Wie Trumps wankelmütiger Nato-Kurs eine große Chance für jedes Deutschland eröffnet

Trumps ambivalente Signale in Sachen Nato und die Folgen: Deutschland wirbt offensiv um eine engere Bindung an Kanada – enorme wirtschaftliche und strategische Vorteile winken. Ein mächtiger Rivale steht dem Plan aber noch im Weg.

Es ist einer dieser Momente, in denen sich die Zeitenwende fast greifbar verdichtet — und zugleich ihre Widersprüche offenlegt. Während US-Präsident Donald Trump den Druck auf Europas Sicherheitsarchitektur erhöht und Zweifel an der Verlässlichkeit der USA schürt, entstehen plötzlich Chancen, von denen Berlin lange nur träumen konnte. Eine davon liegt dieser Tage in Eckernförde.

Dort, an der Ostsee, führt Deutschland Kanada vor, was es kann. Kein großes Spektakel, kein Pressezugang, keine Kameras. Stattdessen: ein diskreter Besuch, militärisch präzise durchgetaktet. Bundeswehr-Generalinspekteur Carsten Breuer empfängt die Oberbefehlshaberin der kanadischen Streitkräfte, Jennie Carignan — und zeigt ihr das 1. U-Bootgeschwader.

„Für mich geht es vor allem darum, die Seeleute zu treffen, ihre Arbeitsbedingungen zu verstehen und zu sehen, wie sie operieren“, sagt Carignan. „Darum geht es im Kern: um Unterwasserüberwachung — und um den Austausch mit deutschen Seeleuten.“ Was wie ein routinierter Truppenbesuch klingt, ist in Wahrheit aber eine Vorführung — und ein Angebot. Breuer möchte Carignan nicht nur imponieren, sondern auch zeigen, was bald auch Kanada gehören könnte: deutsche U-Boote.

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Denn im Kern geht es um einen der größten Rüstungsdeals der kommenden Jahre: Kanada will bis zu zwölf neue U-Boote beschaffen. Derzeit betreibt es vier alternde Exemplare — genauso viele wie Deutschland —, trotz der längsten Küstenlinie der Welt. Die Flotte stammt aus britischen Beständen, ist mehr als 20 Jahre alt und technisch überholt. Ein Projekt im Wert von mehreren Milliarden Euro und einer transatlantischen U-Boot-Partnerschaft — oder eben auch nicht. Im Wettbewerb stehen ThyssenKrupp Marine Systems gemeinsam mit Norwegen gegen Südkoreas Hanwha Ocean.

Spätestens seit Trump Grönland in den Fokus gerückt hat, ist klar: Die Nato muss ihre Präsenz in der Arktis ausbauen und sich gegenüber Russland und China behaupten. Und als größter Anrainerstaat ist Kanada in der Pflicht. Ottawa muss Präsenz zeigen — auch unter Wasser. „Für Kanada sind U-Boote ein integraler Bestandteil des Aufbaus unserer militärischen Fähigkeiten für die Zukunft“, sagt Carignan. Es gehe um die Überwachung der „sehr, sehr langen Küstenlinie“ — und darum, „dass auch unsere Arktis geschützt ist“.

Offiziell markiert das Treffen 75 Jahre diplomatische Beziehungen. „Auch wenn unsere geografischen Gegebenheiten sehr unterschiedlich sind, haben wir militärisch unglaublich viel gemeinsam“, sagt Carignan. Die Zusammenarbeit basiere auf jahrzehntelanger Kooperation, Nato-Partnerschaft — und gewachsenen Strukturen. „Und ehrlich gesagt: Wenn man es gemeinsam macht, wird vieles deutlich einfacher.“

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Auch Breuer betont die historische Tiefe. „Das begann in den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg“, sagt er. „Es ging nicht nur um Eishockey, sondern auch darum, Sicherheit für unseren Wohlstand in Deutschland zu gewährleisten.“ Heute sei daraus eine Partnerschaft „auf Augenhöhe“ geworden. Gerade die aktuellen Krisen führten beide Länder wieder enger zusammen. „Wir haben sehr viel gemeinsam, vor allem unsere Werte — und daraus ergeben sich auch gemeinsame Interessen.“ Doch hinter den warmen Worten läuft ein harter Wettbewerb.

„Ich mache keine Werbung“, sagt Breuer – aber …

Deutschland ist mittendrin. Gemeinsam mit Norwegen bewirbt sich ThyssenKrupp Marine Systems mit dem U-Boot-Typ 212CD — eine Weiterentwicklung der 212A-Klasse, die nun in Eckernförde demonstriert wird. Die Boote gelten als besonders leise, hochmodern — und sind in der Lage, unter Eis zu operieren.

Breuer vermeidet jede Form offener Werbung. „Ich mache keine Werbung. Wir tun das nicht, und ich möchte nicht in den Beschaffungsprozess eingreifen.“ Und doch liefert er das zentrale Argument aus Sicht der Bundesrepublik gleich mit: „Für uns, Norwegen und Deutschland geht es viel stärker um Austauschbarkeit“, sagt er. „So ist es möglich, dass der Kommandant eines deutschen U-Boots direkt auf ein norwegisches wechseln und es vollständig bedienen kann. Und es geht auch um die Wartung.“

Diese sogenannte Interoperabilität klingt technisch, ist aber strategisch gemeint. „Was im Hinblick auf militärische Anforderungen sehr wichtig ist, ist die Fähigkeit zur Interoperabilität und die Fähigkeit, zusammenzuarbeiten“, sagt Carignan — und bleibt dabei bewusst allgemein. „Unabhängig vom Ergebnis — genau darauf kommt es uns an.“

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Doch entschieden ist nichts. Im Rennen steht auch Südkoreas Konzern Hanwha Ocean mit seiner KSS-III-Klasse. Und der Wettbewerb folgt eigenen Regeln. Preis, Lieferzeit, Industriepolitik — all das dürfte mindestens ebenso schwer wiegen wie strategische Argumente. Europäische Boote gelten als teurer, die Produktionskapazitäten als begrenzt. Seoul hingegen punktet mit schnelleren Lieferzusagen und wirtschaftlichen Gegenangeboten, etwa für die kanadische Industrie.

Kanadas Premierminister Mark Carney hat die Richtung vorgegeben. Verteidigungsausgaben müssten den „maximalen Effekt“ für „Steuergelder“ liefern, sagte er in der vergangenen Woche — an der Seite von Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) und Norwegens Ministerpräsident Jonas Gahr Støre bei der Nato-Übung „Cold Response“. Dass Merz und Støre die Gelegenheit nutzten, um für ihr gemeinsames Projekt zu werben, ist kein Zufall. Es ist Teil eines zunehmend offensiven europäischen Auftretens.

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Und hier kommt Trump ins Spiel. Der US-Präsident steht für eine Politik, die Europa unter Druck setzt — finanziell, militärisch, politisch. Seine Drohungen, Sicherheitsgarantien infrage zu stellen, wirken in Ottawa ebenso wie in Berlin. Die Folge: Länder wie Kanada denken stärker in Bündnissen jenseits der USA. Europa wiederum beginnt, seine industrielle Basis strategisch zu nutzen.

Für Deutschland ist das eine ungewohnte Rolle. Lange galt die Bundesrepublik als zögerlich, oft als Nachzügler in der Rüstungspolitik. Nun aber ist sie Anbieter — mit Technologie, die gefragt ist. Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) hatte bereits im Herbst in Ottawa für deutsche U-Boote geworben. „Unsere Fähigkeiten sichtbar machen“ lautete damals die Devise. In Eckernförde wird sie nun eingelöst.

Die Entscheidung wird im Mai erwartet. Es geht um Milliarden — und um Einfluss. Die eigentliche Frage lautet: Wird Ottawa strategisch entscheiden — oder wirtschaftlich? Oder, in den Worten Carignans: „Wir befinden uns in den letzten Monaten dieses Prozesses.“

In Eckernförde jedenfalls bleibt man demonstrativ gelassen. „Ich mache keine Werbung“, sagt Breuer noch einmal. Doch selten war ein Besuch so sehr ein Angebot.

Rixa Fürsen ist Head of Podcast „Politico“ Deutschland.

Source: welt.de