Geldpolitik: Zentralbanken im Wartestand

Die Europäische Zentralbank, die amerikanische Federal Reserve und die Bank of England haben in diesen Tagen ihre Leitzinsen unverändert belassen, aber auf die durch die steigenden Energiepreise zunehmenden Inflationsgefahren hingewiesen. Die vorsichtige Haltung der Zentralbank ist einer Lage angemessen, in der sich die Dauer der kriegsbedingt höheren Energiepreise nicht vorhersehen lässt. Daher lässt sich auch noch nicht bestimmen, ob der Energiepreisschub die langfristigen Inflationserwartungen in der Wirtschaft beeinflussen wird.
Die Zentralbanken haben die harte Kritik nicht vergessen, die sie für ihre grobe Unterschätzung des Inflationsschubs zu Beginn des Jahrzehnts einstecken mussten. Dementsprechen geben sie sich jetzt zu recht sehr wachsam. Gleichwohl wäre ein vorschneller Vergleich mit dem Inflationsschub in der Pandemie wie auch mit dem Inflationsschub in der Ölkrise vor gut einem halben Jahrhundert trügerisch.
In den beiden Episoden aus der Vergangenheit waren die Geld- wie die Finanzpolitik vor Ausbruch der kräftigen Energiepreissteigerungen sehr expansiv gewesen. Das Energieangebot zu deutlich höheren Preisen traf auf eine staatlich großzügig alimentierte gesamtwirtschaftliche Nachfrage. In einem solchen Szenario kann die Inflationsrate innerhalb kurzer Zeit kräftig steigen. Im Jahr 1973 erreichte sie in der Bundesrepublik 7,1 Prozent; im Jahr 2022 waren es 6,9 Prozent. Aktuell ist zwar nicht nur in Deutschland die Finanzpolitik zu expansiv, aber die Geldpolitik hatte zuletzt weder Eurozone noch in den Vereinigten Staaten oder in Großbritannien über die Stränge geschlagen.
Die Zentralbanken haben weniger unmittelbaren Einfluss auf die Energiepreise als der Präsident der Vereinigten Staaten. Donald Trump hat die Warnungen seiner Militärs vor einer Blockade der Straße von Hormus in den Wind geschlagen und erweckt nun einen ratlosen Eindruck. Die beste Nachricht für den Ölmarkt besteht derzeit in den Bemühungen der Saudis, mehr Öl über das Rote Meer zu verschiffen. Am Persischen Golf kann es nicht so bleiben, wie es derzeit ist. Die Zentralbanken sollten erst einmal warten, wie sich die Lage dort entwickelt.