Oper Leipzig: Wie es klingt, wenn man um Atem ringt

Leipzig brüstet sich gern und zu Recht als Stätte innovativen Musiktheaters. Von Heinrich Marschner, Albert Lortzing und Robert Schumann über Ernst Krenek und Kurt Weill bis hin zu Jörg Herchet und Karlheinz Stockhausen kamen hier immer wieder neue Opern heraus, die Musikgeschichte geschrieben haben. In den vergangenen Jahren war davon kaum mehr die Rede. Umso bombastischer wurde die jüngste Premiere nun als „internationale Welt-Uraufführung“ angekündigt. Noch weißere Schimmel kann es nicht geben.

International allerdings geht es in Bernd Frankes jüngster Oper „Coming Up For Air“ allemal zu. Sie führt durch Zeit und Raum, beginnt im Paris des Jahres 1898, verbindet die norwegische Insel Karmøy zu Beginn der 1950er-Jahre mit Kanadas jüngerer Gegenwart. Solche Verschränkungen sind dem vielgereisten, 1959 in Weißenfels geborenen Künstler wichtig. Von besonderem Reiz war es für den Leipziger Komponisten nun, ein durch die Ernst-von-Siemens-Musikstiftung gefördertes Auftragswerk der Oper Leipzig auf Basis des gleichnamigen Romans von Sarah Leipciger zu verfassen. Das von Andrea O’Brien ins Deutsche übertragene Buch komprimierte Jessica Walker in Corona-Zeiten zu einem stringenten Libretto in englischer Sprache.

Samantha Gaul als L’Inconnue
Samantha Gaul als L’InconnueKirsten Nijhof

Drei Geschichten sind da miteinander verwoben. Sie künden vom Ringen nach Luft und Atem. Für Menschen im Wasser ist das bekanntlich schwierig bis tödlich. L’Inconnue, die Unbekannte, kommt aus der Provinz nach Paris, verdingt sich bei Madame Debord, einer geizigen Alten. Sie verliebt sich in das junge Mannequin Axelle, das die Unbekannte bald wieder verlässt, die wegen dieser Beziehung von einem Handwerker erpresst und vergewaltigt wird. Ein Jahr später wird die Frucht dieser Beziehung Madame Debord anvertraut, und die Unbekannte steigt in die Seine. Das Gesicht ihrer Leiche soll unglaublich schön gewesen sein, woraufhin ihre Totenmaske vervielfältigt wurde und Kultstatus erlangte.

Zu anderer Zeit, an anderem Ort verliert Pieter seinen Sohn, der in einem Fjord ertrinkt. Dem Entsetzen folgt die Erkenntnis, dass eine Herzdruckmassage dessen Leben vielleicht hätte retten können. Später wird Pieter entsprechende Übungspuppen herstellen, Rescue-Anne genannt und mit dem betörend friedlichen Abbild der Pariser Totenmaske versehen.

Diese Geschichten schreibt die an Mukoviszidose erkrankte Anouk im Toronto von heute. Geradezu fiebrig recherchiert sie, während sie auf eine Lungenspende hofft, was vor einem halben, vor einem ganzen Jahrhundert geschah (tatsächlich wurde die Beatmungspuppe des Spielzeugproduzenten Åsmund S. Laerdal 1960 mit dem Gesicht einer Unbekannten aus der Seine vorgestellt).

Leipcigers Roman und Frankes Oper verweben diese Vorgänge, stellen eine Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen her, von der Regisseurin Florentine Klepper so überzeugend wie bannend auf die von Dirk Becker entworfene Bühne gebracht. Madame Debords Salon, Pieters Werkstatt und der OP-Saal werden erst als separate Handlungsorte der Drehbühne gezeigt und dann ineinander verzahnt.

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Die Kostüme von Anna Sofie Tuma sorgen so stimmig für Zeitkolorit wie Philipp Ludwig Stangls schemenhafte Videosequenzen für Atmosphäre. Vor allem aber ist es Frankes Musik, die alles erzählt. In ihr sind Atem und Herzschlag zu hören, sind Liebe, Lust, auch Ängste enthalten, in Todesangst klingt panische Atemnot an. Obendrein sorgt sie mit regionalen Anleihen für Ortsbezüge: Jazzig bewegt im turbulenten Paris, tradiert in Norwegens Fjordlandschaft, mit medizinischem Pulsen während der Operation. Frankes Musik ist wie gutes Parfum. Man kann sich ihr nicht entziehen, sie umrauscht den Hörer und charakterisiert die Akteure. Matthias Foremny am Pult des höchst motivierten Gewandhausorchesters hat ein kongeniales Gespür dafür.

Leipzigs vorzüglicher Opernchor etwa lässt eintauchen in wogende Atemvorgänge sowie in die mal sanften, dann erstickenden Fluten der Seine und des Fjords. Die namenlos bleibende Unbekannte charakterisieren singende Cello-Passagen, während Samatha Gaul die Figur vokal und spielerisch in fragiler Lebenslust darstellt, die letztlich zerbricht. Betörend! Die junge Sopranistin zählt ebenso zum Ensemble wie die litauische Mezzosopranistin Gabrielė Kupšytė, die als Anouk so stimmgewaltig wie anrührend ums Überleben ringt. Ihr Begleitinstrument ist die Bassklarinette, der Franke Krankheitsbilder wie Atemnot und Gier nach Luft in die Noten gesetzt hat.

Skandinavische Weite hingegen klingt in den Trompetensätzen, die Pieter und Sohn zur Seite gegeben sind. Anspruchsvolle Parts in Korrespondenz zum perkussiv grundierten Orchestersound, der szenische Momente bestens illus­triert, Situationen auch mal ironisch überhöht, dem in tragischen Zuspitzungen dramatische Ausbrüche abverlangt werden. Beim Tod seines Sohnes sticht der ansonsten wohlig volltönende Bariton Franz Xaver Schlecht zu einem Orchesterschrei ins übermenschliche Falsett.

Eine Charakterstudie eigener Art bietet Ulrike Schneider als Madame Debord. Ihr warmes, dennoch harsches Timbre zeichnet verbitterte Kühle der Einsamkeit. Dass sie sich des Kindes der Unbekannten annimmt, bedeutet für beide eine Chance. Eine Chance ist Bernd Frankes „Coming Up For Air“ auch für die in schwierige Wasser geratene Oper Leipzig. Endlich wieder eine Uraufführung!

Source: faz.net