Gordon Schnieder: Mehr Pirmasens wie Paris
Gordon Schnieder lässt lieber andere reden. Beim Besuch eines Landmaschinen-Händlers in Rittersdorf in der Eifel ist es fast eine Stunde lang so: Schnieder nickt die meiste Zeit schweigend, während der Geschäftsführer des Unternehmens, Michael Servatius, über Bürokratie, die Vorzüge des nahen Luxemburgs und die Arbeitsmoral klagt. „Wer will denn samstags in der Ernte noch einen Mähdrescher reparieren? Die jungen Leute zeigen mir da den Vogel“, sagt Servatius. Schnieder nickt.
Später sagt er, er sei zu Gast, um zuzuhören. Wenn er gefragt werde, antworte er. Er wird aber nicht gefragt und behält das, was er in Rheinland-Pfalz ändern will, für sich. Am Ende des Besuchs in Rittersdorf verspricht er, ein paar Themen „mitnehmen“ zu wollen. Eins davon lautet, dass Überstunden in Luxemburg steuerfrei und damit attraktiver für Mitarbeiter seien.
Schnieder tritt auf, als wäre er schon Ministerpräsident von Rheinland-Pfalz. Er ist es aber nicht, er ist Spitzenkandidat der CDU. Gleichwohl drängt er nicht nach vorn, kritisiert die Arbeit der Landesregierung nur höflich und verliert kaum ein schlechtes Wort über den eigentlichen Amtsinhaber, Alexander Schweitzer von der SPD. Vielleicht hat er deshalb so gute Chancen, diese Wahl zu gewinnen, wie schon lange kein Christdemokrat mehr.
Linnemann ist begeistert
In keinem anderen Bundesland ist es so lange her, dass die CDU regiert hat: 35 Jahre. Sieben verlorene Landtagswahlen, noch dazu in einem konservativen Bundesland, das bei den meisten Kommunal- und Bundestagswahlen mehrheitlich für die CDU stimmte. Jede Niederlage stürzte den Landesverband in eine kleine oder größere Krise, auf die eine Selbstfindung folgte – und der Austausch des Führungspersonals. Jedes Mal wollte man es anders machen. Schnieder ist die Antwort auf die vielen Niederlagen oder besser das, was die Partei daraus gelernt haben will.

Am Montag vor einer Woche steht Carsten Linnemann, Generalsekretär der CDU, auf der Bühne der Rheingoldhalle in Mainz. Seit Monaten tourt er mit einem Programm durch die Landesverbände, bei dem eine Liveaufnahme seines Podcasts „Einfach mal machen“ entsteht und er den jeweiligen CDU-Landesvorsitzenden zu einer Plauderei auf die Bühne bittet. An diesem Abend ist es Schnieder.
Gleich in der Anmoderation nennt er ihn „einen der authentischsten Politiker, den ich kenne“, da gebe es „kein Tamtam, keine Show“. Andere überlegten sich morgens, welche Jeans sie für Instagram anzögen, „was sieht gut aus, was sieht schlecht aus“, sagt Linnemann. „Du bist immer so geblieben, wie du bist“, sagt er mit ehrlichem Erstaunen. „Was ist dein Rezept?“
Der ältere Bruder: Bundesverkehrsminister
Schnieder sagt, er sei in einem 1000-Einwohner-Dorf in der Eifel aufgewachsen. „Da kannste dich nicht verstellen. Jeder kennt jeden. Da ist ein Wort ein Wort, da gilt ein Handschlag.“ Seine Heimat sei der Antrieb, wieso er etwas verändern wolle. „Es erdet einen halt, wenn man weiß, wo man herkommt, und man weiß, da geht man abends auch wieder hin zurück“, sagt Schnieder. „Super, super“, antwortet Linnemann.
Der 1000-Einwohner-Ort, aus dem Schnieder kommt, heißt Birresborn und liegt in der Vulkaneifel. Die nächsten Großstädte sind weit weg, nach Trier und Koblenz fährt man etwa eine Stunde. Typisch Rheinland-Pfalz, nirgendwo in Deutschland gibt es so viele kleine eigenständige Gemeinden wie hier. In Birresborn gibt es eine Grundschule, eine Bäckerei und eine Kirche, in die Schnieder mit seiner Frau und seinen drei Kindern sonntags geht.
Hier wuchs er als eines von vier Kindern auf, trat mit 16 in die CDU ein, angeblich nachdem er eine Rede seines älteren Bruders Patrick gehört hatte, der heute Bundesverkehrsminister ist. Nach Abitur und Wehrdienst bewarb sich Schnieder bei der rheinland-pfälzischen Finanzverwaltung, wurde abgelehnt und ging nach Nordrhein-Westfalen, wo er nach einem Fachhochschulstudium als Finanzbeamter arbeitete.
Klagen über weite Wege
Um in die Heimat zurückzukehren, nahm er einen Job in der Kreisverwaltung in Bitburg an, 30 Minuten entfernt von Birresborn. Mit Ende 20 zog Schnieder für die CDU in den Kreistag in der Vulkaneifel ein, kandidierte mit Anfang 30 als Landrat – und unterlag. Er sei zu jung und unerfahren gewesen, sagt einer, der ihn damals verfolgte. Die Niederlage sei ihm zur Last gelegt worden, heißt es. „Wenn du als CDUler in der Eifel verlierst, bist du schon selbst schuld.“
Doch während Schnieders Bruder Patrick 2009 in den Bundestag einzieht, festigt Gordon als Kreisvorsitzender seine Position und wird ehrenamtlicher Ortsbürgermeister seiner Heimatgemeinde. Als 2016 der Landtagswahlkreis frei wird, ist ihm die Kandidatur nicht zu nehmen.
Wenn Schnieder über die Probleme von Rheinland-Pfalz spricht, macht er sie oft an der Eifel fest. Er klagt über die weiten Wege zum nächsten Krankenhaus, seit jenes in Gerolstein geschlossen habe, die fehlenden Haus- und Fachärzte, die Straßenausbaubeiträge und die finanzielle Unbeweglichkeit der vielen kleinen Gemeinden.
Schnieder beendete die Intrigen und Streitereien
In den Kommunen kennt er sich sehr gut aus. Er hat jedoch noch nie eine größere Verwaltung geleitet oder regiert. Sein Konkurrent Schweitzer hingegen war Staatssekretär und Minister, bevor er in die Staatskanzlei einzog.
Als Schnieder 2016 in die Landtagsfraktion kam, war sie von Jahrzehnten der Opposition ausgezehrt. Ihrem Selbstverständnis nach will die CDU keine Programmdebatten führen, sondern regieren. Politische Talente, die es immer wieder gab, resignierten oder kandidierten als Landräte, um wenigstens dort gestalten zu können. Die Aussicht auf politische Ämter hält einen Landesverband zusammen. Wo es nichts zu verteilen gibt, bleibt nur der Kampf um eine Handvoll Ämter.
Schnieder hat diese Streitereien und Intrigen beendet, auch wenn er selbst erst durch sie ins Amt gekommen war. Sein Vorgänger Christian Baldauf trat nach einem Putsch gegen ihn zurück, an dem Schnieder dem Vernehmen nach nicht beteiligt war. Als sich aber die Gelegenheit bot, griff Schnieder zu und übernahm einige Monate später auch den Landesvorsitz. Die neue Geschlossenheit ist sein Verdienst.

Vor dem Wahlkampf fanden auch Sozialdemokraten lobende Worte für Schnieder: Anders als seine Vorgänger sei er immer freundlich, verlässlich und spiele „keine Spielchen“. Es klang, als bereite sich die SPD auf eine Koalition mit der CDU vor, die es im Land bislang nie gab. Aufgrund der Schwäche beider Parteien und der Stärke der AfD gibt es kaum andere Optionen.
Schnieder ist kein Menschenfänger
Mit Schnieder ist eine Koalition zumindest auf menschlicher Ebene nicht ausgeschlossen – er und Schweitzer verstehen sich gut. Zugleich schien man Schnieder in der SPD nicht ganz für voll zu nehmen: Mit dem wollen sie’s also diesmal probieren? Vielleicht haben die Sozialdemokraten ihn unterschätzt.
Während Schweitzer mit Hunden kuschelt, Selfies macht und jede Begegnung mit einem Bürger so angeht, als hinge die Wahl davon ab, tritt Schnieder in der persönlichen Begegnung freundlich, aber zurückhaltend auf. In Rittersdorf klingelt er an einer Tür nach der anderen, stellt sich und den CDU-Landtagskandidaten Michael Ludwig vor, lässt einen Handzettel und eine Tüte Gummibärchen da.
Er fragt nicht, was die Menschen bewegt – und wird auch nicht gefragt. Hinterlässt er so Eindruck? Schnieder ist gewiss kein Menschenfänger, eher der freundliche Finanzbeamte, der auf den Blick in die Steuerunterlagen verzichtet. Eine Frau auf der Straße in Rittersdorf findet ihn „sympathisch“. „Er ist kein Schwätzer“, sagt sie.
Schnieder gilt als dickköpfig und ruhig
Nach ihrer Wahlniederlage 2016 hielt man der damaligen Landesvorsitzenden Julia Klöckner in der CDU vor, sie habe „eher nach Paris als nach Pirmasens“ ausgesehen. Gordon Schnieder würde diesen Vorwurf wohl keiner machen. Bis in die Kontrastknöpfe seiner weißen Hemden wirkt er bodenständig. Eine Eigenschaft, die auch Bundeskanzler Friedrich Merz bei mehreren gemeinsamen Wahlkampfauftritten lobte.
Schnieder sind Umgangsformen, Respekt im persönlichen Umgang und ein ordentliches Auftreten wichtig. Er besaß lange Zeit keinen Pullover. Auch abends auf dem heimischen Sofa sitze er mit Hemd, sagte er einmal in einem Interview, nur im Urlaub trage er mal ein Poloshirt. Er und sein Team haben sich entschieden, dass Schnieders Ecken und Kanten seine Authentizität unterstreichen.
Was Schnieder einmal entschieden hat, dabei bleibt er, sagen seine Leute. Besonders im Wahlkampf, wenn es ständig Zweifel am eigenen Kurs gibt, sind seine Dickköpfigkeit und Ruhe wohl hilfreich. Auch darin unterscheidet er sich von seinen Vorgängern: Klöckner und Baldauf, der 2021 für die CDU verlor, betrieben Politik als Offensivspiel. Wenn sie eine Gelegenheit sahen, änderten sie auch ihre Taktik, jeder Raumgewinn zählte. Dadurch hätten sie manchmal wie Blätter im Wind gewirkt, sagt ein Christdemokrat.
Schnieder holzt nicht los
Von Baldauf heißt es, er habe seine Meinung manchmal im Laufe eines Satzes geändert – es ist die Art boshafter Überspitzung, der nur Verlierer zum Opfer fallen. Dass Klöckner 2016 vom Kurs der damaligen Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Flüchtlingspolitik abwich und den Plan A1 vorstellte, nannten Sozialdemokraten in Mainz „ein Geschenk“. Es brachte die Sprunghaftigkeit auf den Punkt, die Wähler eher abschreckt, befand man.
Und wer ständig angreift, vergreift sich auch leicht im Ton: Klöckner und Baldauf traten hart und konfrontativ auf. Den sanftmütigen Rheinland-Pfälzern missfiel das. Mancher hatte das Gefühl, sein Land würde schlecht gemacht.

Im Bickendorfer Büdchen, einer kleinen Kneipe in der Eifel, soll Schnieder vor ein paar Dutzend Interessierten und Anhängern sprechen. Draußen ist es dunkel, viele Gläser Bitburger sind schon über die Theke gegangen – eigentlich eine gute Gelegenheit für einen Politiker, um loszuholzen. Der Kandidat aber hält seine übliche, abgewogene Wahlkampfrede: „Wir müssen aus dem Stillstand raus, den wir bei Bildung und Gesundheit haben.“ Dafür gibt es eher anerkennenden als begeisterten Applaus.
Großplakate mit Schnieder sind verschwunden
Schnieder ist kein begnadeter Redner. Er verzichtet auf Grünen-Bashing oder Aufregerthemen, mit denen er die Basis leicht zum Kochen bringen könnte. Er gibt den Ministerpräsidenten in spe und spricht ernst über die Wirtschaft, darüber, dass zu wenig investiert werde in Rheinland-Pfalz, dass man „Abstiegskandidat“ in der Bildung sei. Die meisten Zahlen geben Schnieder recht. Gut läuft es nicht, aber eine Wechselstimmung gibt es auch nicht.
„So einen brauchen wir jetzt“, sagt ein älterer Herr am Ende der Veranstaltung. 2021 stimmte er für die Freien Wähler, diesmal ist er für Schnieder. Ein gutes Zeichen für die CDU. Vor fünf Jahren verlor sie deutlich an die kleine Partei, die es erstmals in den Landtag in Mainz schaffte. Vor allem aber blieben sehr viele ihrer eigenen Anhänger zu Hause.
Um sie diesmal zu mobilisieren, sind viele Großflächenplakate mit Schnieder verschwunden, nun steht da: „Rot-Rot-Grün verhindern. CDU wählen.“ Die SPD will das Bündnis nicht ausschließen, die Linke könnte sehr knapp reinkommen. Reicht das also, um zu gewinnen? Manche in der CDU haben Zweifel.
Schnieder scheut das Risiko
Schnieder selbst erwähnte es kein einziges Mal in den TV-Diskussionen der vergangenen Woche. Ihm spielt in die Hände, dass sich der Bundestrend seiner Partei verbessert hat und Debatten um Lifestyle-Teilzeit oder Zahnersatz vergessen sind.
Während Schweitzer als stellvertretender SPD-Bundesvorsitzender und Vorsitzender der Ministerpräsidenten-Konferenz häufig im Fernsehen war, trat Schnieder über weite Strecken kaum in Erscheinung. Auch die Möglichkeit, während der parlamentarischen Sommer- oder Winterpausen zumindest landespolitisch Themen zu setzen, ließ er verstreichen.
Eine Einladung in die TV-Sendung von Markus Lanz sagte er kürzlich ab: Termingründe. Bei Lanz müssen Politiker auf andere Gäste und aktuelle Themen reagieren, müssen spontan sein. Das ist Schnieder nicht. Er scheut das Risiko und lässt lieber eine Lücke.
Dann ist er eben der Unbekannte. Vor allem will er der SPD keine Angriffsfläche bieten. Zurückliegende Wahlen gewann sie auch, weil Grüne und Linke die CDU-Kandidaten verhindern wollten. Jetzt aber zeichnet sich sowieso ein Bündnis mit den Christdemokraten ab. Und Schnieder taugt nicht als christdemokratisches Schreckgespenst.
Source: faz.net