Im Gespräch | Carsten Gansel: „Die Deutsche Demokratische Republik-Verlage wurden im Schnelltempo vertickt“

Es ist eine Frage, die viele umtreibt, Schriftstellerinnen und Schriftsteller, Leser und Wissenschaftler: Was geschah mit der Literatur der DDR nach 1990? Bekannt ist, was mit den vielen Tonnen Büchern aus den letzten Produktionen der DDR passierte: Sie wurden auf der Mülldeponie entsorgt.

Das Land DDR, dessen Alltagsgeschichte sie bezeugen, gibt es nicht mehr. Wurde damit auch seine Literatur entbehrlich? Carsten Gansel hat für das Verschwinden der Literatur der DDR ein hartes Wort gewählt: ausradiert. Er fügt im Titel seines neuen Buches diesem ultimativen Urteil ein Fragezeichen an: Ausradiert?

Gansel ist Ostdeutscher, geboren in Güstrow, und lehrt seit 30 Jahren als Professor an einer West-Uni in Gießen unter anderem die Literatur des untergegangenen Landes, er führte Hunderte Gespräche mit Autorinnen und Autoren. Vor etwas mehr als zwei Jahren verfasste er unter dem Titel Ich bin so gierig auf Leben eine Biografie der Schriftstellerin Brigitte Reimann.

Im Vorjahr gab er Theodor Plieviers Weltbestseller Stalingrad (1946) neu heraus und führte mit Gerti Tetzner ein langes Gespräch, das in der Neuausgabe ihres Erfolgsromans Karen W. enthalten ist.Gerti Tetzner, Brigitte Reimann, Christa Wolf und ihre Kollegen Werner Bräunig, Wolfgang Hilbig, Christoph Hein und viele andere haben Literatur geschrieben, die für die SED-Führung zu Störfällen wurde. Warum – fragt Gansel – sollte mit dem Land auch seine Literatur untergehen? Der Autor sucht nach den Gründen für die Ausradierung und Delegitimierung der Literatur der DDR.

Dass für Ostdeutsche der Widerspruch zwischen ihrer Erinnerung an gelebtes Leben und den insbesondere in Politik und Medien vermittelten Bildern von Diktatur und Altlasten der DDR permanent größer wird, scheint die Betreiber dieser Auslöschung nicht zu stören. Auf rund 380 Seiten unternimmt Gansel einen Gang durch die Literatur von SBZ und den folgenden 40 Jahren DDR und prüft Leistungen und Niederlagen. Zudem zeigt er, in welcher Weise die Erfahrungen in und mit der DDR – einschließlich ihrer Literatur – den kritischen Blick auf Gesellschaft, auch in der Gegenwart, bestimmen.

der Freitag: Herr Gansel, war die Abwertung der Literatur der DDR im deutsch-deutschen Literaturstreit gleich nach 1990 quasi die Eintrittskarte in die deutsche Einheit?

Carsten Gansel: Das würde ich so nicht sagen wollen, weil es nach einem moralischen Makel klingen könnte. Aber außer Frage steht, dass im Mainstream und im sich ausbildenden kulturellen Gedächtnis des geeinten Deutschlands von Beginn an eine einseitig-pejorative Sicht auf das untergegangene Land wie auch seine Literatur etabliert wurde. Mit Blick auf das neue Jahrtausend hat der Soziologe Martin Sabrow von der Dominanz eines „Diktaturgedächtnisses“ gesprochen, das den „Unterdrückungscharakter der SED-Herrschaft“ herausstellt und permanent solche Motivketten wie Unrechtsstaat, Mauerschützen, Stasi oder Doping nennt. Das ist durchaus berechtigt, nur geht eine Gesellschaft darin nicht auf, zumal diese Narrative nur bedingt das gelebte, wenn auch „gebremste Leben“ eines Großteils der DDR-Bürger erfassen können.

Der Abwertung der Literatur ging voraus, dass Ostdeutsche selten gefragt waren, wenn es darum ging, die Geschichte der DDR darzustellen. Welchen Preis hatte das für die deutsche Einheit?

Die notwendige Auseinandersetzung mit der vergangenen DDR erfolgte unter der Dominanz des – sagen wir mal – „aufnehmenden“ bundesdeutschen Systems. Die Ostdeutschen besitzen bis in die Gegenwart mit wenigen Ausnahmen keine wirklichen Repräsentationsinstanzen, ich denke an die Medien oder auch die Universitäten. Bekanntlich ist der prozentuale Anteil der Ostdeutschen in sämtlichen staatstragenden Institutionen marginal. Daran ändern Berichte einer Ostbeauftragten absolut nichts.

Sie sehen eine Leistung von Autoren wie Christa Wolf, Stefan Heym, Heiner Müller und anderen darin, dass sie für den SED-Staat ein Störfaktor waren. Aber trugen sie nicht genauso auch zur Stabilisierung bei?

Auf jeden Fall, zumal die Autoren der „Aufbaugeneration“ nach Nazidiktatur, einem verheerenden Krieg und dem Holocaust mit literarischen Texten eine neue und bessere Gesellschaft mit befördern wollten. Es ging ihnen darum, „teilzuhaben an der Veränderung der Welt“, mithin in gesellschaftliche Belange einzugreifen. Und wenn seit den 1970er-Jahren zunehmend der Widerspruch zwischen Ideal und Wirklichkeit, den die DDR-Bürger im Alltag erlebten, zum Gegenstand des Erzählens wurde, hat das natürlich die Hoffnung auf einen anderen Sozialismus wachgehalten. Das Stabilisieren durch Kritik gilt in anderer Weise auch für die westdeutsche Literatur. Heinrich Böll sah die kritischen Autoren als die „prominenten Vorzeigeidioten der BRD“, die die „lächerliche Rolle des Gewissens“ spielen würden.

Der Umgang mit der DDR, ihrer Geschichte und ihrer Literatur ist die Nagelprobe für die Gegenwart

Hat die nachträgliche Abwertung der Literatur der DDR und überhaupt der Kunst, denken wir an Georg Baselitz‘ Wort, die Künstler aus der DDR seien „ganz einfach Arschlöcher“, auch der westdeutschen Seite einen Gewinn eingebracht? Sie konnte sich überlegen fühlen.

Mit der deutschen Einheit nach Artikel 23 des Grundgesetzes, also durch Beitritt der DDR, stand fest, wer Sieger und wer Verlierer war. Von dem, was die Ostdeutschen geliebt und verachtet hatten, blieb kaum etwas übrig. Ihnen wurde täglich vermittelt, wie wenig das erworbene kulturelle Kapital im neu vereinigten Land zählte. Noch dazu sind sie bis heute Objekte eines pädagogischen Programms zur Diktaturgeschichte, in dem ihnen beigebracht werden soll, wie sie gelebt haben. In der Literatur ist dagegen die „wirkliche Wirklichkeit“ (Anna Seghers) mit ihren „gestockten Widersprüchen“ archiviert.

Dass der Westen mit der Literatur der DDR nicht klarkam, liegt auch daran, dass die westdeutschen Leser die Codierung der Texte aus dem Osten gar nicht verstehen konnten. Es war nicht ihr Alltag, über den geschrieben wurde. Uwe Johnson formulierte treffend: „Echtes Ausland ist selten so fremd.“ Da konnten Desinteresse und Fehlurteile von westdeutschen Lesern wie Kritikern nicht ausbleiben?

Die Sprache ist deutsch, wie Günter Grass einmal gesagt hat, aber die „Themenwahl“ sei in der DDR-Literatur eine ganz andere. Offensichtlich ist bis in die Gegenwart hinein nicht klar, was es für eine Gesellschaft und die dort interagierenden Menschen bedeutet, wenn es kein Privateigentum mehr gibt und Betriebe in Volkseigentum überführt wurden. Oder eben eine Einheitspartei das Sagen hat. Das gesellschaftliche Leben funktioniert nach anderen Regeln. Es gelten andere Wertorientierungen mit Folgen für die zwischenmenschlichen Beziehungen und das Handeln der Menschen. Die Literatur erzählt davon. Wo nicht versucht wird, die „andere Seite mit ihren eigenen Augen“ zu sehen, wie Uwe Johnson das vorgeschlagen hat, kommt es zu Fremdheit, Abwehr, ja mitunter gar hassvollen Reaktionen, in diesem Fall im Westen.

Ist das auch eine Antwort auf die oft gestellte Frage: Gab es zwei deutsche Literaturen?

Ja. Denn mit der gesellschaftlichen Auseinanderentwicklung unterschieden sich die erzählten Geschichten deutlich voneinander, wenngleich die Basis, nämlich eine gemeinsame Geschichte und Kultur, erhalten blieb.

Sie erinnern noch einmal an die 80 Millionen Bücher aus DDR-Produktion, die sich im Moment von Währungsunion und deutscher Einheit auf Müllhalden wiederfanden. Ein barbarischer Vorgang, eine Schande für eine Kulturnation, richtig. Aber er hatte auch Ursachen, deren Motiv nicht nur der Wille war, die Literatur der DDR auszuradieren. Ostdeutsche Leser versorgten sich nach dem Ende der DDR auf dem freien Buchmarkt mit der Literatur, die bisher für sie nicht zugänglich war. Waren sie es nicht selbst, die ihre Autorinnen und Autoren im Stich ließen?

In einer Zeit, da ab 1990 die Verhältnisse durcheinandergewirbelt wurden und die Ostdeutschen sich Tag für Tag auf Neues einzustellen hatten, stand das Lesen von „schöner Literatur“ verständlicherweise nicht an erster Stelle. Aber nach der Euphorie des Anfangs wurden die Ostdeutschen bald gewahr, worin der Preis des einigermaßen gesicherten „Ankommens“ in der Marktwirtschaft – im Vergleich zu den anderen Ländern des untergegangenen Real-Sozialismus – bestand. Die Fakten sind hinreichend bekannt. Nur ein Beispiel: Die 78 DDR-Verlage wurden im Schnelltempo von der Treuhand an neue und zu 95 Prozent westdeutsche Eigner – ich sage mal pointiert – vertickt, mit Langzeitfolgen für Autoren, für Leser und für das kulturelle Gedächtnis.

Solange Klischees und Schwarz-Weiß-Bilder von der DDR-Literatur in der Öffentlichkeit dominieren und Autoren pauschal in Kategorien wie staatsnah oder -fern eingeteilt werden, entsteht jenes schiefe Bild vom Osten

Wir sind jetzt im Jahr 36 nach der deutschen Einheit. Warum ist die Rehabilitation der Literatur, die einst in der DDR verfasst wurde, noch heute von entscheidender Bedeutung?

Die Gegenwart zeigt, was geschieht, wenn jene, die im „Besitz der Macht“ sind, wie Johnson das gesagt hat, „eine Version der Vergangenheit“ durchsetzen, wie sie „nicht verlief“. Dagegen melden die Ostdeutschen Protest an. Der Umgang mit der DDR, ihrer Geschichte und ihrer Literatur ist die Nagelprobe für die Gegenwart. Es steht nämlich die Frage, inwieweit der „unterschiedliche Blick“ zum Grundprinzip des Miteinanders wird! Eine Demokratie lebt nur durch den Einsatz der „ebenso mißtrauischen wie streitbaren Bürger“, hat der Soziologe Jürgen Habermas einmal gesagt, und die Ostdeutschen wissen das.

Dirk Oschmann nannte sein Buch „Der Osten – eine Erfindung des Westens“. Könnten Sie sich mit dem Blick auf die Literatur anschließen: Die Literatur der DDR – eine Erfindung des Westens?

Solange Klischees und Schwarz-Weiß-Bilder von der DDR-Literatur in der Öffentlichkeit dominieren und Autoren pauschal in Kategorien wie staatsnah oder -fern eingeteilt werden, entsteht jenes schiefe Bild vom Osten, von dem Oschmann spricht.

Sie setzen im Titel hinter das Wort „ausradiert“ ein Fragezeichen. Wäre es für Sie, nachdem Sie das Buch geschrieben haben, zu streichen und durch ein Ausrufezeichen zu ersetzen?

Ich würde es bei dem Fragezeichen belassen, weil ich nichts mit absoluten Urteilen anfangen kann. Und in der Gegenwart gibt es durchaus Tendenzen einer ernsthaften Beschäftigung mit der DDR-Literatur, und dies nicht nur in der Wissenschaft.

Ich lese bei Ihnen, dass es bei der Wahrnehmung der ostdeutschen Literatur ein Muster gab: Je unversöhnlicher ihr Umgang mit dem SED-Staat, desto größer die Chance, von westdeutschen Kritikern anerkannt zu werden. War das von Anfang an so?

Im Buch findet sich eine persönliche Leseliste mit 50 Titeln, und über einen QR-Code kommt man im Internet auf eine Longlist von mehr als 300 Titeln

In den 60er-Jahren spielte DDR-Literatur keine Rolle im Westen und wenn, dann ging es um eine grundsätzliche Ablehnung. Das änderte sich in den 70er-Jahren, als das Interesse am anderen deutschen Staat deutlich zunahm und man in der Literatur eine Darstellung der offensichtlichen Konflikte und Widersprüche des Landes fand. Der „Kommunikationsraum DDR“ brach zunehmend auf und öffnete sich Richtung Westen. Diese Entwicklung verstärkte sich durch die Ausbürgerung von Wolf Biermann, mit der die DDR in ihre Endphase kam. Ausgewählte DDR-Autoren fanden seitdem eine zweite Veröffentlichungsmöglichkeit bei einem westdeutschen Verlag, was die Spielräume der Literatur im Osten insgesamt vergrößerte.

Hat der Versuch des Ausradierens möglicherweise auch damit zu tun, dass die westdeutsche Literatur vor der ostdeutschen Konkurrenz geschützt werden soll?

Heiner Müller soll einmal gesagt haben, dass er ohne Stalin nicht in der Lage wäre, eine einzige Zeile zu schreiben, aber man könne es den Leuten nicht zumuten, unter Stalin zu leben. Ein Schutz der westdeutschen Autoren war aus meiner Sicht nicht nötig. Dazu war die Literatur zu gut, und sie hatte eine Leserschaft, die nach 1989 in ihrer Art zu leben bestätigt wurde.

Sie beschreiben in Ihrem Buch mit vielen Beispielen und Argumenten, was mit der Literatur der DDR vor und nach 1990 geschah. Dagegen gestellt die Frage: Was bleibt von ihr?

Das ist im Kern eine Frage nach dem Kanon, im Buch findet sich eine persönliche Leseliste mit 50 Titeln, und über einen QR-Code kommt man im Internet auf eine Longlist von mehr als 300 Titeln. Aber ein Kanon, der gesamtgesellschaftliche Wirkung entfaltet, kann nur entstehen, wenn sich eine differenzierte Wahrnehmung des vergangenen Landes und seiner Literatur durchsetzt und endlich anerkannt wird, dass die Ostdeutschen unter repressiven Bedingungen Erfahrungen gemacht haben, die sie heute in die Lage versetzen, sensibel Gefährdungen eines demokratischen Gemeinwesens zu erkennen.

Carsten Gansel (geboren 1955 in Güstrow) war seit 1995 über Jahrzehnte hinweg der einzige Ostdeutsche auf einer Professur für Deutsche Literatur an einer westdeutschen Uni. Er ist Mitglied des PEN-Zentrums Deutschland und Vorsitzender der Jury zur Verleihung des Uwe-Johnson-Literaturpreises. Soeben ist sein Buch Ausradiert? (Reclam 2026, 383 S., 28 €) erschienen

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der Freitag auf der Leipziger Buchmesse

Auf der Leipziger Buchmesse diskutiert die „Freitag“-Redaktion die großen Herausforderungen unserer Zeit mit ihren Gästen. Kommen Sie gerne vorbei.

Am Freitag, den 20. März, spricht Carsten Gansel mit der Freitag-Redakteurin Maxi Leinkauf über sein neues Buch Ausradiert? – von 18 bis 19 Uhr in der Stadtbibliothek Leipzig (Wilhelm-Leuschner-Platz 10-11). Der Eintritt ist frei.

Zum Programm an unserem Messestand Halle 5 G412