Wenn die Elite Wegzieht: Der Exodus dieser Forscher aus dem US-Staatsdienst

Schon kurz nach seinem zweiten Amtsantritt als US-Präsident machte Donald Trump im vergangenen Frühjahr deutlich, dass er den amerikanischen Staatsdienst für überdimensioniert hält und ihn deutlich verschlanken will. Er verhängte einen Einstellungsstopp für Bundesbeamte, kündigte Entlassungen an und setzte Millionen Bundesbedienstete gehörig unter Druck, indem ihnen per Mail ein Angebot zugestellt wurde, gegen eine Abfindung den Dienst zu quittieren.
Welche langfristigen Folgen die Operation Kettensäge zeitigen wird, ist noch unklar. Klar ist aber, dass dem amerikanischen Staat dabei auch etliche sehr gut ausgebildete Spezialisten verloren gegangen sind. Nach einer Recherche des amerikanischen Wissenschaftsmagazins „Science“ haben US-Bundesbehörden im vergangenen Jahr mehrere Tausend Mitarbeiter verloren, die über einen Doktorgrad in einem MINT-Fach verfügen, also in Mathematik, Informatik, einer der Naturwissenschaften oder einem technischen Fach.
Für ihren Beitrag mit dem Titel „The Great Government Brain Drain“ haben die Autoren Zahlen des Weißen Hauses über den Personalbestand im öffentlichen Sektor ausgewertet, die im Januar veröffentlicht wurden. Zwar geht den Behörden auch in normalen Jahren ein Teil ihrer Experten durch natürliche Fluktuation wie Renteneintritt oder Stellenwechsel verloren, doch üblichweise wurden die Abgänge in den Vorjahren durch Neueinstellungen kompensiert.
Im Schnitt 17 Prozent der MINT-Doktoren verloren
Im vergangenen Jahr aber tat sich eine riesige Lücke auf bei den 14 bundesstaatlichen Einrichtungen, deren Personalentwicklung die Autoren genauer untersucht haben. Darunter waren Forschungseinrichtungen wie die National Institutes of Health (NIH), die Food and Drug Administration und die Weltraumbehörde NASA. Zum einen stieg die Zahl der Abgänge deutlich: Gegenüber dem Vorjahr hat sie sich mehr als verdreifacht. Zum anderen wurden aber auch viel weniger neue Experten eingestellt als in den Vorjahren. In Summe führte dies dazu, dass die Zahl der Abgänge die der Neueinstellungen im vergangenen Jahr im Verhältnis elf zu eins überstieg. Das führte zu einem Nettoverlust von 4224 MINT-Doktoren in den 14 untersuchten Einrichtungen. Alle waren von dem Rückgang betroffen, wenn auch unterschiedlich. Im Schnitt haben sie im vergangenen Jahr 17 Prozent ihrer Mitarbeiter, die einen Doktorgrad in einem MINT-Fach haben, verloren.
An der Spitze der Rangliste der größten Verlierer stehen in absoluten Zahlen die dem US-Gesundheitsministerium unterstellten National Institutes of Health, die rund 1000 MINT-Doktoren verloren haben. Die NIH sind die wichtigste Behörde für die biomedizinische Forschung in Amerika, verantwortlich für einen Großteil der öffentlich finanzierten Grundlagenforschung auf diesem Gebiet. Der Verlust dort fällt in absoluten Zahlen auch deshalb so hoch aus, weil die Einrichtung sehr groß ist.
National Science Foundation stark betroffen
Aber auch weniger große staatliche Einrichtungen sind vom Braindrain, der Abwanderung von Fachkräften, stark betroffen. Zum Beispiel die National Science Foundation (NSF), die zwar selbst nicht forscht, dafür aber Fördermittel vergibt an Universitäten für Grundlagenforschung und wissenschaftliche Ausbildung. Die Behörde hat im vergangenen Jahr von Januar bis November 205 ihrer 517 MINT-Doktoren verloren, also rund 40 Prozent. Es ist der mit Abstand größte relative Verlust aller untersuchten Einrichtungen. Bei der Behörde arbeiten viele Wissenschaftler nur zeitlich begrenzt, sie werden oft von ihren Heimatuniversitäten beurlaubt, um dort für ein paar Jahre Aufgaben zu übernehmen und später wieder an die Universität zurückzukehren. Durch diese „Rotation“ soll eigentlich auf beiden Seiten ein besseres Verständnis füreinander geschaffen werden, nun ist sie fast zum Erliegen gekommen. Laut den „Science“-Autoren wurden im vergangenen Jahr drei Viertel dieser Positionen bei der NSF gestrichen.
Die Wissenschaftsfeindlichkeit der Trump-Regierung wird von vielen Ökonomen mit größter Skepsis betrachtet, aber auch als eine Chance für Europa. Als sich vor einem Jahr die Kahlschläge in der amerikanischen Forschungslandschaft andeuteten und Donald Trump auch gegen verschiedene namhafte Universitäten wie Harvard, Columbia oder Cornell vorging, ihnen Mittel kürzte und die Wissenschaftsfreiheit bedrohte, kamen hierzulande Rufe auf, Deutschland könne möglicherweise die Chance nutzen, um Wissenschaftler nach Deutschland zu locken. So plädierten im vergangenen Jahr die beiden Wirtschaftsweisen Monika Schnitzer und Ulrike Malmendier öffentlich dafür, zu versuchen, Spitzenforscher aus Amerika für Deutschland zu gewinnen.
Tatsächlich rief das Bundesforschungsministerium im vergangenen Jahr das Programm „1000 Köpfe plus“ ins Leben, das deutschen Universitäten helfen soll, Forscher nach Deutschland zu locken, es ist grundsätzlich für Wissenschaftler aller Nationen offen. Laut Bundesforschungsministerin Dorothee Bär (CSU) stehen dafür über 600 Millionen Euro zur Verfügung. Bislang nehmen allerdings nur wenige US-Forscher an dem Programm teil.