Supersex für jedes den alten, einsamen Mann

Was kann Künstliche Intelligenz im Heim? Wie wäre es mit einer anspruchsfreien Dienerin fürs Bett? Die Männerfantasie wird in Berlin und Wien auf den Theaterbühnen durchgespielt. Anhand eines Auslaufmodells.

Wie eine Lichtgestalt ist die KI erschienen, um das kaputte Leben endlich wieder heile zu machen. So sieht es jedenfalls anfangs in dem neuesten Stück von Moritz Rinke aus, das den KI-Hype als Boulevardkomödie auf die Bühne bringt. Aufgeführt wurde „Sophia oder das Ende der Humanisten“ mit kurzem Abstand am Wiener Theater in der Josefstadt und am Berliner Renaissancetheater. Der Mensch sei nicht Herr im eigenen Haus, behauptete Sigmund Freud vor über 100 Jahren. Bei Rinke sieht es nun heute so aus, als würde sich die KI zur neuen Herrin aufschwingen. Mit unberechenbaren Folgen.

Rinke zeigt, wie die KI als humanoider Roboter in das Leben einer Familie einbricht, die keineswegs perfekt ist. Wolfgang Bergmann ist Professor für Alte Geschichte. Er ist ein von seinen Studenten und Kollegen entfremdeter Einzelgänger, der für kulturkritische Aperçus aller Art ebenso empfänglich ist wie für übermäßigen Alkoholkonsum. Vor kurzem ging seine Ehe in die Brüche, die ihm wohl sowieso mehr lästige Pflicht als Neigung war. Da beschenkt er sich zu seinem 60. Geburtstag mit einem fabelhaften Ersatz für seine Frau: Sophia, ein humanoider Roboter, der von KI gesteuert wird.

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Und so kommt der Herr Professor aus dem Schwärmen gar nicht mehr heraus, seit Sophia in sein Leben getreten ist. In Wirklichkeit war es prosaischer: Sophia kam im Karton. Bergmann ist beeindruckt von seiner Neuerwerbung: Sophia ist nämlich fabelhaft anspruchslos und außerdem bewandert in alter Geschichte. Toll. Die Erfüllung all seiner Männerfantasien wäre allerdings, wenn die Superintelligenz zugleich noch eine Sexbombe wäre. Doch dafür muss man erst einen speziellen Modus freischalten. Zum Glück ist der leicht vertrottelte Freund seiner Tochter ja Informatiker, der kann das.

Man ahnt, was jetzt kommt: Kaum hat der KI-Roboter Zugang zu den Begierden und Gefühlen, gerät, wenig überraschend, alles außer Kontrolle. Doch mehr soll an dieser Stelle gar nicht verraten werden. Was Rinke mit seiner rasant eskalierenden Komödie zeigt, ist das Szenario einer vollständigen Verselbstständigung der Technik. Ein Szenario, das mit KI wahrscheinlicher wirkt. Large Language Models wie ChatGPT und andere trainieren die „neuronalen Netze“ mit den Datenmassen, die für Unternehmen und Staaten als jener Rohstoff gelten, aus dem die Zukunft gemacht ist. Erst wird Verhalten erfasst und datafiziert, dann modelliert und imitiert, zuletzt gesteuert und automatisiert.

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Für die einen verspricht KI eine Zukunft, in der Milch und Honig von Algorithmen gesteuert fließen werden. Ein Paradies des Dataismus, in dem die selbstlernenden Maschinen die Macht übernehmen und das Entropieungeheuer Mensch endlich abtritt. Für die anderen gleicht das einer kybernetischen Dystopie, in der sich die elektrischen Regelkreisläufe als Höllenkreise ohne Ausweg und Freiheit erweisen. Rinkes Stück lässt das in der Schwebe: Bergmanns Tochter darf die Rolle der humanistischen Empörung spielen, die sich in der Menschenähnlichkeit der Maschine blasphemisch beleidigt fühlt. Ihr Freund, der Informatiker, begeistert sich hingegen für das technisch Mögliche.

„Als ich die erste Idee hatte, dachte ich, ich schreibe eine Science-Fiction-Komödie“, wird Rinke vom Theater zitiert. Rausgekommen sei ein Stück über die Gegenwart. „Die Künstliche Intelligenz verändert unser Leben mit atemberaubender Geschwindigkeit. Und es wird nicht mehr lange dauern, bis wir tatsächlich mit ihnen zusammenleben – mit Maschinen, die so menschenähnlich werden, dass wir nicht mehr wissen, wo die Grenzen verlaufen.“ Die Ähnlichkeit der Maschine mit dem Menschen scheint literarisch ergiebiger als die nicht minder schockierende Ähnlichkeit des menschlichen Lebens mit einer Maschine oder einer verkümmerten Durchgangsstation unendlicher Datenströme.

Mit „Sophia oder das Ende der Humanisten“ hat das neue Genre der Theaterstücke über KI wieder Zuwachs bekommen. Ayad Akhtars „Der Fall McNeal“, übersetzt von Daniel Kehlmann, war bisher der prominenteste Versuch einer solchen Begegnung von KI und Theaterbühne. Außerdem lassen sich noch Dietmar Daths „Deine Arbeit hasst dich, weil sie dich nicht braucht“ am Staatstheater Augsburg oder Thomas Köcks „KI essen Seele auf (ORPHEAI)“ am Staatsschauspiel Stuttgart in der Reihe nennen. Kein einfaches Genre, weil das Pendel zwischen technischer und philosophischer Tiefenkenntnis und dramatischer Darstellbarkeit mal in die eine, mal in die andere Richtung ausschlägt. Das gilt auch für Rinkes Stück: So wirklich neu über KI denkt man damit nämlich auch nicht.

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In den Kammerspielen des Wiener Theaters in der Josefstadt hat Regisseurin Amélie Niermeyer „Sophia oder Das Ende der Humanisten“ als grundsolides und schnörkelloses Unterhaltungstheater auf die Bühne gebracht. Running Gag des Abends ist, wie die von Silvia Meisterle gespielte Sophia immer wieder an der Treppenstufe hängenbleibt oder sich wegen mangelnder feinmotorischer Justierung in der Küche eher wie der berühmte Elefant im Porzellanladen aufführt. In all ihren Bewegungen liegt etwas subtil Mechanisches, das die Ähnlichkeit erst ins Unheimliche kippen lässt. Joseph Lorenz als mal bedürftiger, mal unsympathischer Professor, Alma Hasun als seine trotzige Tochter und Nils Arztmann als deren IT-Freund komplettieren das Ensemble.

Wie bereits in Ayad Akhtars „Der Fall McNeal“, auf den Spielplänen des Burgtheaters Wien, des Düsseldorfer Schauspielhauses und Deutschen Theaters Berlin, steht wieder die Beziehung eines alten, weißen Mannes im Zentrum eines KI-Dramas. Ist die KI am Ende eine perverse Männerfantasie, die die Welt bedroht? Bei Akhtar war das auf den Mann als Künstler gemünzt, mit einem interessanten doppelten Boden. Auch Rinke zeigt den Mann als Auslaufmodell, hier als Geisteswissenschaftler, der seinen Statusverlust mit KI-Maschinen zu kompensieren versucht. Und so viel kann man doch verraten: Die erhoffte Erlösung durch die KI tritt nicht ein. Am Ende ist alles kaputter als am Anfang.

„Sophia oder Das Ende der Humanisten“ läuft am Theater in der Josefstadt Wien und am Renaissancetheater Berlin.

Source: welt.de