TV-Kritik: Maischberger: Red‘ schneller, Rushdie, wir nach sich ziehen doch keine Zeit!
Eigentlich ist es ein absoluter Coup für Sandra Maischberger, dass Salman Rushdie bei seiner Deutschland-Tour zur Bewerbung seines neuen Buchs bei ihr Zwischenstopp macht. Wer sonst hätte mehr zu erzählen über das, was sich in der Welt abspielt? Über seine Wahlheimat USA, wo Rushdie 2022 einen Attentatsversuch überlebte? Über die Islamische Republik Iran, die den britisch-indischen Schriftsteller 1989 mit einer Fatwa zum Tode verurteilte, weil er in seinen „Satanischen Versen“ den Propheten Mohammed verhöhnt haben soll? Rushdie überlebte und wurde zum weltbekannten und unbeugsamen Kämpfer für die Meinungsfreiheit, die nun auch in Donald Trumps Amerika immer mehr mit Füßen getreten wird.
Verschwinden soll die „woke“ Ideologie aus den Köpfen der Amerikaner, Bücher wie „Huckleberry Finn“ und „Wer die Nachtigall stört“ werden von den Lehrplänen gestrichen. Es gehe darum, die „Geschichte der Sklaverei auszulöschen“, sagt Rushdie, und Amerika „Great Again“ zu machen, aber was heißt das überhaupt? Das habe er sich oft gefragt. Träume Trump von der Zeit, als es noch Sklaven gab? Als Frauen noch nicht wählen dürften? „Natürlich redet er über ein Amerika, das es so nie gab. Eine Phantasie.“
Trump als Joker und Rushdies Kommentar zu „America First“
Als Rushdie 2024 bei Maischberger saß, vor der letzten Präsidentschaftswahl, war er überzeugt: Die US-Bürger würden nicht nochmal auf Trumps Lügen hereinfallen. Und wenn doch, verstecke er sich hinter seinen Möbeln. Und was machen Sie jetzt, fragt die Moderatorin. „Mich hinter meinen Möbeln verstecken.“ Es sei tatsächlich „schlimmer geworden, als wir befürchtet haben.“

Dabei wird dem Schriftsteller eigentlich eine prophetische Begabung nachgesagt. In seinem Roman „Golden House“ von 2017 hat Trump einen Auftritt, verfremdet als Comicbösewicht Joker, und das passt perfekt. Ein Irrer, der die Welt brennen sehen will, schafft es ins Präsidentenamt. Politik als Entertainment, Chaos als Methode – „Golden House“ war Rushdies Kommentar zu „America First“.
Aber ist das überhaupt noch „America First“, was die USA da derzeit in Iran treiben? Viele MAGA-Anhänger fühlen sich für dumm verkauft. Die Narrative des Storytellers Trump hätten sich abgenutzt, sagt Rushdie, und er muss es wissen, gilt er doch selbst als großer Erzähler. „Selbst seine Basis ist nicht mehr verlässlich.“ Muss man dem US-Präsidenten trotz allem dafür danken, dass er das Regime in Iran angreift? „Das wäre peinlich“, antwortet Rushdie. Zwar bezeichnet er die Vorstellung eines freien und demokratischen Irans als „etwas Wunderbares“. Rushdie zweifelt aber daran, „dass das, was jetzt passiert, dorthin führen wird.“
Carlo Masala: „Es ist nicht unser Krieg, aber es ist unser Ölpreis“
Gerne würde man mehr von Rushdie hören, und wenn es nur die Sentenzen sind, für die der Bestseller-Autor Szenenapplaus bekommt: „Wir alle sind nicht zu Ende erzählte Geschichten.“ Aber weil eben gerade so verdammt viel los ist in der Welt, musste Maischberger zuvor schon viele andere Gäste und Experten befragen und hat nur wenig Sendezeit für Rushdie übrig.

Gerade liefen schon die Tagesthemen, jetzt laufen sie nochmal in Talkshowform, viele nicht zu Ende erzählte Geschichten, angeschnitten und wieder fallen gelassen, kurz bevor es interessant wird. Oder ist es der Verjüngung geschuldet, die sich die Öffentlich-Rechtlichen vorgenommen haben? Diese Social-Media-Kids können sich ja keine 15 Sekunden auf ein Thema konzentrieren, wie man immer wieder hört.
Die deutsche Sicht darf natürlich nicht fehlen: War es klug von Kanzler Friedrich Merz (CDU), Trump derart deutlich ein „Nein“ zuzurufen zu einer deutschen Beteiligung am Irankrieg? Der breitbeinige Auftritt muss garantiert mit den Landtagswahlen am Sonntag in Rheinland-Pfalz zu tun haben, weiß der Journalist Albrecht von Lucke. Den Preis für das schmissigste Zitat des Abends bekommt der Militärexperte Carlo Masala: „Es ist nicht unser Krieg, aber es ist unser Ölpreis.“ Zudem müsse Merz mit den Konsequenzen leben, wenn er Trump die kalte Schulter zeige. Der US-Präsident könnte beleidigt sein und sich aus den Verhandlungen über einen Waffenstillstand in der Ukraine verabschieden.
Über die Flüchtlingsthematik müsste man auch mal kurz sprechen, nachdem die Zweckentfremdung des Sondervermögens, das Dauerdesaster der SPD und Markus Söders Liebe zur Bratwurst kurz abgehandelt wurde. Immerhin warnt Merz angesichts der Unwägbarkeiten des Irankriegs vor einem „syrischen Szenario“. Also wie groß ist nun die Gefahr, Herr Innenminister Alexander Dobdrindt (CSU)? Momentan beobachte man noch keine Migrationsbewegung in Richtung Europa, und man werde „alles dafür tun, damit das so bleibt.“ Ob man die Abschiebezentren, die Deutschland zusammen mit EU-Partnern plant, nun ehrlicherweise als „Gefängnisse“ (Maischberger) bezeichnen darf oder lieber euphemistischer von „Flüchtlingscamps“ (Dobrindt) spricht, und wie sich das alles mit dem „C“ im Parteinamen vertrage, darüber wird nun etwas zu routiniert und mit eingeübten Reflexen gestritten.
Was hat die EVP mit der AfD zu schaffen?
Etwas interessanter wird die Sache, als es um die Berichte über Absprachen der Europäischen Volksparteien (EVP) mit Rechtsaußen-Parteien im EU-Parlament geht. Man sei auf die Stimmen der AfD gar nicht angewiesen, so geht die Ausrede der Union. Aber haben es womöglich Positionen der AfD in den Gesetzesvorschlag zur Verschärfung der Migrationspolitik geschafft? Dobrindt weiß von nichts, mit Parteikollege und EVP-Chef Manfred Weber will er darüber noch gar nicht gesprochen haben. Von „Konsequenzen“, wie Merz sie fordert, will Dobrindt nicht sprechen. „Wenn es eine Zusammenarbeit gäbe“ zwischen EVP und AfD, dann solle man sie halt bitte einstellen.
Leise fällt also die vielbeschworene Brandmauer, aber als Rushdie die Bühne betritt, hat man die AfD schon wieder vergessen. Und nachdem man viel über Özdemirs Wahlerfolg und Söders Essensvorlieben, Trumps „Clusterfuck“ (Masala) in Iran und Dobrindts Grenzkontrollen gehört hat, kann Rushdie den Abend auch nicht mehr retten und man will nur noch ins Bett.
Source: faz.net