Briefe aus dem Irankrieg: „Mein Zuhause ist zum unerreichbarsten Ort jener Welt geworden“

Als ich acht Jahre alt war, sagte ich zu meiner Mutter, dass ich Schriftstellerin werden möchte. Sie sagte: Du musst nicht warten, bis du groß bist. Fang einfach jetzt schon an zu schreiben. So begann ich zu schreiben. Ich spitzte meinen Bleistift und schrieb überall dort, wo ich eine leere Seite fand: auf weißem Zeichenpapier, in den Rändern von Büchern, an die Wand unseres Hofes und manchmal an versteckte Stellen im Haus, von denen ich wusste, dass sie niemand sehen würde. Worüber? Das weiß ich nicht. Ich schrieb einfach. Heute bin ich eine vierzigjährige Frau.

Ein einziger Freund, dessen Namen ich ohne Angst nennen kann

Ich habe eine schwarze Perserkatze mit goldenen Augen, die seit sechs Jahren mit mir zusammenlebt. Morgens, noch bevor ich aufwache, kommt sie zu meinem Kopfkissen, spielt mit meinen Haaren und schnurrt neben meinem Ohr. Ich habe keinen Namen. Nicht, dass ich wirklich keinen hätte – ich habe einen, so wie meine Katze auch –, aber ich kann ihn nicht preisgeben. Wenn ich das täte, müsste ich vielleicht den Rest meines Lebens im Gefängnis verbringen oder könnte sogar getötet werden. Bis vor einigen Jahren war ich Journalistin und schrieb in Iran. Damals konnte ich meinen eigenen Namen benutzen. Aber irgendwann beschloss ich, dieses absurde Spiel des Schreibens unter dem schweren Schatten der Zensur zu beenden.

Sch. ist meine Mitbewohnerin. Vor drei Jahren zog sie aus ihrer Heimatstadt nach Teheran, und ich bat sie, mit mir zusammenzuwohnen. Jetzt sind wir eine dreiköpfige Familie: ich, Sch. und meine Katze, die ich hier Mi. nenne. Mehrdad Zaeri, mein Freund aus Deutschland, ist der einzige Mensch, dessen Namen ich ohne Angst schreiben kann. Seit zwölf Jahren ist er mein Freund. Zum ersten Mal sah ich seine Zeichnungen auf Facebook und war sofort verzaubert. Ohne jede Einleitung schrieb ich ihm: Hallo. Glaubst du, dass mein Freund mich wirklich betrügt? Er antwortete: Vielleicht. Aber das ist etwas, was viele Menschen in dieser Welt erleben.

Ohne Hidschab und befreit von der Lüge meines Lebens

So begann unsere Freundschaft. Mehrdad war schon dreißig Jahre zuvor aus Iran ausgewandert und begann allmählich, die persische Sprache zu vergessen. Unsere Freundschaft brachte ihm das Persische zurück. Und mir? Sie brachte mich selbst zu mir zurück – das achtjährige Mädchen, das so sehr das Schreiben liebte. Einmal schrieb ich ihm mitten während einer Pressekonferenz im Rathaus von Teheran: Mehrdad, ich will hier nicht mehr arbeiten. Heute haben sie mir gesagt, mein Hi­dschab sei nicht ausreichend für die Arbeit, und ich müsse meine Haare noch mehr bedecken. Er schrieb: Bist du sicher? Ich sagte: Ja. Und ich verabschiedete mich für ­immer von meinem Job.

Später, während der Bewegung um Mahsa Amini, brachte ich Mehrdad mit meinen Worten in die Straßen von Teheran und rief mit ihm: Frau, Leben, Freiheit. Das waren die Tage, in denen Frauen ihre Kopftücher verbrannten. Und die wichtigste Entscheidung meines Lebens geschah: Ich befreite mich von der größten Lüge meines Lebens, von diesem doppelten Leben, mit dem wir iranischen Frauen so lange aufgewachsen waren – Kopftuch und Ohrfeige.

Ein Zufluchtsort in der Türkei

Wenn die Mahsa-Bewegung der Frühling meiner Revolution war, dann war der vergangene Winter der Winter meiner Zerstörung. Ich wurde vierzig. Meine Mutter erinnerte mich jeden Tag daran, dass meine Zeit, ein Kind zu bekommen, bald vorbei sei. Mein Freund N. hatte mich diesmal wirklich betrogen, und unsere Pläne, zu heiraten, zerbrachen. Ich saß auf dem Boden meiner Wohnung und sagte mit zitternder Stimme zu Mehrdad: Ich habe nichts mehr. Keine Liebe, keinen Beruf, kein Geld, keine Chance. Mehrdad sagte: Wenn du offenbar nichts mehr zu verlieren hast, dann versuche freiwillige Arbeit und gehe für eine Weile aus Teheran weg.

Eine Woche später verabschiedete ich mich von Mi. und Sch. und ging auf eine Farm im Westen der Türkei, in eine Stadt nahe Izmir. Eine Farm voller Olivenbäume, die eigentlich nur meine erste Station für freiwillige Arbeit sein sollte – aber schon in der ersten Nacht wurde sie zu meinem zweiten Zuhause. Der Besitzer der Farm wurde zu meinem Freund, meinem Lehrer und meinem Zufluchtsort. Die Farm nährte mich.

Mit seiner Lebenserfahrung, seinen Reisen und dem Altersunterschied von zwanzig Jahren zeigte er mir, dass ich noch jung bin – und dass mein Leben vielleicht erst mit vierzig wirklich beginnt. Aber diesmal von innen heraus. Seitdem lebe ich zwischen zwei Häusern. Ich bin genau fünf Tage vor Beginn des Krieges auf die Farm gekommen. Ich wollte ein wenig Luft holen und vor Newroz wieder nach Teheran zurückkehren – aber der Krieg hat alle Luftwege und die sicheren Landrouten geschlossen. Die Internetverbindungen und alle Kommunikationswege wurden vollständig unterbrochen. Jetzt ist es, als stünde ich an den Grenzen und suchte mein Zuhause in Teheran zwischen den Nachrichten – einen Ort, der zum unerreichbarsten Ort der Welt geworden ist.

Nona ist ein Pseudonym. Unter ihm schickt eine iranische Autorin wöchentlich Briefe, in denen sie aus ihrem Leben im und mit dem Irankrieg berichtet. Aus dem Persischen übersetzt von Mehrdad Zaeri.

Source: faz.net