Wie Das Erste-Korrespondenten trotz Einschränkungen aus dem Ausland berichten
In vielen Ländern steht die Pressefreiheit unter Druck. Das bekommen auch die rund 100 ARD-Korrespondentinnen und -Korrespondenten auf unterschiedliche Weise zu spüren. Vier Beispiele.
Björn Blaschke ist Leiter des ARD-Studios Moskau, sein Schreibtisch aber steht aktuell in Köln. Hier ist das sogenannte Exil-Studio, das zuständig ist für die Berichterstattung über Russland. Keiner der vier Russland-Korrespondenten der ARD hat aktuell eine Erlaubnis der russischen Behörden, dort journalistisch zu arbeiten. Allein Ina Ruck, die mittlerweile das ARD-Studio Warschau leitet, hat noch eine Akkreditierung. Sie reist regelmäßig nach Moskau.
Im Frühjahr 2024 hat Blaschke das Land verlassen. Wegen eines Posts auf der Plattform X war er verhaftet und angeklagt worden. Der Vorwurf: Diskreditierung der russischen Streitkräfte. „Ich bin rechtskräftig verurteilt worden, und dann hat der Sender gesagt, aus Sicherheitsgründen gehst du jetzt besser raus aus dem Land“, sagt Blaschke.
Vor Ort im ARD-Studio Moskau gibt es noch ein Team von russischen Mitarbeitenden. Sie recherchieren oder drehen Bilder. Sie sind quasi Augen und Ohren der Korrespondentinnen und Korrespondenten.
Um das Team nicht zu gefährden, wägt Blaschke die Worte für jeden Bericht über Russland, jeden Kommentar zum Krieg gegen die Ukraine ab, erklärt er. „Und das ist natürlich ein wichtiger Punkt: Wir wollen ja keine Selbstzensur.“
Anonyme Drohanrufe in Iran
Solche Überlegungen kennt auch Katharina Willinger. Zwei, drei Mal schon bekam die Iran-Korrespondentin auf dem Weg zu Protagonisten einen Anruf, anonym, wahrscheinlich vom Geheimdienst. Sie solle sich überlegen, ob sie diese Personen wirklich interviewen wolle, habe die Stimme gesagt. „Dann haben wir das gelassen, weil das Risiko für die Protagonisten zu groß war“, erzählt sie.
Sie hat Methoden gefunden, trotzdem berichten zu können. Nach den jüngsten Protesten im Januar 2026 hat sie mit Menschen gesprochen, die auf der Straße waren und die Brutalität des Regimes bezeugen konnten.
Bei den Treffen hatte sie keine Kamera dabei, kein Aufnahmegerät, nicht einmal ein Handy. „Ich habe einfach nur zugehört und die Infos in meinem Kopf abgespeichert, damit nichts rückverfolgbar wäre“, sagt Willinger. Die Geschichten der Menschen erzählt sie dann in Live-Schalten im Fernsehen oder Radio ohne Bilder und ohne Töne oder anonymisiert auf tagesschau.de.
Katharina Willinger ist nicht dauerhaft in Iran. Das zuständige ARD-Studio sitzt in der Türkei, in Istanbul. Wenn das Internet vom iranischen Regime mal wieder abgeschaltet ist, wird das Zusammentragen von Informationen über Geschehnisse im Land mühsam. Es sei dann wie ein Puzzle mit 500 Teilen. „Das A und O ist ein wirklich großes Netzwerk an Menschen, denen man vertraut und die man nach Informationen fragen kann, wenn man die eigenen Mitarbeiter im Studio nicht erreicht.“
Kein Zugang zu Gaza für ausländische Journalisten
Seit vier Jahren ist Christian Limpert Leiter des ARD-Studios Tel Aviv. Und seit zweieinhalb Jahren herrscht in seinem Berichtsgebiet fast durchgängig Krieg. Der Zugang zu unabhängigen Informationen ist begrenzt. So lässt Israel nach wie vor keine internationalen Journalisten unabhängig in den Gazastreifen einreisen. „Das ist ganz klar eine Einschränkung der Pressefreiheit“, sagt Limpert.
Eine Berichterstattung aus Gaza ist nur möglich, weil noch einige wenige palästinensische Mitarbeiter das ARD-Studio in Tel Aviv unterstützen. Doch auch die Mitarbeitenden sind dabei eingeschränkt: Durch Dreharbeiten oder Recherchen zu den Aktivitäten der Hamas können sie selbst in Lebensgefahr geraten.
Ins von Israel besetzte Westjordanland kann das Korrespondenten-Team reisen, allerdings nur unter großen Schwierigkeiten. Checkpoints des israelischen Militärs schränken die Bewegungsfreiheit im palästinensischen Gebiet massiv ein.
Auch radikale israelischen Siedler versuchen immer wieder, die Berichterstattung zu verhindern. In den vergangenen Jahren gab es mehrere Übergriffe und Einschüchterungsversuche auf internationale Journalisten, erzählt Limpert. „Unser Radiokollege zum Beispiel wurde von Siedlern in Uniform des israelischen Militärs gestoppt, sie haben eine Waffe ins Auto gehalten, seinen Ausweis fotografiert und anschließend in sozialen Medien veröffentlicht.“
All diese Umstände versucht das Team um Limpert in den Beiträgen transparent zu machen. „Dazu gehört, dass es eben für uns unmöglich ist, in den Gazastreifen zu kommen für eine eigenständige Berichterstattung. Dennoch gilt: Die Quellen und Informationen, auf die wir zurückgreifen, sind vertrauenswürdig, die Zuschauer können sich darauf verlassen“, sagt Limpert.
Große Angst gegenüber Reportern in China
In China darf sich Jörg Endriss als Journalist offiziell frei bewegen und berichten. Doch immer öfter hat er Schwierigkeiten, noch Menschen zu finden, die etwas in sein Mikrofon sagen wollen. „Es gibt eine Paranoia im System. Jeder hat Angst, etwas falsch zu machen vor der ausländischen Presse.“ Der Staat, die Kommunistische Partei, der Geheimdienst – sie alle haben ein genaues Auge darauf, welches Bild von China nach draußen dringt.
Vor der Ära von Präsident Xi Jinping sei es noch möglich gewesen, ohne weiteres einen chinesischen Professor als Experten zu interviewen. Heute kommt Endriss oft nicht einmal mehr auf das Gelände der Universität, weil es am Eingang Gesichtsscanner gibt und nur Gäste mit Einladung hereingelassen werden. „Und selbst wenn sich jemand interviewen lässt, sind oft Aufpasser dabei“, erzählt Endriss.
Es kommt vor, dass er bei Dreharbeiten verfolgt wird. Vergangenes Jahr waren es 15 mutmaßliche Mitarbeiter des Geheimdienstes, die ihm auf den Fersen waren, als er zum Thema seltene Erden unterwegs war. Jörg Endriss findet trotzdem Wege, mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Und wenn keine Kamera dabei ist, ist es meist einfacher, die kritischen Töne zu hören.
Trotz der Hürden sei es wichtig, dass Korrespondenten der ARD überhaupt noch in China präsent sind. „Wir sind da, eben weil es so schwierig ist. Denn nur vor Ort kannst du hinter die Fassade blicken und ablesen, was zwischen den Zeilen steht.“
Am heutigen ARD-Nachrichtentag lädt die ARD ihr Publikum ein, sich ein eigenes Bild von der Entstehung und Produktion von Nachrichten in Hörfunk, Fernsehen und im Netz zu machen. Interessierte können auf www.ard.de/medienkompetenz Details der Angebote erfahren und sich anmelden.
Source: tagesschau.de