Düngemittel: Wenn welcher Irankrieg gen dem deutschen Acker ankommt
Wie sehr gerade Angst die Märkte treibt,
merken sie genau bei SKWP im brandenburgischen Piesteritz, nahe Dessau. Hier
hat Deutschlands größter Gasverbraucher seinen Firmensitz, einer der letzten
verbliebenen Produzenten von Harnstoff und Ammoniak. Beides sind wichtige Grundstoffe
für die Industrie und Landwirtschaft; sie landen am Ende in Lkw-Dieseltanks als AdBlue oder in der
Düngemittelproduktion. Der jährliche Bedarf von SKWP ist größer
als der des Chemiekonzerns BASF, er macht rund zwei Prozent des deutschen Gasverbrauchs aus – das entspricht etwa den Mengen des Saarlands und Bremen zusammen.
SKWP ist besonders von den steigenden Preisen betroffen, weil sich das Unternehmen größtenteils am Spotmarkt eindeckt. „Bei
uns ist Gas nicht nur der Energielieferer, sondern vor allem ein zentraler
Rohstoff“, sagt Markus Bosch, Abteilungsleiter Strategie Energie bei SKWP. Aktuell hat das Unternehmen mit den knapp 1.000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern Preise von mehr als 50 Euro für die Megawattstude zu verkraften. Vor Beginn des Irankriegs lag der Preis bei rund 30 Euro.
Nach den jüngsten Angriffen auf Gasfelder im Iran sind die Großhandelspreise am Donnerstag noch einmal in die Höhe geschnellt. „Wir haben bereits schlechte Jahre hinter uns“, sagt Bosch. „Auf Dauer ist diese Situation nicht durchhaltbar; das ist für das Unternehmen bedrohlich.“ Schon
im vergangenen Jahr musste SKWP zwischenzeitlich eine von zwei Ammoniakanlagen herunterfahren, weil
die Produktion zu teuer wurde. Inzwischen sind alle Anlagen wieder am Start, wenn auch nicht vollständig ausgelastet.
Vom Exporteur zum Importeur
Die Sperrung der Straße von Hormus kommt so am
Ende auch in der deutschen Wirtschaft an. Schon der Preisanstieg durch den Ukrainekrieg 2022 hatte für SKWP gravierende Folgen. Damals schossen die Preise für Erdgas zwischenzeitlich
auf mehr als 300 Euro je Megawattstunde, ein Einschnitt für die gesamte
Düngemittel-Branche. Bis dahin konnte sich Deutschland bei Düngern gut selbst
versorgen und sogar Stickstoff exportieren. Doch seit den hohen Gaspreisen
muss importiert werden, weil Firmen Produktionsanlagen stilllegen mussten.
Die Folge: Deutschland bezieht
sogar aus Russland rund zehn Prozent seines Stickstoffdüngers,
den Großteil importiert es aus den Niederlanden. Für die gesamte EU sieht das Bild anders aus: Da war Russland 2024 mit insgesamt 30 Prozent der größte Lieferant. Aus Sorge um Lieferengpässe und
Preissteigerungen hat die EU bislang auf einen vollständigen Importstopp aus
Russland verzichtet. Seit Mitte 2025 erhebt die EU
allerdings Zusatzzölle auf russische Düngemittel.
Angesichts der unabsehbaren Energiekrise
flammt die Debatte über Autarkie nun wieder auf: Wie sehr will sich Deutschland auf
Importe verlassen? „Wir brauchen auch zukünftig eine wettbewerbsfähige Düngemittelproduktion in Deutschland“, sagt etwa Johann Meierhöfer, Leiter des
Fachbereichs Pflanzliche Erzeugung beim Deutschen Bauernverband. Die Produktion hierzulande sei zwar teurer, aber wichtig: „Wenn sie wegbricht, wären wir
völlig von Importen abhängig – das widerspricht dem Aufbau einer resilienten Lieferkette.“
Sorge vor Billigkonkurrenz
Auch der Industrieverband Agrar, unter dessen Dach sich unter anderem die
Düngemittelproduzenten sammeln, lobbyiert für eine bessere einheimische
Versorgung und sinkende Gaspreise. „Eine starke heimische Produktion ist die
einzige verlässliche Säule für Versorgungssicherheit, Preisstabilität und
Klimaschutz“, teilt der Verband mit. Er fordert zwar
keine Gaspreisbremse, fürchtet aber, dass die EU den Import von Dünger
erleichtert, indem sie etwa Zölle aussetzt.
Und die Landwirte? Noch bekommen sie die
Gaspreiskrise nicht direkt zu spüren. Auch, weil derzeit kaum Dünger gekauft
wird. „Sehr viele Landwirte haben sich bereits im Herbst eingedeckt mit Dünger,
deswegen ist die aktuelle Preissteigerung in der Regel kein Problem“, sagt
Meierhöfer vom Bauernverband. Sollten die Steigerungen allerdings anhalten, könne es schwierig werden. „Landwirte können zwar den Einkauf von Dünger für die
Saison 26/27 etwas verschieben, aber irgendwann muss gekauft werden.“ Unter der aktuellen Preissteigerung litten eher
kleinere Betriebe, die nicht auf Vorrat einkaufen können, weil Geld oder
Lagerfläche fehlen.
Wer kann, hat vorgesorgt, wie etwa die
Ziltendorfer Niederung. „Wir haben einen
guten Teil des Düngers schon gekauft“, bestätigt deren Geschäftsführer Stefan
Rothe. Die Brandenburger Bauerngesellschaft ist einer der großen ostdeutschen
Betriebe, mit 4.200 Hektar Acker- und Grünland. Rothe beobachtet seit Ausbruch
des Irankriegs bereits um 20 Prozent erhöhte Preise beim Dünger. Jetzt zu kaufen
für die nächste Saison hält er für einen Fehler – aber länger abwarten sei auch
schwierig. „Wir müssen irgendwann entscheiden: Kaufen wir jetzt auf Vorrat? Und
dann ist der Krieg in zwei Wochen vorbei, und die Preise sinken?“
Für die
Landwirte sind ohnehin nicht nur die Preise für Dünger wichtig, sondern auch
die Weltpreise für Produkte: Höhere Kosten lassen sich eher verschmerzen, wenn
der Verkauf sich später lohnt. Danach sieht es aber nicht aus. Die weltweiten
Lager mit Getreide sind gut gefüllt.
Gibt es günstige Alternativen?
Warum aber ersetzen die Landwirte nicht einfach den mineralischen Dünger? Tatsächlich ist das nicht so einfach. Zwar beobachten Forscher des Thünen-Instituts, dass zunehmend Landwirte Leguminosen wie Acker- und Sojabohnen pflanzen, die Stickstoff binden. Und es gibt organischen Dünger wie Gülle und Mist. Darauf umzustellen, sei auch teilweise machbar, sagt Thünen-Fachmann Maximilian Zinnbauer. „Aber die Stickstoffversorgung aus organischem Dünger ist schlechter kontrollierbar als bei mineralischem Dünger.“ Das kann Folgen haben: Gerste wächst dann etwa rasant, die Halme kippen um – und das erschwert die Ernte. Zumal Ackerbaubetriebe nicht immer im Umkreis einen Betrieb mit Tierhaltung haben, um an Gülle und Mist zu kommen.
Ob sich die Preissteigerung beim Dünger später auch
in den Supermarktregalen abzeichnet, ist noch offen. Wenn, dann dürfte sich das erst
im Herbst zeigen, wenn die teurer gedüngte Ware als Brot und Mehl in den Handel
kommt. Das hängt auch davon ab, wie die
Getreideernte weltweit ausfällt – weniger Ernte lässt Preise steigen, gute
Ernten eher nicht.