Endlich Freitag: Jürgen Habermas, Oscars, Vampirfilme und Klassenkampf
„Freitag“-Autor Michael Jäger erinnert an Jürgen Habermas, wir verlieren uns in den Untiefen der Mediatheken, Oliver Kahn knäpft sich Rilke vor und Slavoj Žižek sieht sich einen Oscar-Preisträger genau an. Der „Freitag“-Blick auf den Tag
Hallo,
ich weiß nicht, wie Sie das mit Ihren Push-Nachrichten handhaben, aber ich bekomme derart viele Benachrichtigungen auf mein Telefon, dass ich inzwischen einigermaßen abgestumpft bin, wenn wieder einmal eine „Eilmeldung“ aufploppt. Es kommt also selten vor, dass ich bei einer Benachrichtigung innehalte. Und vermutlich genauso selten kommt es vor, dass Philosophen Gegenstand einer solchen Push-Nachricht sind. Beides war am Wochenende der Fall, als der Tod von Jürgen Habermas gemeldet wurde.
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Mich hat das beschäftigt. Viele andere offensichtlich auch. Und so konnte man in den Sozialen Netzwerken eine ganz besondere Form der performativen Nachrufe beobachten: Menschen posten Faxe oder Briefe, die sie von Habermas erhalten haben, teilen „persönliche Begegnungen“ mit ihm. Und man wird als Beobachter den Eindruck nicht los, dass es weniger um Habermas als um den Postenden geht.
Damit kann ich nicht viel anfangen. Viel erhellender ist da der Nachruf, den mein Kollege Michael Jäger geschrieben hat. Denn er setzt sich mit Habermas’ Denken auseinander – und mit der Frage, wie er zu dem wurde, der er am Ende war. Und weil Michael nicht nur ein wandelndes Philosophie-Lexikon ist, sondern auch die linke Geschichte der BRD selbst miterlebt hat, ist eine hervorragende Einführung in die bundesrepublikanische Philosophie-Geschichte – angewendet auf die großen Fragen unserer Gegenwart. Zu der hätte uns auch Habermas noch viel zu sagen gehabt.
1. Heute wichtig
2. Made My Day
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➜ Die Lyrik des Titans: Das Wochenende über lag ich – sehr arbeitgeberfreundlich – krank im Bett. Das Gute daran: Es ist Zeit für die Dinge im Leben, die sonst zwischen Einkauf und Fensterputz und all den anderen unspektakulären Samstagsbetätigungen auf der Strecke bleiben. Ich habe zum Beispiel die ARD-Bundesliga-Konferenz im Radio gehört – Bayern, Dortmund, Eintracht Frankfurt – es war fast wie in meiner Jugend, als Olli Kahn noch Angst und Schrecken verbreitete. Wobei man Oliver Kahn auch nicht unrecht tun sollte, denn der Titan hatte schon immer auch seine künstlerische Seite. Auch daran musste ich dieses Wochenende denken: Oliver Kahns legendärer Vortrag von Rilkes Der Panther nebst Philosophieren aus dem Stegreif. Es hat mir den Tag versüßt, obwohl mir der Blick vom grippalen Infekt so müd geworden war, dass ihn kaum noch etwas hielt (frei nach Rilke). Ja, man könnte sogar behaupten: Olli Kahn hat seinen Teil zu meiner Genesung beigetragen.
PS: Meiner Chronistenpflicht möchte ich an dieser Stelle auch noch nachkommen: Vergangene Woche habe ich in dieser Rubrik über die Nachwehen des Wahlkampfes in Baden-Württemberg geschrieben. Jetzt hat FDP-Generalsekretärin Nicole Büttner ihre Haare tatsächlich abrasiert. Auf Instagram berichtet sie davon.
3. Kultur-Tipp
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➜ Gut zu sehen: Apropos krank im Bett. Ein anderer schöner Nebeneffekt ist, dass man sich – vom Über-Ich völlig unbehelligt – in den Untiefen der Mediatkehen verlieren kann. Ich habe mir die ARTE-Mediathek vorgenommen und habe mir eine dreiteilige Doku über die Triaden angesehen. Es ist ein spannender Ritt durch die Geschichte Chinas, ein Blick in die brutale Welt der Verbrecher-Syndikate – und darauf, wie das alles mit Chinas Politik der Gegenwart zusammenhängt.
Und weil ich schon einmal dabei war, habe ich mir gleich noch Ein Nobody gegen Putin angesehen. Es ist ein beeindruckendes Zeugnis, wie das russische Bildungssystem eine junge Generation auf den Krieg vorbereitet. Seit gestern kann man außerdem hinzufügen: ein verdienter Oscar-Preisträger.
Zur Triaden-Doku ➜ | Zu Ein Nobody gegen Putin ➜
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4. Lese-Empfehlung
➜ Vampire, Kant und Klassenkampf:Blood & Sinners ist seit vergangener Nacht sogar mit ganzen vier Oscars dekoriert. Und weil diese Ausgabe von Endlich Freitag! ganz im Zeichen der Philosophie steht, sei an dieser Stelle auf den Essay von Slavoj Žižek verwiesen. Er hat für den Freitag aufgeschrieben, was Vampirfilme mit Eliten und Klassen zu tun haben. Es geht um Kants Nichtsterblichkeit, das Dilemma im Blues und die Philosophie der Untoten.
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Der Film Sinners von Ryan Coogler, der mit allen liberalen Klischees Hollywoods bricht, verdient seine Rekordzahl von 16 Oscar-Nominierungen. Eine komplexe Analyse würde zu weit führen, daher konzentriere ich mich auf einen Aspekt: die seltsame Präsenz von Vampiren in dieser Geschichte über die brutale Realität in den USA der 1930er Jahre. Die Unterdrückung und Ausbeutung der Schwarzen, deren einziger Trost die Zuflucht in der Bluesmusik ist.
Im Jahr 1932 kehren die Zwillinge Elijah „Smoke“ und Elias „Stack“ Moore nach Jahren in Chicago nach Clarksdale, Mississippi, zurück. Mit gestohlenem Geld kaufen sie vom Grundbesitzer Hogwood ein Sägewerk, um einen Juke Joint für die Schwarze Community zu eröffnen. Ihr Cousin Sammie, Sänger und Gitarrist, schließt sich an, obwohl sein Vater, der Priester Jedidiah, vor dem sündhaften Blues warnt. Sammies transzendente Musik ruft Geister herbei, die sich unter das Publikum mischen.
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Damit unterschreibe ich Ihnen hiermit den Überweisungsschein in die nächste Mediathek und wünsche eine angenehme Restwoche.
Viele Grüße,
Ihr
Benjamin Knödler
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