UniCredit und Commerzbank: Wie riskant wäre jener Banken-Deal?
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Das Übernahmeangebot der UniCredit für die Commerzbank stößt auf Kritik. In Deutschland wächst die Sorge vor Jobverlusten und weniger Einfluss im Bankensektor. Ein solcher Deal bietet aber auch Chancen.
Die italienische Großbank UniCredit hat ein freiwilliges Übernahmeangebot für die Commerzbank vorgelegt – und sorgt damit in Deutschland für heftige Diskussionen. Dabei ist schon der Ausgangspunkt umstritten. „Das ist kein ernst gemeintes Übernahmeangebot. Zu diesen Konditionen werden sie wahrscheinlich keine nennenswerten Aktien erhalten“, sagt Bankenexperte Dieter Hein von Fairresearch im Gespräch mit der ARD-Finanzredaktion.
UniCredit-Angebot nur ein taktisches Manöver?
Auch Roger Degen von der Schweizer Bank Julius Bär hält den Angebotspreis von etwa 30,80 Euro je Aktie für zu gering. Analysten sind daher überzeugt: Hintergrund des Übernahmeangebots der UniCredit ist das Aktienrückkaufprogramm der Commerzbank.
Dadurch steigt automatisch der Anteil von UniCredit, weil sich die Zahl der Aktien verringert. Die Beteiligung der Italiener wächst damit rechnerisch – ganz ohne eigenes Zutun – in Richtung der 30-Prozent-Schwelle, deren Überschreiten ein Pflichtangebot ausgelöst hätte. Und ein Pflichtangebot wäre wohl teurer geworden, denn dieses entspricht mindestens dem gewichteten Durchschnittskurs der letzten drei Monate.
Commerzbank: zentrale Rolle für deutschen Mittelstand
Also viel Aufregung um nichts? Tatsächlich deutet derzeit nichts auf eine schnelle Komplettübernahme hin. Und doch schrillen die politischen Alarmglocken; laut dem Finanzministerium lehnt der Bund eine „feindliche Übernahme“ der Commerzbank weiter ab.
Die Commerzbank ist neben der Deutschen Bank die einzige große private Bank in Deutschland – und besonders wichtig für den Mittelstand. Gerade in wirtschaftlich schwierigen Zeiten gilt sie als zentraler Kreditgeber für die Unternehmen in der Bundesrepublik.
„Aus deutscher Perspektive wäre eine Übernahme der Commerzbank durch die UniCredit nicht gut“, warnt Bankenexperte Hein. „Deutschland hätte dann als größte Volkswirtschaft in der EU nur noch eine große private Bank von Bedeutung.“ Damit meint Hein die Deutsche Bank.
Bankenkrise: Risiken für Deutschland im Ernstfall
Die Sorge dahinter ist auch strategisch: In Finanz- und Wirtschaftskrisen braucht ein Land eigene starke Institute. Hein verweist auf die Schweiz, wo die UBS mit staatlicher Hilfe die strauchelnde Credit Suisse übernahm. Ohne nationale Player könnte eine solche Stabilisierung im Krisenfall womöglich schwieriger werden.
Auch der Finanzplatz Frankfurt steht im Fokus: Sollten wichtige Entscheidungen künftig in der italienischen Zentrale getroffen werden, könnte das deutsche Firmenkundengeschäft ins Hintertreffen geraten, so die Befürchtung einiger Branchenkenner.
Jobverluste durch Bankenfusion wahrscheinlich
Die Gewerkschaft ver.di warnt zudem vor einem massiven Stellenabbau. Bei einer Fusion könnten deutlich mehr als 10.000 Arbeitsplätze bei der Commerzbank unter Druck geraten, sagte Jan Duscheck, Bundesfachgruppenleiter Bankgewerbe bei ver.di, der Bild.
Tatsächlich führen Bankenfusionen fast immer zu deutlichen Einschnitten. „Banken sind eben sehr personalintensiv: Wenn man sparen will, um die Rendite zu steigern, dann trifft es das Personal meist als erstes“, sagt Hein.
Die Erfahrungen mit der HypoVereinsbank nach ihrer Übernahme durch die UniCredit im Jahr 2005 nähren diese Befürchtungen: Damals wurde der Abbau von rund 4.200 Stellen angekündigt – inzwischen sind es über 12.000.
Commerzbank ist kein klassischer Übernahmefall
Gegen eine Übernahme spricht zudem die aktuelle Lage der Commerzbank: Sie steht besser da denn je, schreibt Rekordgewinne und schüttet Milliarden an ihre Aktionäre aus. Dabei hat die drohende Übernahme durch die UniCredit die Umstrukturierung der Commerzbank unter der Vorstandsvorsitzenden Bettina Orlopp beschleunigt. „Frau Orlopp hat bislang eine sehr gute Strategie im Abwehrkampf gefahren: Sie hat die Commerzbank teuer gemacht“, sagt Hein.
Die Commerzbank ist somit alles andere als ein Sanierungsfall. Ein klassisches Argument für Fusionen – die Rettung eines schwachen Instituts – greift hier also nicht.
Bundesregierung in der Kritik
Brisant ist auch die politische Dimension: „Schließlich war es der Bund selbst, der der UniCredit erst zum Einstieg bei der Commerzbank verhalf – aus Unachtsamkeit oder weil das Börsenparkett eben nicht die Heimat der Bundesregierung ist“, sagt Hein. Die UniCredit hatte den verunglückten Teilausstieg des Bundes bei der Commerzbank im September 2024 genutzt, um sich überraschend auf einen Schlag neun Prozent der Anteile zu sichern.
Gleichzeitig stellt sich die aktuelle Regierung nun gegen eine Übernahme. „Warum dann nicht den Worten auch Taten folgen lassen?“, meint Fairresearch-Experte Hein. Der Bund habe Instrumente, um ein solches Vorhaben zu stoppen. „Dann wäre der Spuk rasend schnell beendet.“
Europäische Bankenintegration als Chance
Doch es gibt auch Argumente für den Deal. Auf europäischer Ebene gilt der Bankensektor als zu zersplittert. „Die fragmentierte Bankenlandschaft in der Europäischen Union macht die Region anfällig für finanzielle Schocks“, warnte Claudia Buch, Vorsitzende Bankenaufsicht der Europäischen Zentralbank (EZB), bereits vor einem Jahr.
Größere, grenzüberschreitende Institute könnten effizienter sein, Risiken besser streuen und den europäischen Binnenmarkt stärken. Auch in Deutschland fordern Ökonomen daher eine offenere Haltung gegenüber solchen Fusionen. „Es spricht ökonomisch viel dafür, grenzüberschreitende Konsolidierungen ernsthaft zu prüfen, statt sie reflexhaft politisch abzuwehren“, sagte die Vorsitzende des Sachverständigenrates, Monika Schnitzer, der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.
Mehr Risiken oder Chancen?
Fakt ist: Wer eine Stärkung des europäischen Bankensektor gegen die starke internationale Konkurrenz will, kann schwerlich jede grenzüberschreitende Bankenfusion ablehnen.
Zugleich gibt es aus rein deutscher Perspektive durchaus Gründe, die gegen eine Übernahme der Commerzbank durch die UniCredit sprechen. Es geht um Arbeitsplätze, aber auch um Einfluss und die künftige Rolle deutscher Banken in Europa – das könnte gerade in Krisenzeiten noch wichtig werden.
Source: tagesschau.de
