Mensch und Maschine: Schöne neue Arbeitswelt – oder doch nicht?
Es beginnt mit drei Paukenschlägen. Im oberen Foyer des LVR-Landesmuseums in Bonn wird der Ausstellungsbesucher von drei ikonischen Objekten der Arbeitswelt der Moderne empfangen. Eine reliefgeschmückte, hohe zweiflügelige Eingangstür aus Nirosta-Stahl erinnert an Pforten einer Kathedrale – geschaffen wurde sie 1937 für die Berliner Dependance des Essener Krupp-Konzerns. Als Türknauf auf der linken Seite dient der Kopf eines Arbeiters, rechts erfüllt ein Technikerkopf dieselbe Funktion.
Ein paar Schritt weiter ruht ein tonnenschwerer Ottomotor der Gasmotoren-Fabrik Deutz von 1906, dahinter hängt ein Monumentalgemälde, mit dem Otto Bollhagen im Firmenauftrag auf einer Fläche von sechs Metern Breite und zweieinhalb Metern Höhe die gigantischen Ausmaße der Bayer-Werke in Leverkusen festhalten wollte – wenn sie sich denn hätten festhalten lassen. Weil das Werksgelände ständig erweitert wurde, musste Bollhagen mehrfach Ergänzungsarbeiten durchführen.
Drei Objekte, die den technischen Fortschritt, die gewaltigen Kräfte, den Repräsentationsehrgeiz, den Hang zu Überhöhung und Selbstsakralisierung der industriellen Welt anschaulich machen, aber anhand von Bollhagens Panoramagemälde auch erkennen lassen, in welchem Ausmaß Industrialisierungsprozesse in die Natur eingreifen und ganze Landschaften zerstören und neu erschaffen.
Die Arbeitskraft löst sich von ihrem Besitzer und wird abstrakt
Einige Räume weiter steht eine seltsame, leicht versponnen wirkende kleine Maschine zur Verpackung von Rasierklingen in Papiertütchen. Zwischen ihr und Bollhagens Firmenpanorama ist zunächst keinerlei Verbindung erkennbar. Die beiden Objekte scheinen zwei Welten ohne Berührungspunkte zu repräsentieren. Aber der Eindruck täuscht, denn beides ist Folge und Ausdruck einer Entwicklung, die Rationalisierung, Effektivitätssteigerung und Profitmaximierung als oberste Gebote betrachtet und in der dem Menschen eine höchst ambivalente Rolle zuteil wird: Er ist Produzent und zugleich Abnehmer der erzeugten Güter, er ist der Herr der Maschinen und ihr Knecht, er ist der Motor der Arbeitsprozesse und ihr Hemmschuh. Wie ein Demiurg erschafft er neue Welten, die sich selbst verschlingen und ihren Schöpfer gleich mit.
Das Maschinchen, kaum größer als ein Bürodrehstuhl, sieht aus, als hätte Tinguely es erschaffen. In der Solinger Rasierklingenproduktion wurden solche Maschinen eingesetzt, weil man mit ihnen in acht Stunden 24.000 Klingen verpacken konnte. Zuvor hatte es eine Heimarbeiterin kaum auf 6000 Klingen am Tag gebracht. Weil in den Fabriken nun eine Arbeiterin vier solcher Maschinen zur gleichen Zeit bedienen konnten, wurden die Heimarbeiterinnen scharenweise arbeitslos.

Am Anfang derartiger Transformationsvorgänge stand neben Frederick Winslow Taylor vor allem Henry Ford, der Ahnherr des Fordismus, der bereits vor dem Ersten Weltkrieg die Automobilherstellung mithilfe von Fließbändern derart beschleunigt hatte, dass sich die Produktionszeit des berühmten Modells T von 12 auf 1,5 Stunden verringerte, wie Friedrich Lenger im empfehlenswerten Katalogs schreibt. Dadurch konnte das Produkt so günstig angeboten werden, das seine Produzenten, die Fließbandarbeiter, selbst als Käufer in Frage kamen. 1922, als Bollhagen sein Werk endlich beendet hatte, stellte Ford ein Credo auf, das viele Anhänger fand: „Stellt eine Ware so gut und billig her, wie es möglich ist, und zahlt so hohe Löhne, dass der Arbeiter, das, was er erzeugt, auch selbst zu kaufen vermag.“ Aber natürlich verdankten sich die hohen Löhne in erster Linie der Knappheit gut ausgebildeter Arbeitskräfte.
Das war in Deutschland nicht anders, wo Konzerne wie Krupp Werkswohnungen einführten, um die Arbeiter, in deren Ausbildung man viel investiert hatte, nicht an die Konkurrenz zu verlieren. Außerdem war in solchen Siedlungen die soziale Kontrolle weitaus größer als in den Wohnbaracken am Stadtrand. Zugleich versprachen sich die Konzernherren vom höheren Standard der Wohnungen eine positive Auswirkung auf die Gesundheit ihrer Arbeiter, deren Arbeitskraft sich allmählich von ihren Besitzern zu lösen begann: Sie wurde zu einem immateriellen Rohstoff, dessen Nachfrage erheblichen Schwankungen ausgesetzt ist. Für die besondere Form des Managements, das dieser Rohstoff verlangte, war schnell ein Begriff gefunden; er lautet „rationelle Menschenwirtschaft“.
Mit der Ausstellung „Schöne neue Arbeitswelt. Traum und Trauma der Moderne“ ist dem Bonner LVR-Landesmuseum ein großer Wurf zur rechten Zeit gelungen. Die Parallelen zu gegenwärtigen Krisen und Diskursen sind zahlreich, vom Facharbeitermangel, der Kanzlerfrage nach dem Arbeitsethos der Bevölkerung und der Angemessenheit des Acht-Stunden-Tages bis zum befürchteten Transformations-Tsunami, den KI auslösen könnte, und der Frage nach den Hegemonialansprüchen der Tech-Barone. Wenn man weiß, dass Hugo Stinnes zeitweise Besitzer von 1.700 Unternehmen war oder dass zu Henry Fords Imperium Wälder, Kautschukplantagen am Amazonas, Erz- und Kohlegruben sowie Bronze-, Kupfer- und Aluminiumwerke gehörten, um die Abhängigkeit von Zulieferern zu minimieren und den Profit zu maximieren, erscheint das Gebaren heutiger Oligarchen keineswegs als beispiellos.

Mehr als dreihundert Objekte sind in Bonn zu sehen. Das Kuratorenteam um Thorsten Valk und Christoph Schmälzle hat sie auf sechs Abteilungen verteilt, denen die Begriffe Gesichter der Arbeit, Räume, Takte, Verheißung, Kritik und Zukunft der Arbeit vorangestellt sind. Neben Objekten wie dem Ottomotor, der in kleineren Betrieben die Dampfmaschine ersetzte, und zahlreichen Fotografien, Publikationen und Alltagsgegenständen werden vor allem Gemälde gezeigt, denn zu keiner anderen Zeit waren die Arbeitswelt, ihr Wandel und die damit einhergehenden gesellschaftlichen und politischen Verwerfungen in einem vergleichbaren Ausmaß Gegenstand künstlerischer Darstellung wie in dem Zeitraum von 1890 bis 1940, der in der Ausstellung behandelt wird.
Immer wieder entstehen reizvolle Kontraste, etwa zwischen Käte Hochs famosem „Bildnis Dr. Erich Müller-Kamp“ mit Telefon und Schreibmaschine und Leo Breuers von der Last seines Berufs gezeichnetem Kohlenträger. Otto Dix porträtiert 1920 einen um seine Kindheit gebrachten Arbeiterjunge, sieben Jahre danach entsteht Conrad Felixmüllers „Kind vor Hochofen“, eine bedeutende, keineswegs eindeutig zu interpretierende Neuerwerbung des Museums, auf der ein sechsjährige Blondschopf am Fenster in die untere rechte Bildecke verbannt wird und die imposante Industrieanlage der Hasper Hütte das Bildzentrum dominiert.
Mit der neuen Arbeitswelt taucht die „neue Frau“ auf, hier repräsentiert durch Carl Walthers berühmtes „Porträt einer Frau mit Zigarette“ von 1923 oder August Sanders Fotoporträt einer Rundfunksekretärin (1931). Ihren Emanzipationsbestrebungen macht der Nationalsozialismus ebenso ein Ende wie der Arbeiterbewegung und den Gewerkschaften. Dass die moderne Arbeitswelt zu einer Art Schmarotzerverhältnis zwischen Mensch und Maschine führen könnte, bei der allerdings nicht immer klar ist, wer das Wirtstier ist und wer der Parasit, scheint Hannah Höch bereits früh befürchtet zu haben. „Mensch und Maschine“, ihr Gemälde aus dem Jahr 1921, zeigt eine unheimliche Symbiose: Ein Arbeiter, der nur noch aus dem für seine Arbeit Nötigsten besteht, also aus dem Kopf und einer Hand, ist zu einem Teil der Maschine geworden ist, die er bedient. Aber nicht nur dieses Bild zeigt Traum und Trauma. Die Bonner Ausstellung trägt ihren Untertitel wahrlich zu Recht.
Schöne neue Arbeitswelt. Traum und Trauma. Bis 14. April. Der Katalog kostet im Museum 39 Euro.
Source: faz.net