Im Gespräch | Comedienne Parshad Esmaeili: „Ich habe nur gelernt, nicht die Klappe zu halten“
Parshad Esmaeili wirkt fokussiert, fast ein bisschen zu ruhig, als sie den Videocall betritt. Es ist Promotag für ihr Buch Papa weg. Mama müde. Ich laut. Wer Parshad von der Bühne oder aus ihren viralen Sketchen kennt, erwartet das Dauerfeuer einer Entertainerin. Doch heute ist die Energie eine andere.
Esmaeili wuchs im südhessischen Groß-Zimmern auf. Nach der Trennung ihrer Eltern ist sie mit ihrem Bruder von ihrer Mutter allein großgezogen worden, der Vater entzog sich den Unterhaltszahlungen. Parshad ist zwischen der iranischen Kultur ihrer Mutter und Verwandten, MTV und Entertainment-Inhalten aufgewachsen. Sie selbst nennt sich am liebsten ein „hessisch Mädsche“.
Schon in Jugendjahren hat sie sich auf Bühnen gewagt. Von ersten Stand-up-Auftritten zu einer eigenen Hip-Hop-Radio-Show bei Planet Radio, wird sie schließlich von Enissa Amani unter Vertrag genommen. Gleichzeitig begeistern ihre humorvollen Videos im Internet bald Hunderttausende Menschen.
Esmaeili verwebt emotionale Erinnerungen mit Humor und Anekdoten
Heute ist Parshad Teil des Funk-Netzwerks, geht auf Schrottauto-Rallye für den WDR und ist Teil des ZDF-Magazin-Royale-Ensembles. Ende März startet ihre eigene Gameshow bei ZDF Neo, gefolgt von einer Tour ab April. Vor ein paar Jahren beim Spotify-All-Ears-Event – dem Branchenevent für Podcasts – moderierte Parshad eine der Bühnen. Dort lernten auch wir uns kennen, weshalb dieses Gespräch per Du geführt wird.
In ihrem ersten Buch schreibt Esmaeili nun über ihre Kindheit, das Aufwachsen ohne Geld und Vater, wie kompliziert ihr Verhältnis zu ihrer Mutter lange Zeit gewesen ist. Dabei verwebt sie emotionale Erinnerungen mit Humor und Anekdoten, die auch gut und gerne Teil eines Comedy-Programms sein könnten. Auch ihr Verhältnis zum Iran reflektiert sie in dem Buch.
Die Besuche in ihrer Kindheit und Jugend, die in ihr Sehnsucht und Trauer auslösen. Die Sequenzen sind nostalgisch, warm und zeigen ihre innere Zerrissenheit. Ihre Familiengeschichte ist dabei von Rebellion geprägt. Ihr Onkel im Widerstand gestorben. Der Rest der Familie teils geflüchtet, teils geblieben. Während des anhaltenden Kriegs im Iran wechseln ihre Instagrampostings zwischen Buchpromo und Eindrücken und Gedanken zur aktuellen Situation. Wie absurd sich diese Gleichzeitigkeit für sie anfühlen muss, lässt sich nur erahnen. Das Interview ist vor den Angriffen der USA und Israels geführt worden.
der Freitag: Parshad, im zweiten Kapitel deines Buches beschreibst du dich als kleines Mädchen, das von der Schaukel springt – ohne Zeugen für diesen kleinen Erfolg. Was würde diese kleine Parshad dazu sagen, dass du den ganzen Tag Interviews für dein Buch gibst?
Parshad Esmaeili: Sie würde sich endlich gesehen, gehört und verstanden fühlen. Und sie wäre einfach dankbar, dass sich heute so viele Menschen für unsere Geschichte interessieren. Aber um ehrlich zu sein: Sie wäre auch ein bisschen pissed auf mich. In ihrer Welt hat es viel zu lange gedauert, bis wir uns endlich mit dem beschäftigt haben, was in unserer Vergangenheit passiert ist.
Hat der Schreibprozess den Blick auf deine Kindheit verändert?
Total. Ich musste ja wirklich anfangen zu recherchieren. Ich habe Anwaltsakten gelesen, um zu verstehen, warum bestimmte Dinge passieren konnten. Manchmal hatte ich das Gefühl, das Gesetz hat uns einfach im Stich gelassen. War das mit dem Unterhalt nicht offensichtlich genug für den Anwalt oder den Richter? Einige Sachen sind bis heute ungeklärt, aber durch die Interviews in meiner Familie und die Recherche über Generationstraumata und Kriegsgeschichten wurde vieles logischer.
Hast du dadurch einen anderen Blick auf das deutsche System für Alleinerziehende bekommen?
Ich bin fest davon überzeugt: Hätte man damals bei meinem Vater rund um das Thema Unterhalt mehr nachgebohrt, hätte er zahlen müssen. Es gibt Dinge, die ich aus juristischen Gründen im Buch gar nicht erläutern darf, aber es ist einfach ärgerlich. Meine Mutter wurde als Alleinerziehende vom System nicht gesehen.
Sie wurde im Stich gelassen – und hat deswegen am Ende ihre eigenen Kinder verpasst. Sie war nur noch mit dem Überleben beschäftigt. Wenn ich die Macht hätte, würde ich das Gesetz ändern. Das Schicksal ganzer Familien hängt davon ab, wie wir mit Alleinerziehenden umgehen.
Du hast davor schon viel geschrieben – Skripte, Monologe, Sketche. Wie war es, jetzt an einem Buch zu sitzen, das bleibt?
Ich habe es komplett unterschätzt. Ein Sketch ist schnell weg, aber das hier ist jetzt das Buch. Der Anfang wurde mir noch vom Universum geschenkt, aber danach war es ein harter Weg. Welchen Fokus wähle ich? Rede ich über den Joker oder über die Einsamkeit?
Normalerweise hole ich mir Feedback bei meinen engsten Leuten, aber diesmal hieß es: „Ey, das ist deine Geschichte, du musst selbst fühlen, was wichtig ist.“ Ich musste emotional noch mal richtig tief in dieses Kind schlüpfen, das nicht gehört wurde. Würde ich das noch mal machen? Zu einer Milliarde Prozent. Ich habe mich selbst erst durch diesen Prozess richtig kennengelernt.
Du hast für das Buch auch intensive Interviews mit deiner Mutter geführt.
Ich komme aus einem konservativen Denken, in dem man Familienprobleme nicht nach außen trägt. Das ist ein absolutes Tabu. In den Gesprächen gab es oft Trigger. Meine Mutter lebt gerne im Hier und Jetzt, sie ist ein „Riesenhater“ der Vergangenheit. Ich hingegen brauche die Reise zurück, um das Heute zu verstehen.
Das war eine feurige Dynamik. Manchmal wollte das Kind in mir ihr die Schuld geben: Warum hast du ihn geheiratet? Warum sind wir nicht reich? Ich musste dieses Kind in mir manchmal richtiggehend zum Schweigen bringen, um zu verstehen: Sie ist nicht die Schuldige. Sie konnte mir jetzt viel erwachsenere Antworten geben als damals.
Wie ist euer Verhältnis heute?
Man könnte denken, jetzt ist alles Happy End, aber die Wahrheit ist: Wir müssen uns erst mal richtig kennenlernen. Wir haben durch die Umstände so viel Zeit verpasst. Wir leben zwar wieder zusammen und sie ist für mich das Bewundernswerteste auf der Welt, aber wir sind super gegensätzlich. Wir versuchen gerade, Freundinnen zu werden.
Du schreibst sehr offen über die internalisierte Misogynie deiner Mutter, die sie durch das iranische Regime gelernt hat, und über deine eigene Scham. Was gibst du jungen Frauen mit, die in ähnlichen Strukturen aufwachsen?
Sobald du so bist, wie du bist, und niemandem schadest – was interessiert es dann die anderen? Ich musste das schmerzhaft lernen. Selbst wenn die eigene Familie nicht damit klarkommt: Es ist dein Leben. Ich sage meinen Mädels immer: Ihr seid euer höchstes Gut. Es gibt keinen Hauptcharakter in eurem Leben außer euch selbst. Ich nenne mich nicht mal eine Rebellin. Ich habe nur gelernt, nicht die Klappe zu halten. Ich bin einfach ein lauter Flummi.
Früher hast du gesagt, du kannst mit keiner Partei was anfangen. Wie siehst du das heute?
Ich hasse die Politik manchmal. Es gibt so einfache Dinge, die nicht umgesetzt werden. Ein AfD-Verbot zum Beispiel – was ist da das Problem? Wenn Leute in meine Show kommen und mir mit blauen Herzen schreiben, dass sie mich „geil finden, obwohl …“, dann sage ich: Du bist maximal falsch bei mir. Warum folgst du mir überhaupt? Blockieren, entfernen, fertig.
Fühlt sich das manchmal wie ein Käfig an, wenn die Branche dich auf eine Ikone für migrantische Menschen reduziert?
Absolut. Ich spreche gerne über meine Wurzeln, aber mich nur darauf zu begrenzen ist schade. Ich habe eine persische Essenz, aber auch eine japanische, eine türkische, was weiß ich. Wenn ich für Formate nur wegen meines Hintergrunds angefragt werde, fühle ich mich verarscht.
In deinem Buch gehst du „all in“, was Verletzlichkeit angeht – Stichwort „Daddy issues“.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass das teils schamlos ausgenutzt wird. Es gibt weirde Männer, die das sexualisieren: „Vaterkomplexe, die ist einfach zu manipulieren.“ Nur weil mir jemand zuhört und sagt, er sei stolz auf mich – was ich mir von meinem Vater gewünscht hätte –, kann das genau die Person sein, die mich nur flachlegen will und sich dann verpisst.
Ein großes Thema im Buch ist Einsamkeit. Du sagst, unsere Generation verlernt durch Social Media echte Aufmerksamkeit.
Wir haben eine Aufmerksamkeitsspanne von -5.000. Ich habe mich von Leuten gelöst, die bei einem Deep Talk nicht mal fünf Minuten ihr Handy weglegen können. Ich sage denen das auch ins Gesicht: Ihr seid Weirdos. In meinem stabilen Freundeskreis legen wir die Handys weg und sind füreinander da. Das ist das einzige „Antiallergikum“ gegen Einsamkeit.
Du bist aber selbst Teil dieser Social-Media-Welt. Wie gehst du mit diesem Widerspruch um?
Entertainment ist für mich das beste Mittel gegen Einsamkeit. Es ist eine Riesenehre, wenn Menschen ein Video von mir anschalten, wenn sie sich allein fühlen. Aber ich hoffe, dass sie danach auch woanders Komfort finden – beim Gassi gehen, beim Essen oder in einem Gespräch ohne Bildschirm. Manchmal, wenn ich einen Einsamkeitsschub habe, rede ich laut mit mir selbst, nur um meine eigene Stimme zu hören. Dann schnappe ich mir meinen Hund Luffy und gehe raus.
Was steht nach der eigenen Gameshow und dem Buch noch auf deiner Bucketlist?
Ich bleibe humble, weil das alles nicht selbstverständlich ist. Aber wenn ich mir eine Kleinigkeit wünschen darf, dann wäre es privates Glück. Ich war noch nie so richtig verliebt.
Parshad Esmaeili ist Entertainerin und Stand-up-Comedienne. Sie arbeitet unter anderem für Funk und das ZDF und ist Teil des Magazin-Royale-Ensembles. Ihr erstes Buch Papa weg. Mama müde. Ich laut erschien soeben bei Knaur (224 S., 18 €)