Gefragte Musikrechte: Musikgeschäft mal verschiedenartig

Rund 500 Millionen Dollar für Bruce Springsteen, gut 400 Millionen Dollar an Pink Floyd oder gar mehr als eine Milliarde Dollar für ein Queen-Rechtepaket: Meldungen dieser Art trudeln mittlerweile mit einer gewissen Regelmäßigkeit ein. Dabei wird nicht einmal jeder große Deal überhaupt publik.

Das Kalkül der Käufer ist schnell erklärt: Wer Rechte an Songs hält, dem fließen regelmäßig Tantiemen zu. Am einfachsten lässt sich das über Spotify und Co. beobachten: Musik wird heute primär gestreamt. Mit jedem Stream fällt eine kleine Summe an, die je nach Größe und Popularität eines Werkkatalogs zusammengenommen durchaus üppig ausfallen kann.

Alles gut kalkulierbar, Daten sind schließlich mehr als genug vorhanden. Dazu kommt: Der Markt wächst, die Streamingdienste erhöhen sukzessive die Preise, und natürlich sind da allerlei Instrumente, um Songs immer weiter auszuwerten. Neupressungen, Kinofilme, Musicals, Platzierungen von Songs in Filmen, Serien oder der Werbung – die Liste der Möglichkeiten ist lang.

Nicht Springsteen und Co: Duetti hat die Rechte kleinerer Musiker im Visier

Viele finanzstarke Akteure haben so in den vergangenen Jahren Musik als Investment für sich entdeckt. Manche haben sich im Zuge der gestiegenen Zinsen schon wieder zurückgezogen. Lior Tibon und Christopher Nolte gehören nicht zu dieser Riege – ganz im Gegenteil.

Bruce Springsteen verkaufte die Rechte an seinen Aufnahmen sowie an seinen Texten und Kompositionen  an Sony Music und Eldridge Industries
Bruce Springsteen verkaufte die Rechte an seinen Aufnahmen sowie an seinen Texten und Kompositionen  an Sony Music und Eldridge IndustriesCharles Sykes/Invision/AP

Mehr als 80 Katalogdeals schließen sie mit ihrem 2022 gegründeten Start-up Duetti mittlerweile jeden Monat ab. Kaliber eines Bruce Springsteen sind nicht dabei. Doch das sei auch gar nicht das Ziel, sagt Tibon im Gespräch mit der F.A.Z.: „In der Hochzeit der Katalogdeals haben wir erkannt, dass sich dieses Konzept mit einem passgenauen Einsatz von Technologie auch auf eine noch viel breitere Gruppe von Musikern übertragen lässt.“

Tibon und Nolte kennen sich von Tidal. Während Nolte den kleinen Streamingdienst Mitte 2020 verließ und zu Apple wechselte, verantwortete Tibon als COO noch bis Mitte 2022 das operative Geschäft und damit auch die Eingliederung in den Konzern Block von Twitter-Gründer Jack Dorsey. Seit März 2021 gehört Tidal zu dem Zahlungsdienstleister.

Fokussiert auf global weniger bekannte Künstler

„Tidal ist bekanntlich eine App für Konsumenten, dadurch hatte ich ein gutes Verständnis dafür, wofür sich Musikfans eigentlich interessieren“, sagt Tibon. Eine seiner Erkenntnisse: Mehr und mehr verschiebe sich der Konsum auf Kataloge von Künstlern, die nicht unbedingt zu den globalen Top 100 gehörten.

„Und wenn wir diese Marktentwicklung sehen, dann sollte es ja auch möglich sein, die künftigen Einnahmen von kleineren Artists und Songwritern zu prognostizieren und ein finanzielles Modell drum herumzubauen.“

Der Trend zu einem größeren Marktanteil unabhängiger Künstler lasse sich seit Jahren beobachten, unterstreicht Christopher Nolte: „Doch uns war auch klar, wenn du daraus ein Geschäft machen willst, ergibt es nur Sinn, wenn man es skalieren kann.“

Warum die Rechte älteren Songs oft gefragter sind

Duetti fokussiert sich so auf tendenziell global weniger bekannte Künstler, die in ihren lokalen Märkten allerdings mitunter großes Gewicht haben. Eine Strategie, die andere Käufer ebenfalls verfolgen. Viele kleinere Kataloge können gut gemanagt ebenfalls sehr attraktiv sein.

Doch Duetti kauft auch deutlich jüngere Kataloge, als es in dem Geschäft die Regel ist. Üblicherweise gilt ein gewisses Alter in der Branche als einer der zentralen Faktoren, der dem Verkäufer im Regelfall auch einen höheren Preis verspricht.

Die Idee: Nach einer gewissen Zeit hat sich die Popularität eines Künstlers so eingependelt, dass sich verlässlicher die künftige Performance der Songs berechnen lässt. Längst nicht aus jedem Hype wird schließlich auch eine stabile Karriere. Ein Grund dafür, warum die Rechte von seit Jahrzehnten beliebten Stars so gefragt sind und für so viel Geld verkauft werden.

Duetti hat Songs von Kollegah, Samra, Lacazette oder PA Sports im Portfolio

Der Duetti-Katalog ist im Durchschnitt gerade mal mehr als sechs Jahre alt, die jüngsten Songs sind sogar erst vor gut zwei Jahren erschienen. Werke von mehr als 1100 Interpreten und Songwritern sind darunter. Aus Deutschland gehören zum Beispiel Songs von bekannten Rappern wie Kollegah, Samra, Lacazette oder PA Sports zum Portfolio.

DSGVO Platzhalter

Der gefragteste Katalog steht allerdings für weniger als fünf Prozent des Umsatzes, betont das Unternehmen. Wie hoch dieser konkret ausfällt, gibt Duetti nicht preis, aber es gehe um eine deutlich achtstellige Summe – und der Umsatz wachse rasant. Was unter dem Strich steht, behalten Tibon und Nolte für sich.

Offene Türen rannte das Duo mit seiner Idee vor gut vier Jahren freilich nicht ein. „Viele Investoren waren anfangs skeptisch“, sagt Tibon: „Wenn du jemanden fragst, ob er lieber in Springsteens Rechte investieren möchte oder in Songs von einem Interpreten, dessen Namen er vielleicht noch nie gehört hat, sagen die meisten natürlich Springsteen.“

635 Millionen Dollar eingesammelt – zwei Anleihen ausgegeben

Mit der Zeit habe man Geldgeber dank der Einblicke aus den Daten aber überzeugen können. Die Zusammenhänge seien klar erkennbar, sagt Nolte, aber sie müssten eben verstanden und genutzt werden können, „daher haben wir von Anfang an stark in Technologie investiert“.

Mittlerweile hat Duetti 635 Millionen Dollar eingesammelt. Rund 100 Millionen davon sind Eigenkapital. Zu den Geldgebern zählt unter anderem der von US-Rapper Jay-Z gegründete Entertainment-Riese Roc Nation oder die Raine Group, ein umtriebiger Investor im Musikbereich.

Dazu kommen zwei mit dem eigenen Katalog besicherte Anleihen: einmal über 80 Millionen Dollar und vor einigen Wochen eine zweite im Wert von 125 Millionen Dollar. „Die erste Anleihe Ende 2024 war für uns ein sehr wichtiger Schritt“, sagt Tibon: „Angefangen mit einem Rating sind so viele Dinge zu erledigen. Ich denke, die Verbriefung hat klar unterstrichen, dass es hier um ein Marktsegment geht, in das es sich zu investieren lohnt.“

Ab 2000 Dollar im Jahr ist ein Deal mit Duetti möglich

Die grundsätzliche Hürde für Künstler, um für einen Katalogdeal mit Duetti infrage zu kommen, ist erst einmal niedrig angelegt: Mindestens 2000 Dollar sollten die eigenen Werke im Jahr einspielen. „Reden wir über diese Untergrenze, sehen wir es natürlich lieber, wenn es um ein paar wenige Songs geht und es nicht Hunderte Lieder sind, mit denen insgesamt 2000 Dollar zusammenkommen“, sagt Nolte.

Anfangs kauften die Gründer nur Rechte an Aufnahmen, mittlerweile kommen auch Autorenrechte infrage oder bloße Ansprüche auf Tantiemenzahlungen – ohne die Möglichkeit, mit den entsprechenden Songs selbst zu arbeiten. „Natürlich sind uns aktive Investments lieber“, sagt Tibon, „da wir dann als Rechteinhaber mehr Optionen in der weiteren Vermarktung haben.“

Aber letztlich könne man über alles sprechen. „Wir sind auch absolut offen dafür, nur die Rechte an einem Song aus einem Katalog zu kaufen“, so Tibon. Der entscheidende Punkt sei nur: „Wir tätigen ausschließlich Käufe ohne zeitliche Befristung, begrenzte Lizenzierungen oder Ähnliches sind für uns kein Thema.“

Rechtedeal ist nicht gleich Rechtedeal – warum das Feld so komplex ist

Rechtedeal ist nicht gleich Rechtedeal. Das gilt es auch für die Hunderte Millionen schweren Verkäufe stets zu beachten. Die kursierenden Preise zu vergleichen, macht daher meist wenig Sinn. Zu unterschiedlich sind die Rechtepakete, ihre Umfänge, die Zahl der Beteiligten an einem Song oder die Kontrollmöglichkeiten für die Käufer.

Alles Faktoren, die den Preis beeinflussen. Auch für Duetti geht es längst nicht immer nur um vier- oder fünfstellige Summen. Das Unternehmen hat eigenen Angaben zufolge durchaus schon Kataloge für mehr als zehn Millionen Dollar erworben.

Justin Bieber machte einen Deal mit einem von Blackstone finanzierten Fonds.
Justin Bieber machte einen Deal mit einem von Blackstone finanzierten Fonds.AFP

Warum Künstler sich für einen Deal mit Duetti interessieren, kann viele Gründe haben: „Manche wollen einen neuen Karriereschritt wagen, andere vielleicht nur ein Musikvideo produzieren“, sagt Nolte. Und natürlich gebe es auch bei ihnen die, die ein Polster für die Rente reize.

Der Vertrieb mag keine Hürde mehr sein, auffallen ist schwieriger denn ja

Alternative Finanzierungsmöglichkeiten abseits klassischer Vorschüsse, die vor allem noch die Labels der großen Konzerne zahlen, versprechen auch andere Anbieter. Das Berliner Unternehmen Twelve x Twelve beispielsweise oder Beatbread aus den USA. Die Nachfrage ist da – kein Wunder: Der Vertrieb von Musik mag heute keine Hürde mehr sein.

Doch ein Album aufzunehmen und professionell zu produzieren, kann nach wie vor schnell eine fünfstellige Summe kosten. Und in der Streamingwelt mit weit mehr als 100 Millionen verfügbaren Songs nachhaltig Gehör zu finden, ist dann noch einmal eine ganz andere Herausforderung.

Entsprechend gibt es obendrein zahllose Anbieter, die Unterstützung in der Vermarktung versprechen. Auch Duetti will hier punkten: „Im Rahmen einer Partnerschaft kümmern wir uns aktiv um den Katalog“, sagt Nolte, „das ist für manche Artists sehr attraktiv, denn traditionell gibt es Unterstützung vor allem im Frontline-Geschäft, aber das existiert bei uns ja gar nicht.“

60 Remixe im Quartal mit Songs aus dem Duetti-Katalog

Als Frontline wird in der Musikindustrie die Arbeit mit neuen Veröffentlichungen genannt, für die ein Label oder ein Künstler selbst oft einiges investiert. Diese Summe soll natürlich mindestens wieder eingespielt werden. Neue Veröffentlichungen rücken üblicherweise auch den Katalog in den Fokus. Wie viel Arbeit daneben aber auf die explizite Vermarktung von älteren Werken gelegt wird, kann von Fall zu Fall stark variieren.

Neben einem Team zur Anbahnung von Sync-Deals, wie die begehrten Platzierungen in Filmen oder Serien genannt werden, einem für Influencer-Marketing und einem zum Unterbringen von Songs in großen Playlists versucht Duetti gezielt das eigene Song-Portfolio für Remixe in Stellung zu bringen. Im Idealfall ist der neue Song mit den Elementen des alten Werks am Ende erfolgreicher als das Original.

Auf mehr als 60 Remixe im Quartal kommt Duetti derzeit. Eine Variante, auf die auch Konkurrent Seeker Music – geleitet von Hit-Songwriter Evan Bogart – besonderes Augenmerk legt. „Die Kernidee ist ähnlich“, sagt Lior Tibon, „nur verfolgen wir sie mit mehr Technologie, einem stärkeren Fokus auf Skalierung und eben mit jüngeren Songs.“

„Hunderttausende Künstler kommen für einen Deal mit uns infrage“

Fernab der USA, des weltgrößten Musik- und auch Kernmarkts von Duetti, schauen Tibon und Nolte vor allem auf Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Brasilien. Mehr als 30 Prozent der Deals aus dem vergangenen Jahr seien nicht mit US-Künstlern abgeschlossen worden, so Tibon. Mit Künstlern aus mehr als 40 Ländern arbeite Duetti zusammen.

Die Bandbreite soll weiter wachsen, „Hunderttausende Künstler kommen für einen Deal mit uns infrage“, betont Christopher Nolte. Das eigene Team aus aktuell etwas mehr als 60 Mitarbeitern soll ebenfalls größer werden.

Deutschland betreuen sie bislang aus dem Londoner Büro. Aber auch das muss nicht so bleiben. Der Katalogmarkt jedenfalls bleibt mit Sicherheit sehr aktiv – und auch der nächste Superstar verkauft sicher eher früher als später.