„Memory of a Killer“ nebst RTL+: Wieso liegt meine Knarre im Kühlschrank?

Angelo Doyle (Patrick Dempsey) hat die Haare schön und teure Klamotten am Leib, außerdem ein Luxusapartment und einen schicken Sportwagen. Als Auftragskiller kommt er offensichtlich gut durch. Bis sein Gedächtnis nachlässt. Angelo merkt es, wenn er den Türcode an seiner Wohnung eingeben muss oder die im Safe geglaubte Pistole neben dem Käse im Kühlschrank findet. Eines Furcht einflößenden Tages könnte es ihm wie seinem älteren Bruder gehen. Der leidet an Demenz und ist auf Pflege angewiesen.

Auf die „Arbeit“ als Killer haben die Aussetzer noch keine Auswirkung. Verlässlich wie immer findet Angelo das Restaurant, in dem er einen asiatischen Gangster ausschalten soll. Der Glatzkopf kommt rein und geht mit seinem Begleitschutz aufs Klo. Angelo wartet. Und fertig. Bevor jemand die Leichen entdeckt, ist der Mörder auf und davon. Sein Auftraggeber, ein Koch namens Dutch, der wie ein italienischer Pate auftritt (Michael Imperioli aus den „Sopranos“), dankt es Angelo mit dem nächsten Honorar-Bündel. Pünktlich wie geplant findet er sich alsdann wieder bei seiner schwangeren Tochter (Odeya Rush) ein und spielt den Kopiermaschinenhändler mit biederem Kombi. Ganz ähnlich einige Tage darauf. Diesmal prügelt Angelo einen Lederjackenträger ins Jenseits – um anschließend, wie versprochen, beim Ultraschalltermin der Tochter zugegen zu sein. Großer Jubel, es wird ein Junge. Von „Gender disappointment“ haben sie in dieser Serie noch nichts gehört.

Ein Auftakt mit markanten Schwächen

Ob der US-Zehnteiler „Memory of a Killer“, ein Hochglanz-Thriller von Fox, großen Jubel auslöst, steht in den Sternen. RTL wollte vor dem Start in Deutschland nur die erste Folge preisgeben, und dieser Auftakt wurde nicht nur, wie das öfter der Fall ist, von einem anderen Regisseur als die anschließenden Folgen gedreht – er hat auch markante Schwächen.

Die Dialoge erklären, was nicht erklärt werden muss, die Figuren wurden hastig mit dem letzten Tintenrest eines Kulis entworfen. Bei den Tageszeiten kommt man nicht mit. Und der Kontrast zwischen dem Vorstadtidyll, in dem die Familienszenen von Angelo spielen, und der kühlen Großstadtwelt, in der er tötet und nach Feierabend der Barkeeperin Nicky (Michaela McManus) den Kopf verdreht, ist zwar cool und stylish – aber er müsste noch schärfer sein. In dieser Form sitzt es nicht.

Am und im Wochenbett: Angelo Doyle (Patrick Dempsey) und seine Tochter Maria (Odeya Rush)
Am und im Wochenbett: Angelo Doyle (Patrick Dempsey) und seine Tochter Maria (Odeya Rush)RTL

Begeisterungsstürme dürfte die Pilotfolge einzig bei der schwäbischen Sportwagenschmiede auslösen, die der Nachspann ausdrücklich als Sponsor aufführt. Eleganter als den Dienstwagen des Killers setzt die Kamerafrau Kristin Fieldhouse nur den Schauspieler Patrick Dempsey hinter dem Steuer in Szene. Einst brachte er in elf Staffeln der Krankenhausserie „Grey’s Anatomy“ als Doktor Shepherd die Frauenherzen in Wallung. Dann raffte es „McDreamy“ durch die Begegnung mit einem Laster dahin.

„Memory of a Killer“ ist insofern vor allem eine Sache für Fans, die den Imagewandel von Dempsey bewundern wollen. Unterschätzen sollte man die Serie aber auch nicht. Der belgische Film „De Zaak Alzheimer“, dem sie nacheifert, fuhr 2003 reichlich Lob ein, und das erste US-Remake aus dem Jahre 2022, „Memory“ mit Liam Neeson, war nicht so schlimm wie von nölenden Rezensenten beschrieben.

Optimistisch stimmt, dass die Geschichte des schmucken, zunehmend von Gedächtnislücken geplagten Auftragskillers, der sein Doppelleben verheimlichen muss, mit unbeglichenen Rechnungen aus der Vergangenheit verrührt wird. Ein Polizist (Peter Gadiot), der den vorzeitigen Tod von Angelos Frau untersucht, will Angelo unbedingt sprechen. Ein missgelaunter Jeepfahrer taucht auf. Und der demente Bruder Michael (Richard Clarkin) im Heim soll neulich doch mal tatsächlich einige Worte gesprochen haben. Geheimnisvoll hebt er den Finger, als Angelo ihm von seinen Sorgen um die Sicherheit der schwangeren Tochter erzählt. Damit lässt sich arbeiten, wenn man die Demenz-Erkrankung als reines Spannungselement akzeptiert.

Memory of a Killer startet am Donnerstag bei RTL+.

Source: faz.net