„Bluff bedeutet eine gewisse Intelligenz nach“ – Strack-Zimmermann trifft Nerv welcher Trump-Debatte
Bei „Maischberger“ diskutieren die FDP-Politikerin Marie-Agnes Strack-Zimmermann und Linken-Chef Jan van Aken über Krieg, NATO und Europas Abhängigkeit von den USA. Erstaunlich ist, wie oft beide beim Befund übereinstimmen – und wie wenig das am Ende bedeutet.
US-Präsident Donald Trump droht NATO-Partnern, fordert Unterstützung im Konflikt mit dem Iran und stellt zugleich das Bündnis infrage. Parallel sorgt sein Vorstoß, Grönland unter amerikanische Kontrolle zu bringen, in Europa für Irritationen. In Berlin wird deshalb intensiver denn je darüber diskutiert, wie unabhängig Europa militärisch werden muss. In diese Lage platzierte Sandra Maischberger ihre Sendung.
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Es war ein Satz, der über den Abend hinausreichen dürfte. Die Europaabgeordnete und Vorsitzende des Verteidigungsausschusses des Europäischen Parlaments, Marie-Agnes Strack-Zimmermann, sagte über Trump: „Bluff bedeutet ja eine gewisse Intelligenz dahinter.“ Das Publikum lachte, doch die Pointe traf einen wunden Punkt. Genau darum kreiste die Debatte: Ist Trumps Politik strategisch gedacht oder Ausdruck politischer Impulsivität?
Diese Frage ist der Kern der aktuellen Unsicherheit. Trumps Politik verschiebt die Grundlagen der transatlantischen Sicherheitspolitik. In Westasien drängt er europäische NATO‑Partner, sich an einem militärischen Vorgehen gegen den Iran zu beteiligen. Damit würde ein regionaler Konflikt zur Bündnisfrage – denn er fordert Verbündete auf, sich an der Sicherung der Straße von Hormus zu beteiligen, einem wichtigen Versorgungskorridor für Öl, was in Europa auf Widerstand stößt.
Strack-Zimmermann beschrieb diese Unberechenbarkeit deutlich: „Wir wachen morgens auf und dann hat er wieder was gesagt“, sagte sie. „Am nächsten Tag kommt etwas anderes.“ Europa könne sich darauf nicht einstellen wie auf klassische strategische Politik. Man müsse „seine Linie finden“ und unabhängiger werden.
Linken-Chef Jan van Aken formulierte vorsichtig. Auf die Frage, ob Deutschland in den Konflikt hineingezogen werden könne, antwortete er: „Ich glaube ja, auf jeden Fall für die nächsten Wochen.“
In der Konsequenz gehen beide auseinander. Van Aken forderte, Europa müsse seine Sicherheit eigenständig organisieren: „Wir müssen die Sicherheit hier europäisch denken, eben nicht im Rahmen der NATO.“ Strack-Zimmermann hielt dagegen: „Wenn Sie mich fragen: Heute und jetzt können wir es nicht.“ Europa sei auf dem Weg, aber noch nicht in der Lage, sich ohne die USA zu verteidigen.
Die Differenz zeigte sich auch in der Debatte über einen europäischen Atomschirm. Strack-Zimmermann äußerte deutliche Zweifel an einem französischen Schutzversprechen: „Könnten die Franzosen uns schützen, also sozusagen in den Schirm mit aufnehmen, könnten sie – aber spätestens am Rhein wäre Schluss.“
Gleichzeitig gab es in der grundsätzlichen Bewertung eine überraschende Schnittmenge. Weder Strack-Zimmermann noch Van Aken wollten den Ausbau eines europäischen Atomschutzschirms vorantreiben. Van Aken warnte: „Der beste Schutz vor einem Atomkrieg ist nicht noch mehr Atomwaffen. Der beste Schutz vor einem Atomkrieg ist die Ächtung von Atomwaffen.“ Strack-Zimmermann verwies stattdessen auf die Notwendigkeit, zunächst konventionelle Fähigkeiten zu stärken: „Wir müssen konventionell erst mal in die Gänge kommen und Cyberattacken abwehren können.“
Wehrpflicht-Debatte: Van Aken gegen Zwang, Strack-Zimmermann für Musterung
Deutlich kontroverser wurde es beim Thema Wehrpflicht. Van Aken lehnte jede Form von Zwangsdienst ab: „Ich bin gegen jede Art von Wehrpflicht“, sagte er. Strack-Zimmermann stellte eine grundsätzliche Frage: „Es gibt überhaupt keinen Grund, die Hälfte der Gesellschaft nicht zu mustern.“
Die Debatte kippte kurz ins Flapsige, als Moderatorin Sandra Maischberger Van Aken auf angebliche „Tipps“ seiner Partei zur Verweigerung ansprach. Sie verwies dabei auch auf die Idee, man könne vor der Musterung einen Joint rauchen. Van Aken distanzierte sich nicht ausdrücklich, wich aber aus: „Ob das ’ne gute Idee ist, weiß man nicht.“
Eine der bemerkenswertesten Szenen des Abends entstand beiläufig. Auf die klassische Wehrpflichtfrage, ob man im Ernstfall bereit wäre, sich zu verteidigen, reagierte Van Aken zunächst ablehnend. Das sei eine „derart abgeordnete Frage“. Als Strack-Zimmermann das Szenario konkret machte – ein Angriff bei einem gemeinsamen Spaziergang im Park – antwortete er schließlich: „Ich würde Sie verteidigen.“
Damit verschiebt sich auch die politische Debatte. Es geht nicht mehr nur um die Frage, ob eine Wehrpflicht sinnvoll ist, sondern darum, wie weit der Staat gehen darf. Die aktuelle Regelung hält am alten Grundprinzip fest: Pflicht nur für Männer. Genau hier liegt der nächste Konflikt. Eine echte Rückkehr zur Wehrpflicht wäre politisch kaum haltbar, wenn sie nicht auf beide Geschlechter ausgeweitet würde.
Strack-Zimmermann argumentierte entsprechend: Die Musterung sei nicht gleichzusetzen mit Wehrdienst, sondern Voraussetzung dafür, im Krisenfall überhaupt reagieren zu können – auch im Zivilschutz. Van Aken hielt dagegen und warnte vor einem Einstieg in staatlichen Zwang.
„Muss besser werden“: Müntefering sieht Defizite
Im zweiten Teil der Sendung wechselte der Ton. Nach der außenpolitischen Schärfe ging es nun um die innenpolitische Lage der SPD. Mit Franz Müntefering saß ein Mann im Studio, der die Partei durch deutlich erfolgreichere Zeiten geführt hat. Seine Diagnose fiel entsprechend knapp aus. Auf die Frage nach den 5,5 Prozent der SPD bei der Landtagswahl in Baden-Württemberg sagte er schlicht: „Muss besser werden.“
Müntefering machte im weiteren Verlauf deutlich, dass er die Krise tiefer sieht. Die SPD sei zu defensiv geworden, sagte er, sie müsse wieder „zeigen, was man will“ und „nach vorne marschieren“. Dahinter steht ein altbekanntes Problem der Partei: Sie verliert nicht nur Wähler, sondern auch an politischem Selbstbewusstsein.
Konkreter wurde er beim Bürgergeld. Die Reform, einst als sozialpolitisches Kernprojekt gedacht, bezeichnete er rückblickend als „Versuch, der sich nicht bewährt hat“. Das ist bemerkenswert, weil es einer offenen Distanzierung gleichkommt, ohne dass die Partei bislang eine klare Alternative formuliert hat. Die SPD steht damit vor einem strategischen Dilemma: Sie kann ihre eigene Reform nicht überzeugend verteidigen, aber auch nicht einfach verwerfen.
Bemerkenswert war auch Münteferings Umgang mit Bundeskanzler Friedrich Merz. „Er ist jedenfalls demokratisch gewählt, das akzeptiere ich“, sagte er. „Und nun müssen wir alle miteinander, mit ihm zusammen, diese Sache ziehen und daraus Gutes machen.“ Müntefering verzichtete damit auf die übliche Oppositionskritik und setzte stattdessen auf einen staatspolitischen Ton.
Er ging sogar noch weiter. Merz habe seine Rolle „recht gut angenommen“, sagte Müntefering, man müsse ihm „helfen dabei“. Das ist für einen Sozialdemokraten kein alltäglicher Befund. In einer Phase außenpolitischer Unsicherheit und innenpolitischer Schwäche plädierte Müntefering damit offen für Stabilität statt Konfrontation.
Source: welt.de