Erinnerung an Habermas: Nicht ohne geschliffene Rhetorik

Für eine angehende Historikerin war Jürgen Habermas schon in den Siebzigerjahren Pflichtlektüre. Den „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ las man parallel zu Reinhart Kosellecks „Kritik und Krise“. Mir leuchtete der „Strukturwandel“ damals deutlich mehr ein, und bis heute teile ich die Begeisterung des Autors für die bürgerliche Selbstorganisation im vorbürgerlichen achtzehnten Jahrhundert.

In den Achtzigern setzte der Philosoph seinen Kollegen aus den geschichtswissenschaftlichen Fächern abermals Lichter auf und läutete das ein, was alsbald Historikerstreit hieß. Er führte eine scharfe Feder und hatte ein scharfes Auge, das Verkrümmungen und Richtungswechsel schnell wahrnahm. Zusammen mit Hans-Ulrich Wehler – die beiden waren eng befreundet – fühlte er sich berufen und gefordert, den linksliberalen Zeitgeist in der Bundesrepublik gegen das zu verteidigen, was Kanzler Helmut Kohl als geistig-moralische Wende in Aussicht gestellt hatte. Dafür kann man ihm bis heute dankbar sein.

Anecken gehörte zum Prinzip

Jener Zeitgeist war nicht zuletzt durch die intellektuellen Anregungen entstanden, die Habermas seit den Sechzigerjahren in rascher Folge produzierte und publizierte. Dabei eckte er regelmäßig an, das gehörte zum Prinzip. Als Angehöriger der HJ-Generation, die der totalitären Versuchung mit Hingabe erlegen war, übte er kritische Distanz in alle Richtungen. Das machte ihn sperrig – aber auch offen für neue soziale und intellektuelle Bewegungen. Er blieb nicht in eingefahrenen Denkmustern stecken und hatte es auch nicht nötig, sich gegen Herausforderungen zu panzern.

Aber er konnte sie parieren, mit scharf gewetzten rhetorischen Messern und beeindruckender Geistesgegenwart. Was ihm an Charisma fehlte, machte er durch Präsenz und Prägnanz wett. Ich saß einmal einen ganzen Abend lang neben ihm am reich gedeckten Tisch und konnte mir selber ein Bild von dem machen, was ihn als einen interdisziplinär sprechfähigen Gelehrten auszeichnete. Es war in Yale, in den frühen 2000er Jahren. Habermas war dort zu einem Vortrag eingeladen worden, anschließend gab es ein Arbeitsessen mit Kollegen aus der Philosophie und Rechtswissenschaft. Für small talk war keine Zeit, die Fragen prasselten von allen Seiten auf ihn ein. Er beantwortete sie ohne Ausnahme, mit konzentrierter Zuneigung, in Ruhe und Gelassenheit.

Bis heute weiß ich nicht, wie er es schaffte, daneben noch die drei Gänge zu verputzen und das Essen sichtbar zu genießen. Was für mich Schwerstarbeit gewesen wäre, ging ihm leicht von der Hand.

Ute Frevert war bis 2024 Direktorin des Forschungsbereiches „Geschichte der Gefühle“ am Max-Planck-Institut für Bildungsforschung in Berlin und ist Präsidentin der Max-Weber-Stiftung.

Source: faz.net