KI-Unsicherheit an deutschen Hochschulen: Hausarbeiten werden weniger

Texte prompten, wissenschaftliche Quellen zusammenfassen oder Programmcodes erstellen lassen. Auch Studierende verwenden zunehmend Künstliche Intelligenz, um Uni-Aufgaben zu bewältigen. Für Hochschulen bedeutet das einen Umbruch bestehender Lehr- und Prüfungsformate.

Deutschlandweit veröffentlichten Hochschulen Handreichungen zum Umgang mit KI, während diese rasant weiterentwickelt wird. Denn KI-generierte Inhalte sind immer schwieriger zu erkennen. Welche Auswirkungen KI auf Prüfungsleistungen hat, ob Hausarbeiten neu gedacht werden müssen und wie ein zukünftiger Umgang mit KI an Hochschulen aussehen kann, darüber sprach der Freitag mit einigen Hochschulen.

Es ist unklar, wann der Einsatz von KI sinnvoll ist und wann nicht

An allen befragten Hochschulen entscheiden die Prüfenden, ob KI verwendet werden darf oder nicht. Wenn KI erlaubt ist, wird diese als „Hilfsmittel“ gewertet und muss an den verwendeten Stellen gekennzeichnet werden, etwa als Quelle im Literaturverzeichnis. Wie genau das aussieht, unterscheidet sich an den Hochschulen und ist auch hier noch in der Findungsphase. Für KI-freie Prüfungen muss eine Eigenständigkeitserklärung unterschrieben werden.

Ob die Verwendung von KI in Prüfungen sinnvoll sei, hänge von der Art der Lehrveranstaltung ab, berichtet Professor Marc Fischlin. Er forscht an der TU Darmstadt im Fachbereich Informatik. „In einem Kurs, der KI-Kompetenzen lehrt, will man das vielleicht auch fördern. In Anfängerkursen, in denen Studierende Programmieren erst einmal lernen sollen, ist KI eher verboten.“

An der TU Darmstadt wisse man noch nicht, wann genau der Einsatz von KI gerechtfertigt sei und wann nicht: „Wir am Fachbereich Informatik sind ein bisschen in der Zwickmühle. Einerseits sagen wir, KI ist eine Technik, die kann vernünftig sein, andererseits verbieten wir sie.“ Dort, wo der Einsatz von KI nicht erlaubt sei, versuchen Studierende zunehmend, KI zu verwenden.

Speziell für den Fachbereich Informatik seien Arbeiten, in denen größere Softwareprojekte erstellt werden, eine Herausforderung. Aufgrund des Umfangs müssten diese Arbeiten als Hausarbeit, abseits einer Aufsicht, gestaltet werden. KI-Systeme werden auch für die Erzeugung von Programmcodes zunehmend trainiert – ein großes Anwendungsgebiet im Bereich Software-Engineering.

„Das ist für uns besonders kritisch, weil die KI-Systeme in diesem Gebiet relativ gute Leistungen bringen.“ Anders könne man diese Leistung von Studierenden aber nicht prüfen, erklärt Fischlin. „Man kann nicht Studierende aus einem Informatikstudium lassen, ohne dass die jemals eine eigene Software oder größere Projekte gemacht, sondern nur Klausuren geschrieben haben. Das wird nicht funktionieren.“

Für Hausarbeiten setzt man auf ergänzende mündliche Prüfungen

Darüber hinaus sind vor allem Textarbeiten betroffen, wie auch Niels Pinkwart, Professor für Informatik an der HU Berlin, zu berichten weiß: „Ich glaube, je stärker der Textbezug einer Wissenschaft, desto stärker sind die Einflüsse von generativen KI-Elementen“.

So beobachtet auch Professor Karsten Wolf von der Universität Rostock vor allem bei Hausarbeiten zunehmenden KI-Einsatz. Erkennen könne man jedoch nur die Arbeiten, die offensichtlich KI enthalten. „Bei den handwerklich schlechten merken wir das bis hin zu ‚Gerne schreibe ich dir einen Essay über XY im Stil eines Drittsemesters.‘ Das lassen einige Studis drin.“

Andere Merkmale für den Einsatz von KI seien etwa Quellen, die nicht mit den Zitaten zusammenhängen, oder erfundene Literatureinträge. Aber auch bei kürzeren Aufgaben, wie wöchentlichen Hausaufgaben, würden Studierende KI verwenden. „Im Prinzip betrügen sich die Studierenden um die Trainingsmöglichkeiten der eigenen Kompetenzen.“ Es brauche vor allem mehr Ideen, wie man damit umgehe. „Da sind wir momentan zum Teil noch ratlos“, bemerkt Karsten Wolf.

An manchen Unis werden Hausarbeiten weniger

Auf den zunehmenden Einsatz von KI reagiert man an der Universität Rostock mit zusätzlichen mündlichen Prüfungen, um zu testen, ob die Studierenden die Arbeit selbst verfasst und verstanden haben. Auch an der TU Darmstadt werden ergänzende mündliche Prüfungen durchgeführt.

„Das wird vermutlich auch der kurzfristige Trend sein, dass es noch ein zusätzliches Gespräch gibt“, mutmaßt Marc Fischlin. Für jeden eine mündliche Prüfung zu organisieren, sei jedoch eine zeitliche Herausforderung. Allein in der Informatik seien es etwas mehr als 4000 Studierende. Auch für die Universität Rostock sei dies schwer stemmbar.

An der Humboldt-Universität Berlin würden Hausarbeiten weniger werden, erzählt Niels Pinkwart. „Die klassischen Hausarbeiten, die am Ende keine mündliche Abnahme oder ein Kolloquium haben, nehmen bei uns ab.“ Dort, wo schriftliches Arbeiten zentral sei, wie in den Literatur- und Sprachwissenschaften, müssen Studierende ihren Einsatz von KI selbstreflektierend in den Methodenteil der Hausarbeit einbinden.

Darüber hinaus gebe es an der HU Berlin Prüfungen, bei denen KI-Ergebnisse zu einer Fragestellung in der Prüfung diskutiert werden. Von einer detaillierten Dokumentationspflicht, wie etwa der Kennzeichnung von KI-Inhalten durch Farben, habe man sich verabschiedet, erzählt Pinkwart: „Das ist nicht nur KI-Inhalt. Die eigene kognitive Leistung und KI-Assistenz greifen typischerweise eng ineinander. Das kann man nicht trennen.“

Es braucht eine rechtliche Einordnung und neue Leistungsnachweise

Nicht offensichtliche KI-Inhalte zu erkennen und nachzuweisen, sei mittlerweile unmöglich. Marc Fischlin an der TU Darmstadt erzählt: „Um ein Plagiat zu erkennen, kann ich eine Software einsetzen. Als Prüfer kann ich dann verifizieren, ob das Dokument wirklich kopiert ist und auch nachvollziehbar darlegen.“ Für die Prüfung KI-generierter Inhalte gebe es zwar öffentliche KI-Checker, die könnten jedoch nur Vermutungen und vielleicht eine Prozentzahl angeben.

„Das kann ich als Prüfer aber rechtlich nicht nachvollziehbar darlegen. An dieser rechtlichen Einordnung mangelt es derzeit noch, genau sagen zu können, was ein typisches Indiz für einen KI-generierten Text ist“, bedenkt Fischlin. Diese fehlende Nachvollziehbarkeit mache es schwierig, rechtlich gegen Verstöße vorzugehen und etwaige Sanktionen gegen Studierende zu verhängen.

Karsten Wolf von der Universität Rostock merkt an, dass es neue Formen von Leistungsnachweisen brauche: „Ich sehe nicht, wie wir in absehbarer Zeit eine Technologie bekommen, um KI halbwegs rechtssicher zu erkennen.“ Wie diese neuen Leistungsnachweise aussehen könnten, wisse er noch nicht. Auch an der HU Berlin sucht man nach neuen Prüfungsformaten. Dass schriftliche wissenschaftliche Arbeiten gänzlich wegfallen, denkt Pinkwart hingegen nicht: „Ich glaube nicht, dass die wissenschaftlichen Disziplinen auf Schriftlichkeit verzichten werden. Auf gar keinen Fall.“

KI als Bedrohung für Prüfungen zu sehen, würde zu kurz greifen. Schließlich gebe es auch positiven Einsatz in allen Wissenschaftsdisziplinen: „Der Kern des Umgangs mit KI ist nicht die Entscheidung, will ich das verbieten oder erlauben, sondern KI als Teil wissenschaftlichen Handelns zu verstehen, in die Lehre einzubetten und als Tool bereitzustellen“, betont Pinkwart.

Praktische Prüfungen sind weniger von KI betroffen

An der Kunsthochschule Folkwang in Essen ist der KI-Einsatz für Prüfungen weniger ein Problem, erzählt Kathi Kæppel, Professorin im Studiengang intermediale Gestaltung: „Unsere Studierenden verwenden KI eher zögerlich.“ Es werden zwar Arbeiten, Thesen und Abschlussarbeiten geschrieben, KI werde jedoch nur als Rechtschreibkorrektur verwendet. Wenn KI eingesetzt wird, müssen die Bereiche gekennzeichnet werden.

„Genauso beträfe das auch, wenn man mit jemandem zusammengearbeitet hat. Zum Beispiel mit einer Kamerafrau, das muss auch gekennzeichnet werden.“ Kæppel bezeichnet den Einsatz von KI in diesem Zusammenhang vorsichtig als „Co-Autor:innenschaft“.

Das Schreiben werde an der Kunsthochschule Essen in den Prüfungen weniger gewichtet, da vor allem der praktische Teil und der kreative Prozess im Vordergrund stünden. „Für die Thesen können Studierende auch Künstler:innen- oder Tagebücher schreiben. Das ist im Aufbau sehr offen.“ Da man hier sehr persönlich sein müsse, sei der Einsatz von KI überschaubar.

KI-gestützte und immersive Lehrkonzepte für künstlerisches Arbeiten

Der Umgang mit KI-Tools für künstlerische Projekte sei ohnehin ein anderer. Etwa beim Erstellen eines Filmes: „Viele Software, wie Adobe Premiere oder Photoshop, haben bereits KI implementiert. Da kann man gar nicht begreifen, wann eine KI oder beispielsweise ein Videofilter eingesetzt wurde.“ Zur Kennzeichnung würden Studierende die verwendete Software angeben.

Die Einbettung von KI an Hochschulen sei jedoch auch eine finanzielle Frage. Um einen datenschutzkonformen Umgang mit KI zu gewährleisten, bietet die HU Berlin hochschulinterne KI-Tools an. In Berlin wolle man dieses KI-Netz hochschulübergreifend ausbauen und damit für alle Berliner Studierenden zugänglich machen. Eine derartige KI-Infrastruktur könne sich die Kunsthochschule Essen nicht leisten.

„Wir arbeiten mit der kleinen Technik, die wir haben. Aber um KI auch für künstlerische Projekte mehr zu integrieren, müsste man das weitaus größer aufziehen.“ In einem Verbundvorhaben mit der UdK Berlin entwickelt man seit Oktober 2025 KI-gestützte und immersive Lehrkonzepte für künstlerisches Arbeiten und Schaffen.

Studierende sollen eher einen reflektierten Umgang mit KI lernen

Zentral sei an der Kunsthochschule in Essen vor allem, eine kritische Auseinandersetzung über das Verhältnis von KI und Künstler:innen. Fragen wie „Was passiert mit dir als Urheberin, wenn du bestimmte Systeme nutzt? Inwieweit befördert es deine künstlerische Praxis oder gibst du gerade Dinge ab, die du bei dir behalten solltest?“, würden mit Studierenden besprochen werden, erzählt Kathi Kæppel. Die Arbeit mit KI müsse in allen Bereichen reflektiert werden.

Auch Karsten Wolf von der Universität Rostock sagt, man müsse langfristig in die Zukunft denken: „Wir müssen uns im Prinzip mal zurücklehnen, die Augen schließen und uns vorstellen, wie werden Leute 2040, 2050 arbeiten und leben und dann Rückschlüsse ziehen, was wir den Studierenden heute beibringen müssen.“ Niels Pinkwart der HU Berlin sieht das ähnlich: „Wir müssen eher schauen, wie wir die Studierenden auf ihre künftigen beruflichen Wirkungsstätten sinnvoll vorbereiten.“

Zwischen all den Unsicherheiten und Prognosen bleibt derzeit noch unklar, wie sich wissenschaftliches Arbeiten durch KI weiter verändern wird. Sicher ist: KI ist ein Thema, das alle Hochschulen beschäftigt und für das weiter nach passenden Lösungen und Umgangsformen gesucht werden muss. Zentral ist überall, einen selbstreflektierten Umgang mit KI an Studierende zu vermitteln und aufzuzeigen, wo sich ihre Stärken von den Leistungen der KI abheben.