Hans Ulrich Gumbrecht: Immer uff dem Sprung zur nächsten Konferenz

Der Romanist Hans Ulrich „Sepp“ Gumbrecht ist in siebenundsiebzig Lebensjahren weit herumgekommen. Davon berichtet er in seiner Autobiographie. Sie ist teils nach den Stationen seines Lebenslaufs gegliedert, der ihn von der Vaterstadt Würzburg über die Universitäten von Konstanz, Bochum und Siegen bis ins kalifornische Stanford führte. Teils widmen sich die Kapitel Orten, die er, zumeist mit Stipendien oder Vortragseinladungen, Gastdozenturen und „Fellowships“ ausgestattet, bereist hat: von Salamanca und Patagonien bis nach Moskau und Kyoto. Gumbrecht war fast überall. Gastprofessor war er an mehr als zwanzig Universitäten, Ehrendoktorate hat er von elf. Ein erheblicher Teil seiner im Guinness-Buch eigener Rekorde stolz gezählten 2535 Publikationen – in gut fünfzig Jahren etwa eine pro Woche – muss in Flughafen-Lounges entstanden sein.

Dieses Leben als Reisender hatte für Gumbrecht früh begonnen. Schon der Jugendliche, fand sein Vater, solle die Welt kennenlernen, und schickte ihn zwischen 1962 und 1967 in den Sommerferien nach Kanada und Ghana, Indien und Brasilien, Peru und Thailand. Den Erinnerungen, die ihm davon geblieben sind, teilt sich das gemischte Vergnügen des Reisenden mit. Oft handelt es sich um Bildpostkarten, auf deren Rückseite ein, zwei Anekdoten festgehalten sind.

Keine Lust am Lesen, am Schreiben, am Unterrichten

Gumbrecht ist alles andere als ein Gelehrter. Offenherzig beginnt er seine Memoiren mit dem Eingeständnis, kein leidenschaftlicher Leser zu sein. Zu Ende habe er nur wenige Bücher gelesen; Fritz Walters „Spiele, die ich nie vergesse“ sei eines der wenigen. Langsames und vollständiges Lesen passten nicht zu seinen stets engen Zeitplänen. Ein guter Schreiber sei an ihm auch nicht verloren gegangen, schon die Dissertation zog sich die rüde Empfehlung zu, ihr Autor möge einen Kurs für Legastheniker belegen. Am Unterrichten habe ihm ebenfalls nie viel gelegen. Gumbrecht führt zwar lange Listen von Schülern und Kursen, die er gegeben hat, aber tatsächlich erfahren die Leser über beide und auch über seine Kollegen selten viel und kaum Eindringliches. Für fast nichts nimmt sich dieses Buch Zeit.

Hans Ulrich Gumbrecht: „Sepp“. Mein Leben auf Halbdistanz.
Hans Ulrich Gumbrecht: „Sepp“. Mein Leben auf Halbdistanz.Suhrkamp

Ein Professor der Literatur also, der nicht gern liest, nicht gut schreibt – auch seine Memoiren ziehen nicht in dieses Leben hinein – und kein Bedürfnis hat, zu unterrichten, was ihm durch den Kopf geht. Was also hielt ihn am Laufen, um nicht zu sagen Rennen?

Die lapidare Antwort: Es war die Karriere selbst. Gumbrecht weiß nicht mehr, was genau ihn dazu bewog, Literaturwissenschaftler zu werden. In einem zweiten Leben, heißt es am Schluss, könne er sich vorstellen, einen lukrativeren Beruf zu wählen. Unumwunden gibt er „Ehrgeiz“ als seine Triebfeder an. Von seinen zahllosen Vorträgen erfährt man nicht immer, worüber sie handelten, aber oft, dass sie „gutbezahlt“ oder „üppig honoriert“ waren. In jedem Augenblick vergleicht er sich mit den anderen Forschern in seiner Umgebung und ist bemüht, schnell zu adaptieren, was geradeen vogue oder jedenfalls adaptierbar scheint. Das Prinzip der Mode, mitzumachen und leicht abzuweichen, um die Kleider bald wieder abzulegen, bestimmt seine Haltung zur Forschung.

Heidegger: Eine Lektüre „ohne nennenswerte Entdeckungen“

Erst ist er vom Strukturmarxismus Louis Althussers fasziniert, dann versucht er sich in einer Anwendung der Linguistik Noam Chomskys auf mittelalterliche rhetorische Formen, nähert sich auf rührend missverstehende Weise der Rezeptionsästhetik seines Konstanzer Vorgesetzten Hans Robert Jauß, die er für einen Impuls zur empirischen Leseforschung hält, um anschließend Parlamentsreden der Französischen Revolution mittels der Sprechakttheorie zu analysieren.

Gumbrecht ist Mitte zwanzig und hat fast schon alles einmal ausprobiert. Später kommen Heidegger, Luckmann, Luhmann und etwas hinzu, was Gumbrecht „meine Theorie“ nennt; etwas mit Präsenz und Körper und Raum. Dass all diese „Ansätze“ nicht zueinander passen, juckt ihn nicht. Die Theorien der anderen noch weniger. Er nimmt sich, was er für den nächsten Vortrag braucht, und ist dabei nicht sehr wählerisch. So war „Sein und Zeit“ für ihn eine „Lektüre ohne nennenswerte geistige Entdeckungen“, weil er das alles schon bei Alfred Schütz gelesen haben will. Madonna asiatica! Der Ausruf äußersten italienischen Erstaunens sei uns an dieser Stelle gestattet.

Das Wort „Halbdistanz“ im Untertitel steht für Gumbrechts offen einbekannten Unwillen, sich auf irgendetwas ganz einzulassen. Dabei hat er durchaus den Wunsch danach und scheint auch zu spüren, dass so kein Werk entsteht, sondern eben „nur“ 2535 Veröffentlichungen. Wiederholt berichtet Gumbrecht, wie er von Jugend an ein anderer sein wollte, auf Seite 98 ein Franzose, auf Seite 138 ein Spanier, auf Seite 177 ein Vollmitglied der Gruppe „Poetik und Hermeneutik“, auf Seite 199 eine von Vaterschaft erfüllte Person, ein „möglichst normaler Amerikaner“ von Seite 233 an bis Seite 457, auf Seite 434 ein Teilhaber der japanischen Kultur und schließlich ein von der Schuld seiner Nation erlöster Deutscher im Kapitel über Jerusalem.

Ein rastlos ambitioniertes Leben

Alle diese Anstrengungen scheitern. Nachvollziehbarerweise schon deshalb, weil Gumbrecht viel zu unruhig ist, um Nähe zu irgendetwas zu erlangen. Immer ist er schon auf dem Sprung zur nächsten Konferenz. Die einzigen bekundeten Momente von Hingabe erlaubt ihm das Erlebnis von Ballsportarten. Kurze Abschnitte über Baseball und Football vermitteln seine antihermeneutische Einstellung, wirkliche Präsenz, wirkliches Versunkensein in sie komme ohne Bedeutungen aus. Ob der Sport in seinem Vollzug wie seiner Wirkung auf das Publikum „verloren in konzentrierter Intensität“ tatsächlich nicht interpretierbar ist, müsste diskutiert werden.

Es ist nun aber nicht so, dass sich nach fast fünfhundert Seiten Lektüre nur das merkwürdige Bild eines rastlos ambitionierten Lebens auf der Suche nach etwas abzeichnet, dem es selbst im Weg steht und das es deshalb nicht bekommt. Lange Passagen lesen sich leider wie ein Telefonbuch. Wer kein Interesse am Netzwerk und den Netzwerkereien von Geisteswissenschaftlern zwischen 1970 und 2015, ihren Rivalitäten und Kooperationen sowie am „name-dropping“ hat, könnte eventuell von Langeweile befallen werden.

Vereinzelt aber charakterisiert Gumbrecht die akademische Welt treffend wie ein Portier Hotel und Gäste. Die Arbeitsumstände an der Universität Stanford erschließen sich gut, auch wenn sich Gumbrecht über manchen Kollegen nicht mehr als einen Klappentext abringt. Seine Porträts des Romanisten Werner Krauss, der Philosophen Jean-François Lyotard und Richard Rorty sowie des Literaturhistorikers Karlheinz „Carlo“ Barck, von dem er andeutet, als DDR-Forscher harmlos ausspioniert worden zu sein, sind hingegen aufschlussreich.

„Halbdistanz“ als Abwehrhaltung

Scharf und ausführlich ist die Auseinandersetzung mit Hans Robert Jauß, der ihm eine erste universitäre Stelle anbot, dem Gumbrecht aber nicht verzeiht, ihn nicht zu seinem Nachfolger gemacht zu haben. Dass Karlheinz Stierle, der Gumbrecht nach Bochum geholt hatte, ihm vorgezogen wurde, scheint Gumbrecht noch heute zu erbosen. Er nennt an der Stelle seiner Niederlage nicht einmal den Namen des Kollegen.

Entspannter und eindrücklich sind die Schilderungen der Reise nach Patagonien wie der Mentalität chilenischer Intellektueller im Unterschied zu brasilianischen und argentinischen. Darin ähneln sie den tastenden Versuchen, Eigentümlichkeiten der japanischen Kultur zu beschreiben. Das Aufwachsen in Würzburg um 1955, unter katholischen Umständen und in einer gut gestellten Arztfamilie, das Durchlaufen der Schulen bis zum Münchner Maximilianeum, die ersten Jahre an der Universität bieten durchaus Erzählstoff. Wer die Erinnerungen seines Freundes Karl Heinz Bohrer, „Granatsplitter“, kennt, wird aber bedauern, dass Gumbrecht nicht viel mehr aus diesem Stoff zieht.

Das erstaunt umso stärker, als er einst seinem Buch „1926“, einer ideen- und kulturgeschichtlichen Collage all dessen, was in diesem Jahr „am Rand der Zeit“ geschah, die Aufgabe zugeschrieben hatte, die Leser glauben zu machen, sie seien selbst im Jahr 1926 und könnten die vergangene Epoche gleichsam riechen, hören und schmecken. In seinen Memoiren unternimmt Gumbrecht nicht einmal den Versuch dazu. Womöglich liegt der Grund dafür nicht nur darin, dass er so gut wie alles, jeden Namen und jeden Ort, in seinen Erinnerungen unterbringen wollte. Vielleicht bewegt ihn die eigene Vergangenheit auch nicht so sehr, fällt ihn nicht so an und sucht ihn nicht so heim wie das gelebte Leben anderer, das sich in Werken niedergeschlagen hat. Die ständige „Halbdistanz“, in der er sich allem gegenüber sieht, könnte, so verstanden, auch aus einer Abwehrhaltung hervorgegangen sein.

Hans Ulrich Gumbrecht: „Sepp“. Mein Leben auf Halbdistanz. Suhrkamp Verlag, Berlin 2026. 493 S., geb., 30,– €.

Source: faz.net