Lyriker Kurt Drawert: Sprungbrett zum Aberwitz

Es gibt gute Gründe, an der Welt zu leiden, und naturgemäß wird sich die Bereitschaft dazu steigern, je empfindlicher man organisiert ist. Für Lyriker gehört eine solche Empfindlichkeit zur Grundausstattung, sie ist Teil eines Problems und zugleich Teil einer Lösung, die, so darf man hoffen, für das Problem entschädigt: den Lyriker womöglich, ganz sicher aber sein Publikum.
„Alles neigt sich zum Unverständlichen hin“ heißt der vor zwei Jahren erschienene Band Kurt Drawerts. Der Autor veröffentlicht darin ein Langgedicht, das die im Titel enthaltene Diagnose mit seiner Weltsicht ebenso bestätigt wie mit seiner Lyrik kraftvoll unterläuft. Denn während dort viel von Irritation die Rede ist, während sinnliche Eindrücke gebündelt und nebeneinander gehalten werden, bis sie das Abbild einer widerständigen und zugleich flüchtigen Welt erzeugen, gewinnt die Sprache des Lyrikers in der Beobachtung eine feine Klarheit: „Die Tage verbrennen sich selbst“, heißt es da, „es bleibt (wirklich) nichts / übrig. Auch zeitlich: der beschleunigte Stillstand, rastlos, / das / Gleiche im Gleichen. Gestern noch lag Schnee auf der Tanne, / heute liegt die Tanne zerschnitten im Holz.“ Und im Folgenden wirft der Text die Frage auf, was dann aus der Erinnerung dessen wird, der die Tanne zuvor beobachtet hatte und „das Gleiche im Gleichen“ registriert.
Wie kommt die weite Welt in den Odenwald?
Kurt Drawert ist einer der profiliertesten deutschen Lyriker, einer derjenigen, die ihr Handwerk und ihr Tun am sorgfältigsten reflektieren. Geboren 1956 in Hennigsdorf und seit Langem in Darmstadt lebend, verbindet er in seinen Werken oft auf verblüffende Weise die weite Welt mit dem Odenwald, das längst Verblichene mit der Gegenwart und ihren grellen Erscheinungen. Dabei wird ihm die strenge Form seiner Texte oft genug zum Sprungbrett für den schieren Aberwitz, der mal kurz aufblitzt, mal ganze Passagen einfärbt. Wie viel Freiheit ein selbst auferlegter lyrischer Zwang bedeuten kann, liest man seinen Gedichten ab. Wer Drawerts Darmstädter Schreibschule besucht, profitiert davon.
Drawert, Mitglied der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung, wurde vielfach ausgezeichnet, darunter mit dem Italo-Svevo-Preis, der literarischen Eigensinn belohnt. Die Entscheidung leuchtet ein. Am Sonntag feiert er seinen siebzigsten Geburtstag.
Source: faz.net