Zoffklassiker: „Der Mental Load von Frauen ist ein dicker Brummer in dieser Paarberatung“

Gemütliche Abendessen am schön gedeckten Tisch, nächtliches Plaudern im Doppelbett, ein Refugium für die Familie schaffen – das Zusammenleben mit dem Partner ist nicht nur die gängige Wohnform, sondern für viele Paare ein romantisches Ideal. Ein gemeinsames Zuhause verspricht nicht nur Intimität und Gemütlichkeit, sondern bietet häufig auch größeren Komfort bei geteilten Kosten. Doch nicht wenige Paare scheitern beim Leben unter einem Dach an klassischen Streitthemen, die sie nicht zu bewältigen wissen. Wo lauern die größten Fallen, und wie lassen sie sich umgehen? Die Potsdamer Paartherapeutin Annabel von Engelbrechten weiß Rat.
Der unsichtbare Gegner: Die Finanzen
Man denkt beim Topstreitthema vielleicht an das Schreibtischchaos des Partners, den Kühlschrank voller schimmeliger Gemüseleichen oder den abendlichen Besuch von Freunden, der nervt. Nach Erfahrung der Paartherapeutin von Engelbrechten ist aber das Geld oft ein verstecktes, aber nicht zu unterschätzendes Problem.
„Beim gemeinsamen Wohnen ist das größte Konfliktthema tatsächlich, wer wie was finanziert. Die wenigsten reden vor dem Zusammenziehen über Geld“, weiß sie aus vielen Sitzungen. „Finanzen werden ganz verklemmt behandelt, die meisten Paare reden über alles, nur nicht darüber.“ Erst mit der Zeit kristallisiere sich ein Machtgefälle beim Finanzieren des gemeinsamen Lebens heraus, das bei einem Partner mit einem Gefühl von Unterlegenheit oder Überforderung einhergehe und beim anderen mit dem Eindruck, er finanziere den anderen.
Zudem zeige die Erfahrung aus der Praxis, dass nach wie vor Frauen langfristig ins Hintertreffen geraten – wenn sie zusätzliche Care-Arbeit leisten, die nicht ausgeglichen wird. „Häufig entwickelt sich bei ihnen dann Frust, weil sie sich in der Lebensgemeinschaft verheizt fühlen.“
Lösung: Am Anfang des Zusammenlebens überlegen: Welchen Lebensstil wollen wir uns leisten? Den Standard desjenigen, der mehr verdient? Oder kann man dieses Modell spätestens dann nicht mehr stemmen, wenn Kinder kommen? Hat der „ärmere“ Partner das Gefühl, nicht auf Augenhöhe beitragen zu können, und wird vielleicht ungewollt abhängig?
„Es ist nicht unbedingt eine gute Idee, dass viele Paare sich die Wohn- und Lebenshaltungskosten 50:50 teilen, auch wenn einer sehr viel weniger verdient“, sagt von Engelbrechten. „Das Teilen der Wohnkosten kann auch eine Lösung wie 70:30 sein. Außerdem kann man ein gemeinsames Konto für Wohnen und Haushalt anlegen, und jeder hat daneben ein eigenes Konto.“
Mental Load: Mehr als weibliche Einbildung
Permanent schlecht gelaunte und erschöpfte Partner können die rosarote Idee eines Paarlebens zum Albtraum werden lassen. „Der Mental Load von Frauen ist oft ein dicker Brummer in der Paarberatung“, sagt von Engelbrechten. „Tatsächlich sind es meist Frauen, die sich beim Zusammenwohnen überfordert fühlen, da sie ihre Bedürfnisse nicht benennen können.“ Das Ergebnis seien dann Aggression und Wut.
Lösung: Klären, dass jeder Partner das Recht auf Ruhe und Pausen hat. Aufteilung der Aufgaben in klare Bereiche ähnlich wie in voll verantwortlichen Abteilungen eines Betriebs. So werden etwa Einkaufen, Wäsche oder Fahrdienst der Kinder zugeteilt – und ihre Umsetzung im Anschluss nicht kritisiert.
„Viele Frauen haben unendliche To-do-Listen im Kopf, können sich nicht entspannen und haben beim Delegieren den Hang zu kontrollieren“, sagt die Therapeutin. „Aber nicht jeder muss in jedem E-Mail-Verteiler sein, und wenn mal was schiefgeht, ist es auch okay.“ Wichtig: Gegenseitige Anerkennung gerade bei gern belächelter Haus- und Familienarbeit verbalisieren.
Nähe als Belastung: Das Recht auf ein Refugium
Wenn die erste Symbiosephase der Verliebtheit vorbei ist und der neue Reiz des Zusammenwohnens sich abgenutzt hat, kommt es häufig zu Konflikten über Nähe und Abgrenzung. „Oft finden die Partner heraus, dass einer ein hohes Bindungsbedürfnis hat, der andere aber ein höheres Autonomiebedürfnis verspürt.“
Gerade wenn eine Person durch viel Gemeinsamkeit Bilder einer perfekten Beziehung ausleben wolle, die andere aber das Gefühl habe, nie Zeit für sich zu haben, träfen sie in der Wohnung mit klassischen Vorwürfen folgender Art aufeinander: Wir leben zusammen und sehen uns kaum noch! – Du bedrängst mich! – Du lehnst meine Nähe ab! – Warum willst du nur noch allein sein? – Du bist eine richtige Klette!
Lösung: Starke Bedürfnisse nach Nähe und Autonomie in der Diskussion entpathologisieren. Und klare Absprachen treffen. „Es ist wichtig zu verstehen, dass manchen Menschen körperliche Nähe einfach viel Sicherheit und ein gutes Gefühl gibt“, sagt die Therapeutin. „Andere können sich nur selbst gut spüren, wenn sie einen eigenen Platz haben und sie wirklich niemand stört.“
Deshalb: Rückzugsräume im Haus und außerhalb des Hauses definieren. „Manche Partner sind happy, wenn sie zum Sport gehen und ihr eigenes Ding machen, andere brauchen den berühmten Hobbykeller zur Fahrradreparatur oder zumindest einen Sessel zum Lesen, auf dem sie definitiv nicht angesprochen werden. Zudem kann es helfen, Rituale für Nähe zu schaffen wie eine gemeinsame Mahlzeit am Tag.“
Generalin gegen Vollchaot: Ordnung als Machtfrage
Die eine liebt Struktur – der andere empfindet Ordnungsregeln als einengend: ausgezogene Schuhe im Eingang, herumstehende Müsli- und Medikamentenpackungen in der Küche, die beeindruckende Shampoosammlung am Badewannenrand. Scheinbare Lappalien können zu Erdbeben in der Beziehung führen.
„Manche Menschen fühlen sich im gefühlten Chaos des anderen nicht wohl. Aber wenn sie das verbalisieren, hat der andere oft den Eindruck, nicht so sein zu dürfen, wie er wirklich ist“, sagt von Engelbrechten. Sie sieht derartige Diskussionen als Stellvertreterkriege um Kontrolle versus Freiheit. „Wenn alles immer super aussieht, alles an seinem Platz liegt, vermittelt die Umgebung eine äußere Ruhe und die Sicherheit, alles im Griff zu haben.“
Die Gefahr dabei: „Wenn aber ein Partner krasse Ordnungsvorstellungen hat und quasi darauf besteht, dass im Kühlschrank die Erdbeermarmelade in einem gewissen Winkel zur Himbeermarmelade stehen muss, kann das im Zusammenleben zerstörerisch werden.“
Lösung: Einen gemeinsamen Standard definieren. Einerseits No-Gos klären wie etwa dreckige Schwämme in der Spüle, mit Schuhen durchs Haus laufen oder übervolle Wäschekörbe und sich andererseits vom Perfektionismus entwöhnen. „Man kann einfach in manchen Phasen wie mit Neugeborenen oder bei viel Stress im Job nicht hundertprozentige Sauberkeit und Ordnung durchhalten. Da steht eben mal ein Glas in der Spüle, auch wenn spontan Gäste kommen.“
Zudem sei es klug, auch dem Chaoten entgegenzukommen. „Es hilft zu reflektieren, woher der wahnsinnige Anspruch an Sauberkeit und Ordnung kommt. Warum ist er so wichtig für mich?“ Perfektionismus sei letztlich eine Art, Anerkennung zu generieren. Und ja, gerade auf dem Gebiet sei es schwierig, sich zu ändern. „Üben Sie, einmal nicht aufzuräumen, bevor Freunde kommen. Können Sie das?“ Der Lerneffekt könnte sein, dass Ordnung nicht automatisch mit Wertschätzung einhergehen muss.
Gefahr im Verzug: Der Absturz des Paars zur WG
„Wir funktionieren nur noch.“ Diese Einschätzung hört man vor allem bei Paaren, die Kinder haben. Das gemeinsame Zuhause wird als stressiger Raum der Mühsal empfunden, nicht mehr als Oase der Ruhe. „Wenn in Küche und Wohnzimmer nur noch Orga-Gespräche stattfinden und es im Schlafzimmer kaum mehr Intimität gibt, kann das Paar schleichend ausgehöhlt werden“, sagt von Engelbrechten. „Im gemeinsamen Wohnen zeigt sich wie unter einem Vergrößerungsglas, was beziehungsdynamisch passiert.“
Lösung: Bewusst aus dem riesigen Orga-Apparat heraustreten und Zeit für sich selbst als Paar schaffen. „Ich gebe Paaren die Aufgabe, sich eine halbe Stunde in der Woche nur für sich zu nehmen und dabei nicht über das Funktionieren des gemeinsamen Lebens zu sprechen“, sagt sie. „Die meisten lachen mich aus und sagen: Na klar, das schaffen wir!“ Bei der nächsten Sitzung müssten sie jedoch zugeben, im Alltag daran gescheitert zu sein. Wichtig sei, sich überhaupt dafür zu entscheiden, sich wirklich als Paar zu sehen.
Einfach sprachlos: Das Problem der tönenden Stille
Die Vision eines schönen Heims ist auch, einen Ort des wirklichen Dialogs zu schaffen. Unter einem Dach zu leben, bedeutet aber nicht automatisch, emotional miteinander verbunden zu sein. „Sprachlosigkeit ist ein schleichender Prozess, der das ganze Sein vergiften kann“, sagt von Engelbrechten. „Gerade in einem gemeinsamen Haus wirkt das sehr stark.“
Manche Partner hätten irgendwann das Gefühl, sich für den anderen in einen Teil der Möblierung zu verwandeln, „ohnehin da“ zu sein. „Dann ist die Enttäuschung groß, nicht wirklich gesehen zu werden, nicht interessant zu sein.“ Daraus ergibt sich schnell eine Abwärtsspirale aus Rückzug und immer weniger Nähe.
Lösung: Erkennen, dass hinter Vorwürfen oder eisernem Schweigen womöglich lange unausgesprochene Bedürfnisse stecken. Sich trauen, auf den ersten Blick einfache, fast banale Fragen zu stellen: Was hast du erlebt? Was ist dir wichtig? Was ist los? „Verabredet euch zu einem Spaziergang, und redet nicht über Probleme, sondern öffnet euch für schöne Dinge“, rät von Engelbrechten. „Unterhaltet euch über Bücher, Kino, erzählt einen Witz.“
Die Therapeutin verweist auf eine Schule systemischer Therapeuten aus dem kalifornischen Palo Alto. Dort konzentriert man sich nicht auf Probleme, sondern auf das, was funktioniert in der Paarbeziehung. „So kann eine riesige Dynamik entstehen, und beide fühlen sich freier.“