfstaaten sorgen offenbar für einen Stimmungswechsel. „Wir unterstützen die Golfstaaten und setzen uns diplomatisch dafür ein, dass Angriffe auf zivile Infrastruktur aufhören“, sagt etwa der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses, Armin Laschet, dem stern. Europa müsse ein klares Signal senden, dass man „ohne Wenn und Aber“ an der Seite der Golfstaaten stehe. Die Angriffe des Irans seien „nicht akzeptabel“ und ein schwerer Fehler.





CDU-Ministerpräsident wegen Gaspreisen alarmiert  

Deutschland ist zwar nicht so stark abhängig vom Öl, das durch die Straße von Hormus geliefert wird. Allerdings dürfte sich ein langfristiger Lieferengpass beim Gas aus den Golfstaaten auch hierzulande bemerkbar machen. Katar ist einer der weltweit wichtigsten LNG-Produzenten. Durch die Straße von Hormus werden etwa 20 Prozent des weltweiten Flüssigerdgases transportiert, das primär aus Katar kommt. 

Andere Stimmen in der Union denken daher längst weiter und drängen auf militärisches Engagement in der Straße von Hormus. Denn auch Deutschland hat Fähigkeiten, die international ihresgleichen suchen: vor allem bei der Minenräumung zu Wasser. Doch jetzt, heißt es in der Unionsfraktion, sei erst mal die Stunde der Bundesregierung. Deren Bemühen um eine international abgestimmte Position wolle man nicht zuvorkommen.

„Diese Krise ist eine riesige Herausforderung“, sagt Sven Schulze, Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt. „Unsere Industrie, vor allem die energieintensiven Unternehmen, können mit diesen Preisen nicht mehr wirtschaftlich arbeiten“, sagt er dem stern





Immer mehr Firmen drohten abzuwandern, diese Entwicklung müsse man „sehr ernst“ nehmen. „Deshalb müssen wir zu Nettoentlastungen kommen, und hier vor allem konkret beim EU-Emissionshandel“, fordert CDU-Mann Schulze, der das auch der Bundesregierung und der EU-Kommission klar kommuniziert haben will. „Wir müssen die CO2-Bepreisung senken, um die Wirtschaft und am Ende auch die Verbraucher zu entlasten.“ 

Sven Schulze spricht in ein Mikrofon

Sven Schulze, Ministerpräsident in Sachsen-Anhalt, spricht von einer „riesigen Herausforderung“ 

© Matthias Bein / DPA

Die Bundesnetzagentur sieht die Versorgungssicherheit zwar weiter gewährleistet. Die Gasversorgung in Deutschland sei stabil, sagte eine Sprecherin, und auf dem Weltmarkt aktuell ausreichend Gas verfügbar. Allerdings zu steigenden Preisen. „Die weitere Entwicklung hängt von der Dauer des Krieges ab.“


Energieexperten geben zumindest für Verbraucher vorsichtig Entwarnung. So geht etwa Andreas Fischer vom Institut der deutschen Wirtschaft trotz der aktuellen Preisanstiege im Großhandel davon aus, dass ein Großteil der Haushaltskunden zunächst keine spürbar höheren Erdgaspreise bezahlen muss. „Die aktuellen Steigerungen dürften bei vielen Verbrauchern noch nicht ankommen, vor allem, wenn sie Festpreisverträge haben. Das sichert sie gegen kurzfristige Anstiege ab“, sagte er zur Deutschen Presse-Agentur. Es komme jetzt auf das Ausmaß der Schäden an den katarischen LNG-Anlagen an. „Je mehr dort beschädigt wurde, desto schwieriger und langwieriger wird das Wiederhochfahren.“ 

Das Ausmaß der Schäden durch die iranischen Luftangriffe ist offenbar beträchtlich, die Gasinfrastruktur Katars ist nach Angaben des Staatskonzerns QatarEnergy schwer beschädigt. Durch die Attacken seien 17 Prozent der Exportkapazität für Flüssigerdgas ausgefallen, sagte QatarEnergy-Chef Saad al-Kaabi am Donnerstag der Nachrichtenagentur Reuters. Die Reparatur der Anlagen werde drei bis fünf Jahre in Anspruch nehmen.

Mit Material der Nachrichtenagenturen DPA, AFP und Reuters

Source: stern.de