Aufruf zur Sabotage in Estland: Prorussische Kanäle propagieren fiktive „Volksrepublik Narwa“
Aufruf zur Sabotage in EstlandProrussische Kanäle propagieren fiktive „Volksrepublik Narwa“
16.03.2026, 18:10 Uhr

In sozialen Netzwerken kursieren prorussische Aufrufe zur Abspaltung einer Region im Osten Estlands. Propagandakanäle verbreiten Karten, Flaggen und Parolen für eine angebliche „Volksrepublik Narwa“. Estnische Sicherheitsbehörden vermuten dahinter eine gezielte Informationskampagne.
Seit mehreren Wochen verbreiten prorussische Kanäle im Internet die Idee einer Abspaltung der Region Ida-Viru von Estland und die Ausrufung einer sogenannten Volksrepublik Narwa. Die in sozialen Netzwerken geteilten Inhalte bestehen aus einer Mischung aus Internet-Memes, Katzenbildern und provokanten Witzen. Es finden sich auch Aufrufe zu Sabotageakten sowie Forderungen nach einer Bewaffnung der Bevölkerung.
Unter Slogans wie „Russen, wir sind nicht allein!“ wird offen zum bewaffneten Widerstand aufgerufen. Dazu werden Karten und Flaggen der angeblichen „Volksrepublik“ verbreitet. Auf einigen Bildern sind vermummte Personen vor grün-schwarz-weißen Flaggen zu sehen, die dazu aufrufen, „gemeinsam aktiv“ zu werden.
Narwa liegt direkt an der Grenze zu Russland und ist mit rund 50.000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Estlands. Mehr als 90 Prozent der Bevölkerung sind russischsprachig. Viele von ihnen oder ihre Familien wurden nach dem Zweiten Weltkrieg dort angesiedelt, nachdem die ursprüngliche Bevölkerung 1944 während der sowjetischen Eroberung weitgehend vertrieben worden war.
Wer genau hinter den prorussischen Kanälen steckt, ist bislang unklar. Laut dem estnischen Inlandsgeheimdienst (ISS) gibt es jedoch Hinweise darauf, dass es sich um eine koordinierte Informationskampagne handeln könnte. Ziel sei es offenbar, Verwirrung zu stiften und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu untergraben. „Solche Taktiken wurden schon früher sowohl in Estland als auch in anderen Ländern angewendet“, sagte eine Sprecherin des ISS der estnischen Nachrichtenseite Delfi. „Es ist eine einfache und billige Methode, die Gesellschaft zu provozieren und einzuschüchtern.“
Der „Bild“-Zeitung erklärte ein Insider aus Sicherheitskreisen, es sei „kein Zufall, dass diese Kampagne jetzt beginnt, da die Welt in Richtung Iran schaut“. Noch sei unklar, wozu das Narrativ genau dienen solle. „Wir können jedoch nicht ausschließen, dass damit ein russischer Einmarsch nach ukrainischem Vorbild von 2014 vorbereitet werden soll“, sagte der Insider.
Damals riefen prorussische Separatisten mit Unterstützung von Moskaus Streitkräften im Donbass die sogenannten Volksrepubliken Donezk und Luhansk aus. Die russische Führung begründete ihre spätere Großinvasion in die Ukraine 2022 unter anderem mit dem angeblichen Schutz russischsprachiger Bevölkerungsgruppen.
Der Militärexperte Carlo Masala betrachtet Narwa schon länger als besonders sensiblen Punkt an der Ostflanke der Nato. Dort könnte der Kreml austesten, ob die Nato-Mitglieder im Angriffsfall Beistand leisten, sagte Masala im „ntv Salon“ im vergangenen Jahr. „Letzten Endes ist die Entscheidung in meinem fiktiven Szenario folgende: Riskieren wir wegen der Befreiung einer 50.000-Einwohner-Stadt einen vollumfänglichen Konflikt gegen möglicherweise 1,5 Millionen russische Soldaten, der dann immer an der Schwelle zu einem Nuklearkrieg ist?“
Source: n-tv.de