So viel Taschengeld ist zu Händen Kinder wirklich in Ordnung
Taschengeld sorgt in vielen Familien für Zoff. Wie viel Geld ist in welchem Alter sinnvoll – und ab wann sollten Eltern starten? Sachbuch-Autorin Andrea Schwendemann erklärt Richtwerte, Fehler und Spartipps für Kinder.
Nur ein Drittel der Deutschen hält das eigene finanzielle Wissen für gut – das geht zumindest aus einer Erhebung der OECD hervor. Wenn die Großen schon nicht so genau wissen, wie sie am besten mit ihrem Geld umgehen sollen, wie sollen sie es dann ihren Kindern vermitteln? Dabei ist finanzielle Bildung ein entscheidender Grundstein für den späteren Lebensstandard und Wohlstand – und den können Eltern bereits mit einem ziemlich unscheinbaren Mittel legen: dem Taschengeld.
Allerdings sorgt das Thema nicht selten für Kopfschmerzen. Gebe ich meinem Kind genug? Wann sollte ich starten? Sollte ich gleich ein Konto eröffnen oder lieber alles bar auszahlen? Andrea Schwendemann ist erfolgreiche Kinder-Sachbuch-Autorin und hat mit „Von Geld, Gold und Guppys“ einen Ratgeber für Eltern geschrieben, der als Mitmach-Buch auch für Kinder ab acht Jahren geeignet ist.
WELT: Ab wie vielen Jahren empfiehlt es sich, Kindern den Umgang mit Geld näherzubringen?
Andrea Schwendemann: Das beginnt ganz früh. Schon kleine Kinder sehen, wie man einkaufen geht, ob zum Beispiel Preise verglichen werden oder wie man mit Nahrungsmitteln umgeht. Werden die weggeschmissen oder nicht? Bei solchen Alltagsdingen wird indirekt auch der Umgang mit finanziellen Ressourcen vermittelt.
WELT: Und ab wann sollten Eltern dann Taschengeld geben?
Schwendemann: So ab sechs, sieben Jahren, wenn die Kinder eingeschult werden. Ab dann haben sie auch schon ein gewisses Bewusstsein, was Geld überhaupt ist und begreifen erste Zahlenmengen. Das ist auch die Empfehlung des Deutschen Jugendinstituts. Zugleich gibt es den Kindern in dem Alter noch mal eine größere Art von Autonomie. Natürlich kann man auch vorher schon über Geld sprechen. Gerade das ist total wichtig, wie etwa die PISA-Studie 2022 belegt.
Schwendemann: Wenn in Familien offen über Geld gesprochen wird, wirkt sich das am Ende positiv auf die Familien und auch auf die Kinder selbst im jungen Erwachsenenalter aus. Sie haben später weniger oft Schuldenprobleme und investieren ihr Geld auch eher.
Taschengeld: Das empfehlen Experten
WELT: Inwiefern?
WELT: Wie hoch sollte denn das Taschengeld je nach Alter sein?
Schwendemann: Das Deutsche Jugendinstitut empfiehlt im Alter von sechs und sieben etwa zwei bis drei Euro die Woche. Bei Acht- und Neunjährigen dann etwa drei bis vier. Von zehn bis elf Jahren etwa 15 bis 25 Euro im Monat, bis 13 Jahren circa 20 bis 30, später bis 15 Jahren je nach finanziellen Möglichkeiten der Eltern zwischen 25 und 45 Euro im Monat. Das ist ja auch nur ein Rahmen, der empfohlen wird. Das Wichtigste ist, dass dieses Taschengeld regelmäßig kommt. Auch Familien, bei denen das Geld knapp ist, sollten sich überlegen, ob es nicht wenigstens möglich ist, einen geringen Betrag als Taschengeld auszuzahlen.
WELT: Was sollten Eltern beim Taschengeld außerdem beachten?
Schwendemann: Dass die Kinder und Teenager wirklich frei darüber verfügen können. In meinem Buch gibt es auch einen „Taschengeldvertrag“, den die Kinder gemeinsam mit ihren Eltern ausfüllen und die Rahmenbedingungen festhalten können: An welchem Tag kommt das Geld, wie viel und was sonst als wichtig erachtet wird. Eltern von Kindern ab etwa zwölf Jahren können ihrem Nachwuchs ein Budget-Geld für unterschiedliche Bereiche auszahlen. Damit bestreiten die Kinder dann „Essen außer Haus“, „Kleider“ und „Kosten fürs Handy“.
WELT: Sollten Eltern es lieber wöchentlich oder einmal im Monat auszahlen?
Schwendemann: Am Anfang sollte man es nur bar und wöchentlich auszahlen. So begreifen Kinder eher den abstrakten Umgang mit Geld und wie viel Geld sie haben. Später, ab etwa zehn Jahren, kann man damit beginnen, den Betrag nur einmal im Monat auszuzahlen. Dann kann man vielleicht auch schon ein eigenes Konto mit dem Kind eröffnen. Nach und nach kann man dann dazu übergehen, das Taschengeld vielleicht auch teils bar, teils als Überweisung auszuzahlen. Das hängt aber auch davon ab, wie weit das Kind schon ist im Umgang mit Geld. Spezielle Jugendkonten ermöglichen bis 18 Jahre ja ohnehin nicht alle Freiheiten des digitalen Zahlungsverkehrs. Man kann zum Beispiel keine Schulden machen, Eltern können Tageslimits setzen.
WELT: Einige Eltern beginnen bereits im Kindergartenalter mit Taschengeld-ähnlichen Systemen, etwa Gutscheinkarten für bestimmte Wünsche. Was halten Sie davon?
Schwendemann: Das würde ich nicht empfehlen. Taschengeld steht zur freien Verfügung und sollte nicht an Bedingungen geknüpft werden. Die Kinder sollten frei entscheiden dürfen, was sie damit anstellen. Und Kinder dürfen auch Fehler machen! Wir tätigen doch auch Fehlkäufe, oder? Wenn das Kind drei Wochen hintereinander das Taschengeld nur für Eis ausgegeben hat, merkt es selbst, dass es sich so keine anderen Wünsche erfüllen kann. Das ist Erfahrungslernen.
Wovon ich auch abraten würde: ständig klein beizugeben und Geld nachzuschieben, sobald das Kind einen Wunsch hat. Auch wenn es sich nur um kleine Dinge handelt. Sonst kann schnell das Gefühl entstehen: „Na ja, da kommt immer was, ich muss nur fragen.“ Es ist im Hinblick auf Geld wichtig, dass Kinder erleben, was Mangel bedeutet.
Dürfen Eltern Fehlkäufe kommentieren?
WELT: Kann ich als Elternteil solche „Fehlinvestitionen“ trotzdem ansprechen?
Schwendemann: Absolut! Wichtig ist nur, dass man nichts direkt verbietet – das Kind hat Entscheidungsfreiheit, was es mit seinem Taschengeld macht. Wenn es aber zu Beginn der Woche alles in Sammelkarten investiert hat, dann aber noch weitere Wünsche hat – dann kann man als Eltern darauf hinweisen, ob das Kind sich in der kommenden Woche einmal genauer überlegen möchte, wofür es sein Geld wirklich ausgeben will. Sehr schön finde ich auch die Drei-Gläser-Methode. Da können Kinder ihr Taschengeld in den drei Kategorien Ausgeben, Sparen und Spenden frei einteilen. So können sie bereits erste Erfahrungen mit Sparraten machen und auch erforschen, welches Gefühl Spenden bei ihnen auslöst. Klare Einschränkungen sollte es nur bei verbotenen Dingen für Kinder wie Alkohol, Zigaretten oder Drogen geben.
WELT: In manchen Familien ist es üblich, das Taschengeld aufzustocken, wenn die Kinder Aufgaben im Haushalt übernehmen. Ist das sinnvoll?
Schwendemann: Es setzt falsche Anreize, also ein ganz klares Nein dazu. Alltägliche Dinge im Familienalltag wie Spülmaschine ein- und ausräumen, Zimmer aufräumen oder mal das Bad putzen sollten nicht mit extra Taschengeld belohnt werden. So etwas sind Alltagskompetenzen, die zum Zusammenleben dazugehören. Bei größere Sachen, wie Rasenmähen oder so etwas, was nicht alltäglich ist, kann man das mit etwas belohnen – sei es Geld oder dass man mit dem Kind einkaufen geht.
WELT: Was macht es mit Kindern, wenn man ihnen entweder uneingeschränkt viel oder gar kein Taschengeld gibt?
Schwendemann: So wie wir den Umgang mit Geld von unseren Eltern vermittelt kriegen, prägt uns das sehr für das spätere Leben. Wer schon früh übt, sich selbst einen Überblick über seine Einnahmen und Ausgaben zu machen, hat damit wohl auch im Erwachsenenalter weniger Probleme.
WELT: Ist das denn nur Aufgabe der Eltern oder sollte es Ihrer Meinung nach auch ein Schulfach „finanzielle Bildung“ geben?
Schwendemann: Wünschenswert wäre es natürlich, dass man das gleich vom Elternhaus mitbekommt. Aber die Realität ist auch, dass das eben nicht überall der Fall ist. Da muss die Schule dann eine Lücke füllen. Da kommt es immer auf das Bundesland an, inwiefern und in welchen Schulfächern solches Finanzwissen vermittelt wird. In Skandinavien ist man da viel weiter. Dort wird in der Schule schon früh Finanzwissen vermittelt wie: Was sind Zinsen? Wie erhöhe ich meine Sparrate? Was sind gute, was sind schlechte Kredite? Dieses Wissen ist für mich eine Kulturtechnik wie Schreiben und Rechnen. Und ja, das sollte auch in einem extra Schulfach unterrichtet werden. Gleichzeitig finde ich es wichtig zu vermitteln, dass es eben reiche und arme Menschen gibt und dass diese Dinge nicht immer nur von der eigenen Arbeitsmoral abhängen.
Am 16. März erscheint Andrea Schwendemanns neues Buch „Von Geld, Gold und Guppys“, Stiftung Warentest, 16,90€.
Sabine Winkler berichtet als freie Autorin für WELT regelmäßig über Familienthemen, Reisen und Popkultur. Zweimal im Monat erscheint montags ihr Newsletter „Läuft bei uns – der Familien-Newsletter“, in dem sie über ihr Leben als Mama schreibt.
Source: welt.de