Habermas und die Religion: Ein Wissen weiterführend Grenzen

Starnberg, 5. Januar. Nach dem üblichen Mittagessen beim Italiener in Söcking sprachen wir mehrere Stunden lang miteinander. Zunächst ging es, wie schon so oft, um Religion und Christentum. In einem kurzen Beitrag zur Festschrift für seinen Schüler Thomas Schmid, den wenige Tage zuvor gestorbenen Frankfurter katholischen Theologen und Religionsphilosophen, hatte er neuerlich darauf insistiert, dass eine nur schwache, rein symbolische Transzendenz des Einzelnen den starken Hoffnungspotentialen der alten christlichen Eschatologie nicht gerecht werde. Eine liberaltheologische Formel wie „Kein Mensch geht im Vorhandenen auf“ drohe die Substanz des Christlichen preiszugeben.

Aber Jürgen Habermas wusste auch, wie voraussetzungsreich und schwierig es unter postmetaphysischen Reflexionsbedingungen ist, alte Glaubensgehalte in einer intersubjektiv kommunikablen, also rationalen Sprache zu vergegenwärtigen. Dass ein Übersetzer in beiden Sprachwelten zu Hause sein müsse, es aber nicht mehr allzu viele religionssensible Vernunftdeuter gebe, räumte er ein. Er beschwor elementare Rettungsgewissheit und erinnerte gern an Gershom Scholem. Dessen Beerdigung im Februar 1982 in Jerusalem sei die berührendste, irgendwie schönste gewesen, an der er je teilgenommen habe. Vor Särgen, am offenen Grab sei ihm die heilsame Kraft von Kult und religiösem Ritus deutlich geworden.

Dank für die Menschenkennerin

Jürgen Habermas hat hoch gelehrte, aber bisweilen auch nur sehr schwer verständliche und mühevoll zu lesende Texte geschrieben. Desto überraschender der Welterfolg. Zugleich war er auch ein großartiger, begeisternder Erzähler. Ein ihm gewidmetes Heft der „Zeitschrift für Ideengeschichte“ kommentierte er kritisch: „Das sind ja nur Dönekes.“. Aber er liebte das Anekdotische selbst und lästerte gern über die im Wissenschaftsbetrieb nicht selten kultivierte Eitelkeit von Leuten, die sich für bedeutsamer hielten, als sie zumeist waren. An akademischem Tratsch und Klatsch hatte er seine Freude.

Auch im höchsten Alter noch faszinierte Jürgen Habermas durch ein außerordentlich präzises Erinnerungsvermögen. Immer wusste er genau zu sagen, wann und wo ihm der Philosoph x oder die Soziologin y erstmals begegnet sei. Philosophisch Andersdenkenden konnte er Achtung entgegenbringen, wenn sie sich nicht intellektuell aufplusterten. Hohle Gebärden verabscheute der große Aufklärer, räumte aber ein, dass seine Frau Ute immer die sehr viel bessere Menschenkenntnis gehabt und ihn oft vor Fehleinschätzungen bewahrt habe. Er lebte eine Geisteshaltung, die man als reflektierte Demut bezeichnen kann: Trotz seines Weltruhms bewahrte sich Jürgen Habermas ein nüchternes Wissen um eigene Schwächen und Grenzen. „Ohne meine Frau hätte ich das nicht geschafft“, sagte er oft.

Das Versagen der amerikanischen Kollegen

Beim Mittagessen hatte er vorgeschlagen, nicht über Politik zu reden – „da sind wir uns viel zu einig“. Aber wir haben dies, es konnte gar nicht anders sein, dann doch ausführlich getan, vor allem mit Blick auf die ihn seit Langem umtreibenden Themen: die Schwäche der Europäischen Union, auf die er trotz aller Enttäuschungen so große Hoffnungen setzte; seine Ernüchterung über das Versagen der meisten amerikanischen Hochschullehrer angesichts der Erosion ihrer Demokratie; die selbstzerstörerische Politik der israelischen Rechten, die Erfolge der neuen nationalistischen Parteien in Europa und die widerliche Rückkehr des Antisemitismus.

Nie hätten wir uns vorstellen können, dass sich so viele tragende Gewissheiten von einst als Illusion erweisen würden, allen voran der Glaube an die Stärke der liberalen Demokratie. Ganz dünn geworden, auch gebrechlich, hatte Jürgen Habermas an rhetorischer Prägnanz und analytischer Deutungskraft nichts eingebüßt – juvenil zornig, alles andere als altersmilde, aber zugleich weise.

Friedrich Wilhelm Graf lehrte Evangelische Theologie unter besonderer Berücksichtigung der Ethik an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Source: faz.net