Chinas Aufstieg, Deutschlands Niedergang – so schlecht verkauft sich „Made in Germany“

Deutschland galt lange als „Fabrik der Fabriken“ und hat Industriegüter in alle Welt verkauft. Ein aktueller Report des McKinsey Global Institute zeigt, wie sehr China in dieses lukrative Geschäft drängt. Eine Entwicklung, die für den Standort D zur Unzeit kommt.

Es ist eine statistische Wegmarke, die einen historischen Bruch markiert: Im Jahr 2025 importierte Deutschland erstmals mehr Autos aus China als es dorthin exportierte. Der Befund steht stellvertretend für einen tiefgreifenderen Wandel in der internationalen Arbeitsteilung: China übernimmt gerade jene Rolle in der Weltwirtschaft, die Deutschland über Jahrzehnte definiert hat.

„Fabrik der Welt“, so lautete Chinas Beiname seit den 1990er-Jahren. Das Land produzierte jahrzehntelang Textilien, Spielzeug oder Elektrogeräte für Kunden rund um den Globus. Mit der billigen, massenhaften Produktion krempelten chinesische Produzenten ganze Branchen um. Unternehmen verlagerten Produktionsstätten und Millionen von Arbeitsplätzen aus Hochlohnländern und weniger verlässlichen günstigen Standorten nach China.

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Deutschland profitierte von Chinas Boom, denn die deutsche Wirtschaft war die Fabrik der Fabriken. Nicht die Endprodukte selbst, sondern die Maschinen und Werkzeuge, mit denen andere Länder erst produzieren konnten, waren Deutschlands Spezialität. Drehmaschinen kamen aus Bielefeld, Hydraulikpumpen aus Stuttgart und Industrieroboter aus Augsburg. Das galt auch für hochwertige Komponenten und Zwischenprodukte wie Ventile.

Dieses Alleinstellungsmerkmal ist Vergangenheit, weil sich Produzenten in China auf der Wertschöpfungskette nach oben arbeiten. Chinas Exporte von Investitions- und Vorleistungsgütern stiegen im vergangenen Jahr um über 175 Milliarden Dollar, während die Exporte von Konsumgütern zum ersten Mal seit 2019 sanken. Nicht Kühlschränke und Laptops treiben Chinas Exportmaschine heute an, sondern Ventile, Industriemotoren, Lithium-Ionen-Batterien, Halbleiterkomponenten und Anlagen für Ölfelder. China liefert heute die Werkzeuge, mit denen Schwellenländer ihre Fabriken bauen.

Die Daten, die das McKinsey Global Institute (MGI) zusammengetragen hat, zeigen, dass die Entwicklung sich zuletzt beschleunigt hat: Chinas Exporte von Zwischenprodukten wuchsen 2025 um neun Prozent, nachdem sie im Vorjahr nur um sechs Prozent zugelegt hatten. Zu Beginn des Jahres 2025 lieferte China bereits mehr als 40 Prozent aller weltweit gehandelten Investitions- und Vorleistungsgüter. Im Verlauf des Jahres kam etwa die Hälfte des globalen Handelswachstums in diesem Segment allein aus China. Das schreibt das MGI im aktuellen Report „Geopolitics and the Geometry of Global Trade“, der mehr als 90 Prozent des globalen Warenhandels im vergangenen Jahr abdeckt. Der Bericht aus der Forschungsabteilung der Unternehmensberatung lag WELT vorab vor.

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Konkrete Beispiele illustrieren das Ausmaß der Verschiebung: Chinas Ventilexporte stiegen im vergangenen Jahr um mehr als 20 Prozent; allein dieser Zuwachs entspricht ungefähr der Hälfte der gesamten US-Jahresausfuhren dieses Produkts. Chinesische Produzenten verkauften ebenfalls rund 20 Prozent mehr Lithium-Ionen-Batterien ins Ausland; das Plus entsprach den kombinierten Exporten von Polen und Ungarn, den nächstgrößten Anbietern. In beiden mitteleuropäischen Ländern haben chinesische Batterieproduzenten große Fabriken.

Tatsächlich profitiert China vom wirtschaftlichen Aufstieg anderer Schwellenländer – auch das ist eine Parallele zu Deutschlands bisheriger Rolle in der globalen Arbeitsteilung. Nahezu die Hälfte der chinesischen Gesamtausfuhren gingen im vergangenen Jahr in Schwellenländer, noch 2017 war es lediglich ein Drittel der chinesischen Exporte.

Doppelter Druck auf Deutschland

Wachstumsmotor für China ist die Nachfrage aus den südostasiatischen ASEAN-Staaten, Indien, dem Nahen Osten und Afrika. Überall dort, wo neue Produktionskapazitäten entstehen, liefert China inzwischen die industrielle Grundausstattung. Das ist auch das Ergebnis gezielter staatlicher Investitionspolitik. Das bereits vor mehr als zehn Jahren gestartete Industrieprogramm Made in China 2025, das China von der Werkbank der Welt zum führenden Hightech-Produzenten machen sollte, hat systematisch auf diese Aufwertung in der Wertschöpfungskette hingearbeitet. Gleiches gilt für den 14. Fünfjahresplan von 2021 bis 2025.

Für Deutschland kommt diese Entwicklung zur Unzeit. Die deutsche Wirtschaft steckt derzeit in der Zange: Auf der einen Seite zunehmend wettbewerbsfähige chinesische Produzenten, die deutschen Unternehmen auf ihren Kernmärkten Konkurrenz machen und auf der anderen Seite die Trump-Regierung, die mit ihren Zöllen europäische Güter in Amerika verteuert.

Diese schwierige Situation lässt sich auch in der Statistik ablesen: Deutsche Autoexporte in die USA sind im vergangenen Jahr unter Druck geraten. Laut dem Statistikamt Destatis haben Autohersteller und Zulieferer zwischen Januar und November vergangenen Jahres 17,5 Prozent weniger in die USA verkauft als im Vorjahreszeitraum. Gleichzeitig brachen die Verkäufe China, dem jahrelangen Wachstumsmotor deutscher Hersteller, um rund ein Drittel ein. Das IW Köln spricht von einer „wahren Implosion“. Längerfristig ist die Entwicklung noch dramatischer: Verglichen mit dem Höchststand 2022 sind die Exporte um über 54 Prozent eingebrochen.

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Der Maschinenbau, das Rückgrat der deutschen Exportwirtschaft, spürt Chinas Aufstieg unmittelbar. Märkte in Indien, Brasilien und Südostasien, die früher auf deutsches Know-how und deutsche Ausrüstung angewiesen waren, werden inzwischen zunehmend von chinesischen Anbietern bedient. Im vergangenen Jahr löste China Deutschland erstmals auch als Exportweltmeister bei Werkzeugmaschinen ab. Laut dem Verein Deutscher Werkzeugmaschinenfabriken (VDW) legten Chinas Exporte um 18 Prozent zu, während Deutschlands um 10 Prozent sanken. Demnach hatte China zuletzt einen Weltmarktanteil von knapp 22 Prozent gegenüber knapp 17 Prozent für Deutschland.

Dabei hätten sich deutsche und europäische Unternehmen in den vergangenen Jahren ein attraktives Stück des Welthandels sichern können. Als die Trump-Regierung im vergangenen Jahr mit neuen Zöllen und Einfuhrregeln chinesische Exporteure ins Visier nahm und die US-Einfuhren aus China um rund 130 Milliarden Dollar drastisch zurückgingen, tat sich eine gewaltige Angebotslücke auf. „Dem Grundsatz nach hätte Europa einspringen können. In der Praxis geschah das nicht“, schreiben die Autoren des MGI-Reports.

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Letztlich kaperte die EU weniger als drei Prozent der umgelenkten US-Nachfrage und das fast ausschließlich in Pharmaprodukten. Getrieben wurden die Pharmaexporte von US-Firmen, die massiv Pharmawirkstoffe auf Vorrat gekauft haben, insbesondere die Abnehm- und Diabetesspritzen Wegovy und Ozempic. Außerhalb der Pharmabranchen, etwa bei Flugzeugen, Zügen oder Autos sanken die EU-Exporte in die USA sogar. Südostasiatische Staaten und Indien waren agiler und wohl auch günstiger: Vietnam, Thailand und Indien übernahmen die Endmontage von Laptops und Smartphones, die bislang aus China in die USA kamen. Europa blieb außen vor.

Bei den zusätzlichen US-Exporten aus den Schwellenländern handelte es sich nur teilweise um chinesische Waren, die lediglich umgeleitet, umgelabelt oder minimal weiterverarbeitet werden, um US-Zölle zu umgehen. Laut der MGI-Analyse machten chinesische Inputs weniger als die Hälfte des Warenwerts der Exporte der betroffenen Länder aus und die Exporte der südostasiatischen Volkswirtschaften wuchsen schneller als die Importe. Beides ist ein Indiz für echte Wertschöpfung in den betroffenen Volkswirtschaften, die schon länger Industrieunternehmen aus dem zunehmend teuren China anziehen.

Wo Deutschland punkten kann

Trotz der erstarkenden chinesischen Konkurrenz bei Maschinen, Anlagen & Co.: Für deutsche Unternehmen gibt es auch Chancen. Deutsche Unternehmen haben zuletzt ihren Handel mit anderen EU-Ländern deutlich ausgebaut. Und in den Schwellenländern wächst die Nachfrage nach Gütern, die Deutschland grundsätzlich gut kann: Deutsche und europäische Anbieter von Medizintechnik, wissenschaftlichen Geräten und Spezialmaschinen verzeichneten wachsende Nachfrage in Lateinamerika, dem Nahen Osten und Asien. Bei Diagnostikgeräten, Prothesen oder Herzschrittmachern können deutsche Unternehmen immer noch punkten.

Zudem eröffnet der KI-Boom neue Möglichkeiten: Der Aufbau von Rechenzentren weltweit treibt die Nachfrage nach Netzwerktechnik, Kühltechnik oder Stromversorgungsanlagen, allesamt Bereiche, in denen europäische Unternehmen stark aufgestellt sind.

Und die im Januar unterzeichneten EU-Freihandelsabkommen mit Indien und dem Mercosur-Block könnten mittelfristig neue Exportkorridore öffnen, insbesondere für Maschinenbauer und Pharmaunternehmen. In dieser Woche hat Paraguay als letztes Mercosur-Land das Abkommen ratifiziert. Die Abkommen sind so strukturiert, dass sie Marktöffnungen schrittweise vollziehen. Kurzfristig werden sie deshalb keine Wende bringen, möglicherweise aber langfristig.

Die deutsche Industrie muss sich deshalb darauf einrichten, dass ihr Wettbewerbsvorteil als Ausrüster der Weltindustrie schwindet. Entscheidend für Wohlstand und Arbeitsplätze hierzulande wird sein, welche neue Rolle Deutschland in der Weltwirtschaft von morgen spielen wird und ob deutschen Unternehmen sie schnell genug definieren.

Dieser Artikel wurde für das Wirtschaftskompetenzcenter von WELT und „Business Insider Deutschland“ erstellt.

Tobias Kaiser verfolgt als Senior Editor Arbeit & Soziales die großen Verschiebungen in Arbeitswelt und Gesellschaft und die Reaktionen der Politik.

Source: welt.de