Die Handelsplatz im Irankrieg: Gefährliche Ruhe am Aktienmarkt

So etwas hat der Ölmarkt noch nie gesehen. Am Montagmorgen schoss der Ölpreis zunächst auf fast 120 Dollar je Barrel empor, die Finanzmärkte sahen die Weltwirtschaft in den Abgrund rutschen. Bis zum Abend fiel der Preis dann auf 83 Dollar zurück. Eine solche Schwankung in so kurzer Zeit gab es nicht einmal in den schweren Ölkrisen der Siebzigerjahre. Und wer hat diese Kurssprünge ausgelöst? Natürlich wieder Donald Trump.

Sein Angriff auf Iran bewegte die Machthaber dort, Tanker und Ölanlagen zu beschießen und die Straße von Hormus vor ihrer Haustür für den Verkehr zu schließen, durch die 20 Prozent der weltweiten Ölmenge transportiert werden. Der Ölpreis explodierte – bis der amerikanische Präsident ein baldiges Ende des Krieges andeutete. Und was machte der Aktienmarkt an diesem turbulenten Tag? Der Dax verlor in der Spitze gerade einmal 2,5 Prozent und erholte sich rasch wieder.

Öl minus 40 Prozent, Gas minus 60, Dax minus 2

Es ist erstaunlich, wie wenig die Börsen unter dem Konflikt in Iran leiden. Der Dax liegt aktuell etwa sieben Prozent unter seinem Niveau von vor dem Krieg, obwohl Öl seitdem um rund 40 Prozent und Erdgas um 60 Prozent teurer geworden sind. Angesichts der Horrorszenarien, die die Energiemärkte teilweise in ihren Preisen nahelegen, ist der Dax-Rückgang moderat. Das ist das normale Ausmaß einer üblichen Korrektur, wenn die Kurse vorher etwas zu lang ungebremst gestiegen sind, und kein Zeichen von Panik.

Auch der V-Dax, der die Schwankungen des Dax in einer Kennzahl darstellt, ist zwar mit Kriegsausbruch geklettert. Er bewegt sich aber nicht viel höher als im langjährigen Durchschnitt und zum Beispiel niedriger als beim „Liberation Day“, Trumps Ankündigung von Handelszöllen vor einem Jahr. Und er ist deutlich niedriger als bei Ausbruch des Ukrainekrieges 2022.

„Die Börsen glauben der Erzählung Donald Trumps, dass der Irankrieg bald vorbei ist und danach alles wie vorher sein wird“, sagt Thorsten Weinelt, der Chefanlagestratege der Commerzbank. „Aber die Risiken steigen, dass es länger dauert.“ Anleger berücksichtigen das noch nicht, sollten es aber tun.

Es klingt ja auch allzu plausibel, dass der Krieg schnell enden könnte. Denn niemand hat ein Interesse daran, dass er lange dauert, sieht man vielleicht einmal von Wladimir Putin ab, der mit höheren Öleinnahmen besser seinen Krieg gegen die Ukraine finanzieren könnte. Europa und Asien wollen wegen der hohen Ölpreise ein schnelles Ende der Iran-Konflikts, sie haben Angst um ihre eh schon angeschlagenen Volkswirtschaften. Iran-Freund China dürfte ebenfalls auf ein schnelles Ende drängen, weil das Land besonders viel Öl aus der Golfregion bezieht.

Diese Länder haben jedoch wenig Einfluss auf das Kriegsgeschehen. Aber auch Trump will einen schnellen Erfolg. Vor einer längeren Konfrontation hat er Angst, weil er im Herbst die Kongresswahlen gewinnen will. Hohe Benzinpreise an amerikanischen Zapfsäulen und in der Folge eine höhere Inflation sowie eine kriegsmüde Bevölkerung könnten ihm die Wahl verhageln. Die Ankündigung eines schnellen Kriegsendes am Montag war schon ein erstes Zurückrudern von Trump.

Es ist das typische Muster, das er schon bei den Zöllen und jüngst im Fall einer Annexion von Grönland zeigte, auf Englisch: Trump Always Chickens Out (TACO), also erst die Eskalation und dann ein Rückzieher, wenn die Finanzmärkte verrückt spielen. Am Ende verkündet er einen Sieg, wenn ihm der Krieg innenpolitisch zu heikel wird.

Trumps Taktik könnte diesmal scheitern

Doch es könnte sein, dass er mit dieser Taktik diesmal nicht so einfach davonkommt. Der Iran zeigt keine Anzeichen, dass er bald aufgeben wird. Ein Regimewechsel ist nicht in Sicht. Und es ist unklar, ob das Land nach einer möglichen Waffenruhe nicht trotzdem weiter den Öl- und Gastransport stören wird. Irans neuer Führer Modschtaba Khamenei hat schon betont, dass er die Sperrung der Straße von Hormus als Druckmittel einsetzen will. Zudem mehren sich die Anzeichen für eine Verminung der Meeresenge. Das würde die Durchfahrt das auch nach einem möglichen Kriegsende unmöglich machen. Minen zu räumen, dauert lange.

Hinzu kommt: Wenn das am Golf geförderte Öl nicht abtransportiert werden kann und die Lagerstätten voll geworden sind, dann muss die Produktion reduziert oder gar eingestellt werden. Die ersten Lieferländer haben das schon angekündigt. Die Förderung nach einer Entspannung der Lage wieder hochzufahren, nimmt aber einige Zeit in Anspruch. Werden weitere Anlagen durch Angriffe zerstört, dauert es sogar noch länger. Auch die zurzeit blockierten Tanker werden nach einer Wiedereröffnung der Straße von Hormus einige Zeit brauchen, bis sie beim Kunden ankommen und wieder in die bisherigen Lieferketten eingebunden sind.

Die internationale Energieagentur IEA in Paris schreibt, eine rasche Erholung des Transports durch die Wasserstraße sei nicht zu erwarten. Der Krieg verursache „die größte Versorgungsunterbrechung in der Geschichte des globalen Ölmarktes“. Deutschland muss zwar nicht mit einem Engpass rechnen, weil es nur sechs Prozent seines Öls und noch weniger Gas aus der Golfregion bezieht, aber andere Länder etwa in Asien. Und Deutschland spürt die Folgen über die gestiegenen Energiepreise und mögliche Engpässe bei anderen Produkten, zum Beispiel Mikrochips.

Wenn die Krise länger dauert, wird es brenzlig

Die Hoffnung der Anleger, dass in zwei bis vier Wochen alles wieder beim Alten ist, könnte also trügen. Je länger die Krise andauert, desto größer sind naturgemäß die Auswirkungen. Wenn die Geschichte des schnellen Kriegsendes Risse bekommt, könnte es an den Finanzmärkten brenzlig werden.

„Noch sitzen viele Anleger die angespannte Lage einfach aus. Sie haben sich an geopolitische Krisen gewöhnt und gelernt, dass sie sich bisher schnell wieder aufgelöst haben“, sagt Pascal Spano, der Leiter der Research-Abteilung der Privatbank Metzler. „Diese Einstellung hat auch dadurch zugenommen, dass immer mehr Investoren passiv und langfristig investieren, über ETF und Sparpläne. Da spielt eine Marktdelle wie derzeit auf Dauer keine große Rolle. Da waren die Anleger früher aktiver.“ Das heißt, es wurde schneller als heute verkauft, wenn es ungemütlich wurde.

Es drohen Zinserhöhungen

Die Märkte bleiben indes nur dann halbwegs entspannt, wenn es wirklich bei einer Delle bleibt. Droht sich mehr an, kommen einige Annahmen durcheinander. Zum Beispiel die Notenbankpolitik. Bisher gingen die Börsen von Zinssenkungen in Amerika und stabilen Raten in Europa aus. Doch wenn die Krise länger andauert und dadurch auch der Ölpreis länger hoch bleibt, wird die Inflation steigen. Je mehr Monate das so sein wird, desto mehr müssen die Zentralbanken darauf reagieren.

„Die Europäische Zentralbank könnte ihre schon vor dem Krieg für 2027 erwartete Zinserhöhung vorziehen und die Fed in Washington ihre Zinssenkungen reduzieren oder gar ausfallen lassen. Das würde die Aktienmärkte belasten, und die Renditen langlaufender Anleihen dürften steigen, ihre Kurse also ebenfalls fallen“, warnt Commerzbank-Anlagestratege Weinelt. Er empfiehlt, Energieaktien zu kaufen, auch wenn sie bereits stark gestiegen sind. „Das wirkt wie eine Absicherung. Wenn der Krieg deutlich eskaliert oder die Straße von Hormus deutlich länger geschlossen bleibt, bleibt der Ölpreis hoch oder steigt gar. Dann werden diese Aktien weiter zulegen, während viele andere verlieren werden.“

Länder und Branchen treffen die Unsicherheiten sehr unterschiedlich. Stark energieabhängige Unternehmen sind wenig überraschend am stärksten beeinträchtigt, ihre Kursverluste am höchsten. Auf der anderen Seite profitieren Energieaktien und auch Tech-Werte, deren Gewinne wenig unter den Energiepreisen leiden mit Ausnahme von höheren Stromkosten für ihre KI-Zentren.

US-Aktien halten sich gut, Europa und Schwellenländer verlieren

Beides führt dazu, dass sich die Aktienmärkte in den USA seit Kriegsbeginn am stabilsten zeigen. Das liegt auch daran, dass das Land als Energieexporteur keine Engpässe zu fürchten hat und teilweise von höheren Energiepreisen sogar profitiert. Besonders hart trifft es hingegen die Schwellenländeraktien wegen der höheren Abhängigkeit von Energie vom Golf. Auch Europa ist Nettoimporteur von Öl und Gas, auch hier sind die Aktienkurse stärker als in den USA gefallen. Dem alten Kontinent fehlen zudem die großen Tech-Unternehmen, die das kompensieren könnten, und er hat auch nur wenige Ölunternehmen. Nach einem Ende des Krieges könnte allerdings Europa wieder gefragt sein, wie das bis zum Februar der Fall war. Denn es hat noch Aufholpotential.

Viele Anleger lassen diese Aussichten ratlos zurück. Was sollen sie jetzt tun? „Bleibt es bei einem kurzen Krieg, sollten sie stillhalten. Verkaufen sie jetzt, ist das Risiko erfahrungsgemäß groß, dass sie den richtigen Zeitpunkt für den Wiedereinstieg verpassen“, warnt Sören Hettler, der Leiter der Anlagestrategie der DZ Bank.

Dax könnte bis auf 20.000 Punkte fallen

Die Bank hat drei Szenarien durchgerechnet. Ist der Krieg in vier Wochen vorbei und die Straße von Hormus dann passierbar, würde der Ölpreis auf etwa 60 Dollar im Durchschnitt der nächsten zwölf Monate zurückfallen. Derzeit liegt er um die 100 Dollar – trotz der angekündigten Freigabe von Ölreserven durch viele Industrieländer. Der Dax könnte dann bis Jahresmitte 2026 auf 26.000 Punkte steigen, ein Anstieg von rund zehn Prozent zu heute.

Dieses Szenario hält Hettler trotz aller Sorgen immer noch für das wahrscheinlichste. In einem mittleren Szenario, in dem die Krise länger dauert und sich der Ölpreis auf 80 Dollar einpendelt, bliebe der Dax im Juni auf heutigem Niveau. Im schlimmsten Fall, einem Ölpreis von durchschnittlich 120 Dollar über längere Zeit, fiele der Dax auf 22.000 Punkte, zeitweise könnten sogar 20.000 erreicht werden. Dieses Szenario will sich derzeit wirklich niemand ausmalen. Aber die Augen ganz zu verschließen, könnte sich als Fehler herausstellen.

Source: faz.net