Washington und London: Hat Keir Starmer jetzt seinen „Love Actually Moment“?

Nach den jüngsten demütigenden Bemerkungen des US-Präsidenten Donald Trumps über Großbritannien und dessen Premierminister Keir Starmer fragen sich Außenpolitiker in der Fraktion der regierenden Labour-Partei, ob für den Regierungschef nicht ein „Love Actually Moment“ gekommen sei. Denn der Wille, an den amerikanischen Verbündeten auch einmal Widerworte zu richten, wächst in London. Auch wenn das die „spezielle Beziehung“ gefährden könnte, die von britischer Seite gegenüber Amerika oft beschworen wird, ist es vor dem Hintergrund des Irankriegs schwer, über die Meinungsverschiedenheiten hinwegzutäuschen.
Entsprechend der beliebten britischen Weihnachtskomödie „Love Actually“ (auf Deutsch „Tatsächlich Liebe“) könnte Starmer etwa sagen: „Ich fürchte, das ist eine schlechte Beziehung geworden, eine Beziehung, in der der Präsident exakt alles bekommt, was er will, und alles ignoriert, was Britannien wichtig ist.“ Großbritannien sei ein kleines Land, aber eine große Nation, hatte der britische Schauspieler Hugh Grant vor mehr als 20 Jahren in der Rolle des Premierminister gesagt. „Und ein Freund, der uns schikaniert, ist nicht länger ein Freund.“
Man müsse auch mal Nein sagen
Nun ist auch in der realen Politik eine Lage entstanden, in der sich die Briten und ihr amtierender Premierminister Starmer von der amerikanischen Regierung im Wochenrhythmus lächerlich gemacht und vor den Kopf gestoßen sehen. Trump und Starmer hatten am Wochenende in einem Telefonat über die amerikanische Aufforderung gesprochen, Kriegsschiffe in die Straße von Hormus zu schicken, um dort den Schiffsverkehr zu schützen. Trump gab später den Inhalt wie folgt wieder: „Der Premierminister, also er sagte, ich würde gern mein Team dazu befragen. Ich sagte, mach Dir doch wegen Deines Teams keine Sorgen.“ Er könne als Premierminister alleine entscheiden, meinte Trump. Starmers Reaktion sei „wirklich sehr enttäuschend“.
Manche sagen, Starmer habe einen „Love Actually Moment“ schon herbeigeführt, indem er Trump vor Beginn des Angriffs auf Iran verwehrte, britische Militärstützpunkte zu benutzen. Allerdings änderte Starmer diese Weigerung nach knapp 48 Stunden in eine konditionierte Erlaubnis um. In den folgenden Tagen legte er jedoch mit Spitzen in Richtung Washington nach: Britische Truppen könnten nur in einen Einsatz geschickt werden, dessen Ziele klar umrissen seien und vereinbar mit dem Völkerrecht, sagte er etwa.
Deutliche Worte fand am Montag auch Emily Thornberry, die Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Unterhaus. Man habe es ja mit einem amerikanischen Präsidenten zu tun, der „in dem äußerst außergewöhnlichen Benehmen schwelgt, andere Staatschefs und ihre Nationen zu verunglimpfen, in dem er private Mitteilungen publik macht oder ganze Länder beleidigt“, so die Labour-Politikerin. Also müsse man sich an jene Alliierten halten, die ähnliche Prinzipien und Werte achteten wie die eigenen. Man müsse sich klar werden, „was in unserem Interesse ist und was nicht“. Daraus folge, dass man zum amerikanischen Präsidenten auch mal Nein sagen müsse.
Eine Frage, auf die Westminster noch keine Antwort gegeben hat, lautet, ob ein solches „Nein“ dem geplanten Staatsbesuch von König Charles III. in Washington gelten könnte. Im vergangenen Jahr war Trump auf seiner Staatsvisite auf Schloss Windsor mit allem Prunk umschmeichelt worden, den die britische Monarchie im Auftrag ihrer Regierung aufbieten konnte; nun steht in einem Monat Charles’ Gegenbesuch an. Thornberry plädierte dafür, diese Freundschaftsgeste zu verschieben – vor dem Hintergrund des Irankriegs sei sie unpassend.
Source: faz.net