Die Benzinpreise sind erst dieser Anfang

Die deutschen Bürger ärgern sich über hohe Spritpreise. Doch dabei wird es nicht bleiben. Infolge des Iran-Krieges droht die Inflation in die Höhe zu schnellen. Hoffentlich hat die EZB aus der letzten Energiekrise gelernt.

Der Preissprung an den Tankstellen treibt die Bevölkerung um. Die schwarz-rote Koalition bemüht sich nach Kräften, die Wut der Autofahrer auf die großen Mineralölkonzerne zu lenken, denen man „Abzockerei“ vorwirft. Ob aber die jetzt geplante Verschärfung des Kartellrechts Benzin und Diesel günstiger werden lässt, ist fraglich. Zwar ist es richtig, den von wenigen Playern beherrschten Markt scharf zu kontrollieren und bei Missbrauch schnell und scharf zu sanktionieren. Doch der Haupttreiber des aktuellen Preisanstiegs ist nun einmal der Krieg im Nahen Osten.

Die Sperrung der Straße von Hormus und die gezielten Angriffe auf die Öl- und Gasförderung in der Region ziehen die gesamte Weltwirtschaft in Mitleidenschaft. Die weitreichenden Folgen werden schon bald die Preise auf breiter Front steigen lassen. Denn die Probleme in den Lieferketten verteuern nicht nur Energie – und damit bald auch den Strom –, sondern auch Lebensmittel und industrielle Vorprodukte wie Mikrochips. Der stockende Nachschub bei Düngemitteln setzt bereits der Landwirtschaft zu. Und ausbleibende Vorprodukte aus Asien werden die Endprodukte der Industrie verteuern. Sollten der Krieg und die Sperrung einer der wichtigen Handelsrouten der Welt nicht bald enden, droht auch in Deutschland ein erneuter Inflationsschock.

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Vor diesem Hintergrund sorgt die Sitzung der Europäischen Zentralbank (EZB) am Donnerstag für Spannung. Böse Erinnerungen schüren die Nervosität an den Finanzmärkten. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine und dem Stopp der Gaslieferungen 2022 kletterten die Preise immer schneller – und die EZB reagierte auf die Geldentwertung damals viel zu spät. Die Präsidentin Christine Lagarde ging zu lange davon aus, dass der Preisauftrieb nur kurzfristig sei. Die Zentralbanker wollten die nach dem Corona-Absturz gerade wieder anlaufende Konjunktur mit einer Zinsanhebung dämpfen.

Das Abwarten damals war ein fataler Fehler, der später ein umso härteres Gegensteuern nötig machte, um die zeitweilig über zehn Prozent gesprungene Inflationsrate wieder auf Normalniveau zu drücken. Ein Jahr lang musste Lagarde auf die geldpolitische Bremse treten, bis sie die höchste Inflation seit den 70er-Jahren unter Kontrolle gebracht hatte. Die Bundesrepublik stürzte damals in die längste Rezession ihrer Geschichte. Hinzu kam die höchste Inflation, die viele Bundesbürger jemals erlebt hatten. Ein fatales Gemisch.

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Hoffentlich hat die EZB ihre Lektion gelernt. Zwar werden die Zentralbanker voraussichtlich nicht schon jetzt die Zinsen anheben. Doch Lagarde muss in aller Deutlichkeit und ohne Rücksicht auf die hoch verschulden Staaten eine schnelle Zinswende in Aussicht stellen, sollte sich die Krisenlage im Nahen Osten nicht bald wieder entschärfen.

Mit Blick auf die Stabilität des Euro sind aber auch die nationalen Regierungen gefordert, jetzt nicht mit kurzfristigen Maßnahmen wie einem Tankrabatt oder einem steuerfinanzierten Preisdeckel neue Milliardenlöcher in ihre Haushalte zu reißen. Denn die offensive Schuldenpolitik – die leider mittlerweile auch Deutschland betreibt – heizt früher oder später nur die Inflation an. Die Deutschen wissen das aus leidvoller Erfahrung.

Source: welt.de