Geschichte des Kochens: Diese Suppe essen wir nicht
Nichts verdirbt den Appetit zuverlässiger als vollmundige Ankündigungen, die sich auf dem Teller als leere Versprechungen entpuppen. Das gilt für Menükarten genauso wie für private Essenseinladungen und für Bücher erst recht. „Eine andere Geschichte des Kochens“ kündigt uns der Journalist und Schriftsteller Wolfgang Brenner in seinem Buch „Herdfeuer und Hochkultur“ an und macht uns mit seinem schwungvollen Vorwort den Mund noch zusätzlich wässrig.
Er preist das Kochen als „einen wesentlichen Faktor der Menschwerdung“, nobilitiert es von einer vermeintlichen Nebensache zu einem „der wichtigsten Aspekte unseres Lebens“ und verblüfft uns mit erstaunlichen Zahlen: Mindestens 80.000 Mahlzeiten bereitet ein durchschnittlicher Mensch in seinem Leben zu, mehr als zehn Jahre verbringt er in der Küche, ohne allzu oft die Tragweite dieses Tuns zu erkennen. Und besonders neugierig werden wir, weil Brenner uns verspricht, die Geschichte der Menschheit endlich einmal aus der Perspektive des Kochens zu schreiben – etwa wenn er kühn behauptet, dass Alexander der Große nur deswegen nach Indien zog, weil er neugierig auf die dortigen Delikatessen war, oder dass es die Sklaverei ohne Zuckerrohr nie gegeben hätte.
200 Brotsorten gab es im Zweistromland
Doch was dann folgt, ist kein erfrischender Perspektivwechsel, sondern über weite Strecken ein Nachkochen alter Bekanntheiten. Brenner zitiert ausführlich den berühmten Paläoanthropologen Richard Wrangham, der in der Beherrschung des Feuers die Voraussetzung für die Entwicklung des Menschen erkannte, weil er nun nicht mehr stundenlang mit dem Kauen von Rohkost beschäftigt war, sondern sein immer größer werdendes Gehirn schnell und einfach mit ausreichend Energie versorgen konnte – ein phänomenales Organ, das nur 2,5 Prozent des Körpergewichts ausmacht, aber 20 Prozent der Energie verbraucht.

Er wiederholt die Thesen des Soziologen Émile Durkheim und der Anthropologen Jane und Chet Lancaster, nach der die Arbeitsteilung in Kochen und Jagen das Verhältnis von Frau und Mann für Jahrtausende zementierte und unsere bis heute gültige Familienstruktur überhaupt erst entstehen lassen konnte. Und nur selten erstaunt er seine Leser mit überraschenden Fakten: Dass die Götter des alten Babylons den Menschen den aufrechten Gang und das Backen von Brot beibrachten, um sich von ihnen bekochen zu lassen, dass es im Zweistromland 200 Brotsorten und 100 verschiedene Arten von Suppen gab, das wussten wir nicht.
Allzu oft belässt es Wolfgang Brenner aber bei Anekdoten, anstatt die großen Linien der Küchengeschichte nachzuzeichnen. Wir erfahren, dass sich römische Priester bei einem Gastmahl Austern, Drosseln, Spargel, Enten, Hasen und Schweinezitzen gönnten, nicht aber, welchen Anteil die Kochkunst am phänomenalen Erfolg der römischen Zivilisation gehabt haben könnte. Wir werden ausführlich mit dem Grafen Rumford bekannt gemacht, der die Rumford-Suppe als hocheffiziente Armenspeise erfand, müssen aber auf alle Gedankenspiele verzichten, wie diese Suppe die kulinarische Kultur in Deutschland bis heute prägt.
Die Augen vor der kulinarischen Realität verschlossen
Gleiches gilt für Justus von Liebig und seinen Maggi-Würfel, und auch aus dem Restaurantbesuch preußischer Offiziere in Fontanes „Irrungen und Wirrungen“ mit Hummer und Chablis werden keine tieferen Schlüsse über den Antagonismus von Lustfeindlichkeit und Hedonismus im kaiserlichen Deutschland gezogen.
Um das Kochen selbst geht es in dem Buch meist nur am Rand, und in der Küche ist man mit Wolfgang Brenner so gut wie nie. Kaum einmal wird ein Koch erwähnt, das deutsche Küchenwunder spielt nicht die geringste Rolle. Stattdessen wird dem ersten deutschen Fernsehkoch Clemens Wilmenrod, der in Wahrheit nur ein geschäftstüchtiger Kochdarsteller war, weit mehr Platz eingeräumt als allen Witzigmanns und Wohlfahrts – und dazu noch eine steile These aufgestellt: Wilmenrod sei „der Urvater einer Spezies, die die Lufthoheit über die deutschen Küchen seither nicht mehr aus den Händen gibt“.
Dass ein Johann Lafer oder Tim Mälzer darüber bestimmt, was und wie in Deutschland gekocht wird, kann man nur behaupten, wenn man die Augen vor der kulinarischen Realität fest verschließt. Und dass „das Kochen und Essen den unverkrampften Freizeitcharakter verloren“ hätten, „den sie nach dem Ende des Wirtschaftswunders zumindest zeitweise erlangt hatten“, ist eine Vereinfachung und Überspitzung heutiger ideologischer Ernährungsgewohnheiten, die der Lebenswirklichkeit nicht entspricht.
Dieses Buch, das gar keine andere Geschichte des Kochens, sondern eine allzu episodische, bis zur Willkür kaleidoskophafte Geschichte der menschlichen Ernährung ist, endet mit einer seltsamen Spekulation: Drei Szenarien für unsere Zukunft präsentiert uns Wolfgang Brenner, bei denen die Weltbevölkerung entweder bei 36, neun oder 2,3 Milliarden Menschen liegen wird. Die beiden ersten nennt er unrealistisch und eine „Horrorvorstellung“. Bleibt nur die dritte: „eine apokalyptische Größe, mit der sich aber auf lange Sicht leben ließe. Das heißt: Erst wenn mehr als sechs Milliarden Menschen tot sind, leben wir wieder gut und gesund und können uns satt essen.“ Wenn die andere Geschichte des Kochens so endet, schreiben wir lieber unsere eigene.
Wolfgang Brenner: „Herdfeuer und Hochkultur“. Eine andere Geschichte des Kochens. Reclam Verlag, Ditzingen 2026. 256 S., Abb., geb., 26,– €.
Source: faz.net