Jede Kuh wird gezählt: Wie Deutschland seine Treibhausgasemissionen berechnet

Wojciechs Reisebus rollt bei Bamberg über die A9. Drei Studentinnen aus Litauen sind an Bord, die zur Universität nach Stuttgart wollen, ein älteres Ehepaar aus Riga, die Mehrzahl der Fahrgäste stammt aus Polen. In Görlitz stiegen zwei junge Männer zu, die auf Montage nach Baden-Württemberg reisen. „Busfahren ist entspannter“, sagt der eine. Wie berechnet man aber die Emissionen dieses Reisebusses? Wie viele Treibhausgase müssen in Polen, in der Ukraine, Litauen und Deutschland angerechnet werden?

„Im Prinzip ist das ganz einfach“, sagt Michael Strogies, der beim Umweltbundesamt in Dessau jahrelang für das „Nationale Treibhausgasinventar“ Deutschlands zuständig war. „Tankt der Bus in Polen, gehen die Emissionen ins nationale Treibhausgasregister Polens ein, tankt er in Deutschland, dann eben hier.“ Aus der Energiebilanz der Kraftstoffe lässt sich ermitteln, wie viele Treibhausgase in jedem Land entstehen, vollkommen unabhängig von der Zahl der Mitfahrer.

Auch ob der Bus langsam oder schnell fährt, ist für die Erfassung wichtig. Mehr Tempo bedeutet mehr Treibhausgase. „Eine Verkehrsdatenbank namens TREMOD, für die regelmäßig Verkehrsströme gezählt werden, sagt uns, wie viele Busse schnell, wie viele langsam fahren“, erklärt Strogies. Natürlich wird nicht Wojciechs Reisebus exakt erfasst. Dank der Datenbank gibt es aber Koeffizienten, die ziemlich genau bestimmen, wie viele Treibhausgase aus dem gesamten Verkehrssektor in der deutschen Klimabilanz zu Buche schlagen.

Umweltminister: „Die Fortschritte sind zu klein“

Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) hat an diesem Wochenende die deutsche Treibhausgasbilanz für 2025 vorgestellt. Demnach sank der Ausstoß von Kohlendioxid, Methan, Lachgas und Co. im vergangenen Jahr lediglich um 0,1 Prozent gegenüber 2024. Schneider sprach von einer „Stagnation in vielen Bereichen“. Aber das ist untertrieben, im Verkehrssektor stiegen die Emissionen um 1,5 Prozent – obwohl 2025 mehr Elektroautos neu zugelassen wurden. Im Gebäudesektor stiegen die Emissionen sogar um 3,4 Prozent – trotz Booms bei der klimafreundlichen Wärmepumpe im vergangenen Jahr.

„Die Fortschritte sind insgesamt zu klein“, urteilte Minister Schneider. Um das Klimaziel für das Jahr 2030 zu erreichen, seien „zusätzliche Anstrengungen“ notwendig. Die Bundesrepublik hatte sich gesetzlich verpflichtet, bis 2030 ihre Treibhausgasproduktion um 65 Prozent unter das Niveau des Jahres 1990 zu senken. Geschafft sind aber erst 48 Prozent.

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Woher aber wissen wir das so genau? „Es gilt der oberste Grundsatz: Treibhausgase werden am Ort der Entstehung bilanziert“, sagt Experte Strogies. Dazu habe Artikel 5.1 des Kyoto-Protokolls „Guidelines for national systems“ festgeschrieben: Leitlinien für die nationale Erfassung des Ausstoßes. Diese Guidelines geben vor, welche Institutionen geschaffen werden müssen und welche Pflichten sie haben. Zum Beispiel auch, dass die Daten vereinbarten Qualitätsstandards genügen und archiviert werden müssen.

Wie die Emissionen berechnet werden müssen, wird von einer Methodologie des Weltklimarats IPCC bestimmt. Strogies, ein studierter Meeresbiologe, nennt die IPCC-Guidelines „sozusagen das Kochbuch, das uns sagt, wie wir rechnen sollen. Von diesen Vorgaben können wir nur abweichen, wenn wir nachweisen, dass unsere eigenen Methoden besser sind.“

Wie viel Brennstoff verbrauchen die deutschen Binnenschiffe? Wie viel Abfall fällt in einem Jahr in Deutschland an und wie wird der entsorgt? Welche Mengen Stahl wurden produziert? Wie viel Heizgas nutzen die Hausbesitzer? „Für die Treibhausgasbilanz werden so weit wie möglich amtliche Statistiken genutzt“, sagt Strogies. Als Hauptquellen dienen die Daten des Statistischen Bundesamtes und die Berichte der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen, eines Vereins, der 1971 von sieben Verbänden der deutschen Energiewirtschaft und drei energiewirtschaftlichen Forschungsinstituten gegründet worden war.

Dieser Verein ermittelt, welche Brennstoffe in welcher Menge in der Bundesrepublik verbrannt werden. Das Umweltbundesamt nutzt diese Daten für eine „sehr feine Energieverbrauchsmatrix, die auch die Kesselgröße oder die verschiedenen Feuerungstechnologien berücksichtigt“, wie er sagt. Das Brennverhalten in einem Vattenfall-Kraftwerk sei schließlich etwas ganz anderes als das Feuer im Hauskamin; ein Wirbelschichtofen verursache andere Emissionsmengen als ein normaler.

Jede einzelne Kuh wird gezählt

Auf einem Truppenübungsplatz übt die Bundeswehr den Ernstfall: Panzer wühlen sich durch den Sand. Unterliegt das nicht der Geheimhaltung? Nicht beim Klimaschutz: Das Verteidigungsministerium ist dazu verpflichtet, Angaben zum militärischen Kraftstoffverbrauch zu übermitteln. Teilweise gibt es aber trotzdem Daten, die der statistischen Geheimhaltung unterliegen, beispielsweise bei der Adipinsäureherstellung. „Ein sehr treibhausgasintensives Herstellungsverfahren“, sagt Strogies.

In Deutschland gibt es nur drei Hersteller, weshalb die Daten aus Wettbewerbsgründen nicht quellspezifisch veröffentlicht werden dürfen. Trotzdem natürlich müssen sie ins nationale Inventar eingearbeitet werden – der Einfachheit halber werden sie an anderer Stelle untergejubelt.

„Für Kohlendioxid ist die Bilanz relativ einfach, da die wichtigste benötigte Information – der Kohlenstoffgehalt der Brennstoffe – bekannt ist“, erklärt Strogies. Fast 90 Prozent aller in der Bundesrepublik verursachten Treibhausgase sind Kohlendioxid. Schwieriger wird es für die anderen Treibhausgase: Methan trägt beispielsweise zu 7 Prozent zur deutschen Atmosphärenfracht bei.

Auch Lachgas, beispielsweise aus der Landwirtschaft, sogenannte F-Gase – die fluorierten Kohlenwasserstoffe – und andere Treibhausgase müssen erfasst werden: Ein Teilchen Schwefelhexafluorid ist in der Atmosphäre 17.500 mal so klimaschädlich wie ein Teilchen Kohlendioxid.

Wie viele Emissionen stammen eigentlich aus der Tierhaltung? Die „Nationale Koordinierungsstelle Emissionsberichterstattung“ des Umweltbundesamtes arbeitet hier mit spezifischen Richtwerten und der Unterstützung durch Experten der Thünen-Institute. Jede Kuh trägt in Deutschland eine Ohrmarke, damit wird genau erfasst, wie viele Tage welche Tiere hierzulande leben.

„Erfasst werden zusätzlich Alter, Geschlecht und durchschnittliche Gewichte, die Milchleistung, Kenngrößen aus der Stall- und Weidehaltung oder dem Futter“, sagt Experte Strogies. Rechnerisch ergibt sich daraus jeweils eine Treibhausgasfracht, die zum Beispiel für Milchkühe bei 155 Kilogramm Methan pro Tier und Jahr liegt, für alle anderen Rinder im Durchschnitt bei 54 Kilogramm Methan pro Tier und Jahr. Daraus lässt sich die Summe errechnen.

Ohne Push wird das Ziel verfehlt

Um die verschiedenen Gase vergleichbar zu machen, werden die sogenannten „Global warming potential“-Werte zurate gezogen, die die Treibhausgase nach ihrer Wirkung normieren. Die Atmosphärenwirkung von Kohlendioxid, dem mit Abstand häufigsten Treibhausgas, ist in dieser mit dem Koeffizienten eins angesetzt, alles andere wird auf „Kohlendioxidäquivalente“ umgerechnet. Methan ist demnach über einen Zeitraum von 100 Jahren 28-mal so klimaschädlich wie Kohlendioxid, Lachgas – das durch Dünger entsteht – 265-mal so stark, die Flurkohlenwasserstoffe heizen die Atmosphäre 4.660 fach stärker an als CO₂.

Wie viele Treibhausgase stammen aus den Haushalten? Wie viel Boden wurde versiegelt? Wie viel Zement wurde im Land hergestellt? Wie viel Feuerwerkskörper wurden importiert? Welche Flächenanteile werden aufgeforstet oder für andere Zwecke umgewidmet? Nach Sektoren feingliedrig aufgeschlüsselt, werden die Erkenntnisse in eine Datenbank eingespeist. „Zentrales System Emissionsberechnung“ nennt sich diese: Alle Aktivitätsdaten sind hier genauso zu finden wie die Berechnungsmethoden, die Unsicherheiten der Daten, die Archivierung – bis hin zu Angaben, welcher Mitarbeiter wann welchen Wert eingegeben oder geändert hat.

Noch gibt es Gelegenheit, die Lücke beim bundesdeutschen Klimaschutz zu schließen. Aber: „Wir brauchen einen Push“, forderte am Wochenende Dirk Messner, der Präsident des Umweltbundesamtes. Dass die Bundesrepublik noch auf Zielkurs sei, lag am Rückgang der Treibhausgase in der Industrie, was aber nichts mit Klimaschutz zu tun habe, sondern „mit der aktuell schwachen Konjunktur“, so Messner.

Das Umweltbundesamt meldet nun die mit der Bundesregierung abgestimmten Daten nach Brüssel, damit dort ein Gesamtinventar für alle EU-Staaten berechnet werden kann. Dies ist notwendig, denn die EU hat als Union das Paris-Protokoll unterschrieben und wird deshalb beim UN-Klimasekretariat als Vertragspartei geführt. Damit aber auch der Vergleich zwischen den EU-Staaten möglich ist, summiert Brüssel nur die nationalen Berichte.

Mitte April landen die Daten bei den Vereinten Nationen, Experten des Klimasekretariats beginnen dann, die gemeldeten Inventare zu überprüfen. In einer ersten Stufe untersucht die UNO, ob die Angaben vollständig sind. Dann wird in einer zweiten Runde ihre Qualität geprüft. Die Vereinten Nationen haben Bonn 1996 zum Sitz des UN-Klimasekretariats erkoren, weil sich die Bundesrepublik als eines der ersten Länder der Welt im November 1990 ein nationales Klimaziel gab, also als Vorbild galt. Allerdings wurde dieses krachend verfehlt.

Folgt Prüfebene drei, zu der die Fachleute aus den UN-Mitgliedsstaaten herangezogen werden. „Ich habe beispielsweise die Inventare von Luxemburg, Bulgarien, Dänemark oder den USA überprüft“, erzählt Strogies. Mit fünf Kollegen aus anderen Staaten ist er zu den „Emissionsermittlern“ dieser Länder gefahren, um sich über deren Berichte und Erfassungsmethoden zu beugen. Gefundene Fehler wurden korrigiert, die Berechnungsmethoden präzisiert.

Vor allem Katherina Reiche bremst

In der aktuellen Klimapolitik klaffte eine Lücke von 200 Millionen Tonnen Treibhausgase, um das deutsche Klimaziel zu schaffen, urteilte Ende Januar das Bundesverwaltungsgericht. Doch statt dies jetzt zum Ansporn für engagierten Klimaschutz zu nehmen, bremst diese Regierung die Reduktion von Treibhausgasen weiter aus.

Besonders hervor tut sich dabei Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU): Auf ihr Betreiben hin soll sogar der Einbau von Öl- oder Gasheizungen wieder möglich werden. Und auch der Ausbau der Erneuerbaren käme zum Erliegen, wenn sich diese Ministerin durchsetzt.

Schwer vorstellbar, dass nach Bekanntwerden ihrer Pläne die Union am kommenden Sonntag die Landtagswahl in Rheinland-Pfalz gewinnt: Dort gibt es aktuell 311.000 Solaranlagen. Bei gut 3 Millionen Wahlberechtigten sind das 10 Prozent. Das interessierte Potenzial dürfte aber wenigstens doppelt so groß sein: Weil Sonnenstromer sich auch mit Energiepolitik befassen und selten in der Energiegenossenschaft oder dem Einfamilienhaus nur eine wahlberechtigte Person anzutreffen ist, wird die CDU an Reiches Plänen scheitern.