Wenn die politisch-korrekte Bevormundung sich in Rauch auflöst
Kylie Jenner, eine Frau, die mehr Instagram-Follower hat als die USA Einwohner, zündet sich auf dem Cover der „Vanity Fair“ eine Zigarette an. Man mag das aus Sicht der Weltgesundheit bedauern. Für die Selbstbestimmung ist das Zeichen gut.
Sie sitzt breitbeinig in beigen Reiterhosen auf einem Bett, platziert in einem Salon, der aus dem vorvorletzten Jahrhundert stammt. Sie trägt schwarze, kniehohe Lederstiefel und sonst nur noch einen schwarzen BH, der betont, was spätestens seit ihrer letzten, sehr öffentlich und auch von ihr selbst ganz offen diskutierten Brust-OP zu ihrem „signature piece“ geworden ist.
Nichts Besonderes, das aktuelle Cover der einstigen Hochglanzbibel der amerikanischen Gesellschaft namens „Vanity Fair“, könnte man sagen, würde sich Kylie Jenner, Kylie-Cosmetics-Fast-Milliardärin, Reality-Star aus dem Kardashian-Jenner-Clan, Mutter von zwei Kindern und Langzeitfreundin von Oscar-Favorit Timothée Chalamet, auf dem Foto nicht exakt in dem Moment, den Fotograf Mert Alas arrangierte, eine Zigarette anzünden.
Das ist – natürlich – ein von Magazin und Jenner wohlkalkulierter Tabubruch, der (ebenso natürlich) in dem Moment den wohlkalkulierten Gegenwind erntete, in dem das Motiv auf Instagram veröffentlicht wurde. Ein Account namens „women_inAmerica“ etwa fragt exemplarisch in den Kommentaren unter dem „VF“-Post: „Why are we glamorizing smoking in 2026?“ Also: Warum stellen wir Rauchen 2026 als glamourös dar?
Die offensichtliche Antwort: Weil eine Frau, die laut Titelzeile „on top“ ist und bisher ein mehr als gutes Gespür für den Zeitgeist bewies, glaubt, sich das leisten zu können. Was zur anderen wahren Antwort führt: Sie macht es, weil die Zeit so überreif ist, dass die Zigarette auf dem Cover in Wahrheit kein echter Tabubruch mehr ist, sondern jenseits des absoluten Mainstreams folgerichtig.
Es ist ein letzter, offensichtlicher Beleg dafür, dass sich auch in der Einschätzung der amerikanischen Entertainmentindustrie, die schon aus Geschäftsinteresse stets eine feine Nase für gesellschaftlichen Wandel hat, der Wind gedreht hat. Und dass die Zeit der gut gemeinten Bevormundung und damit einhergehenden Spaßfeindlichkeit vorbei ist. Auf Instagram sieht man immer häufiger Model-Kolleginnen wie Amelia Gray mit Champagner-Glas und Zigarette,. Und Kate Moss, die Ikone aus den wilden Party-zeiten des „Heroin Chic“, ist das Model der Stunde. Der Hedonismus, irgendwann in den 1990er-Jahren verloren gegangen, ist mit voller Macht zurück.
Das mag ein schlechtes Zeichen für die Gesundheit auf diesem Planeten sein, es ist aber ein gutes für Freiheit, Kunst und Storytelling. Denn lange vor der 2009 gestarteten „Smoke-free Movies“-Initiative der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wurde versucht, Film und Fernsehen zu etwas zu machen, in dem Laster nicht mehr vorkamen. Nur noch hart gesottene Arthouse-Filmemacher wagten es, rauchende Menschen in Filmen zu zeigen, auch Sex oder Alkohol wurden weitgehend verbannt.
Alles musste „sober“, „clean“ und „diverse“ sein. Kaum jemand wagte es mehr, sich mit einer brennenden Zigarette in der Öffentlichkeit ablichten zu lassen. Das mag im Sinne der Prävention eine Zeit lang erfolgreich gewesen sein, aber auch unendlich langweilig. Doch das wahre Leben, was eben auch Unvernunft und Laster bedeutet, ließ sich nicht dauerhaft verleugnen und verbannen. In 51 Prozent der „Top-Filme“, welche die großen US-Studios produzierten, wurde 2024 laut der Studie „Tobacco in Films“, durchgeführt an der University of Chicago, explizit geraucht. In den beiden Jahren zuvor waren es noch 24 Prozent (2022) und dann bereits 42 Prozent (2023). Ein klarer Trend also.
Den Anfang vom Ende einer von jedweden Lastern gereinigten Welt bescherten den Zuschauern die Streamer. Netflix und HBO fühlten sich von Anfang an nicht den vorgeblichen Befindlichkeiten „der Allgemeinheit“ verpflichtet (wie die großen TV-Networks), sondern nur ihren zahlenden Abonnenten. Sie erzählen deshalb Geschichten – von „Sex Education“ über „Fleabag“ bis zur neuen deutschen Netflix-Serie „Unfamiliar“-, die nicht politisch korrekt, dafür aber interessant sein wollen. Und in denen eben auch geraucht, gekifft und gesoffen wird, getötet und auch mal auf dreckige Art geliebt – von Frauen wie von Männern. Niemand kam oder kommt dabei zum Glück auf den Gedanken, den Plot vorher etwa mit einem oder einer Gleichstellungsbeauftragten zu besprechen.
Der erfolgreichste Drehbuchautor, Regisseur und Showrunner der vergangenen fünf Jahre ist nicht zufällig ein Mann namens Taylor Sheridan, der von „Yellowstone“ mit Kevin Costner bis „Tulsa King“ mit Sylvester Stallone lauter Serien erfand und zu Welterfolgen machte, die im amerikanischen Heartland spielen, in der sogenannten tiefsten Provinz, wo es noch deutlich kerniger zugeht als in den liberalen Großstädten an den Küsten. Dass nun aber auch eine Frau wie Kylie Jenner, ein Aufmerksamkeits- und Social-Media-Profi seit Kindheitsbeinen, sich bewusst mit einem „Laster“ (Rauchen) inszenieren lässt, sich also betont unkorrekt gibt, hat mehr als breite Wirkung.
Um die Frau einmal kurz einzuordnen: Kylie Jenner hat 390 Millionen (!) Follower auf Instagram, das sind mehr Menschen, als die USA Einwohner haben. Wie es die Autorin der „VF“-Titelgeschichte beschrieb: Ein Video, das eine beschwipste Kylie mit ein paar ihrer natürlich sehr gut aussehenden Freundinnen nach der Party zum 70. Geburtstag ihrer Mutter Kris Jenner zeigt, wie diese sich um eine Fünf-Dollar-Tüte Chips streiten, haben sich 65 Millionen Menschen angesehen. Das sind vier Millionen mehr, als die Folge von Podcast-Superstar Joe Rogan mit Donald Trump hörten, und mehr als doppelt so viele, wie sich das Instagram-Memorial-Video von der Charlie-Kirk-Trauerfeier ansahen (28 Millionen).
Wenn eine Frau, die gerade ihre Supermodel-Schwester Kendall Jenner und Halbschwester Kim Kardashian an der Spitze der weltweiten Aufmerksamkeitspyramide ablöst, den politisch Korrekten und Gesundheitsaposteln dieser Welt per Cover den ausgestreckten Mittelfinger ins Gesicht reckt, dann ist das vielleicht nicht gut für die Gesundheit, aber – der Kalauer muss sein – ein echter Brustlöser. Für alle, denen Selbstbestimmung und Eigenverantwortung, auch der Spaß und eine gute Story im Zweifel wichtiger sind.
Anmerkung: Der Autor dieses Artikels hat etwa 25 Jahre lang (gern) geraucht. Ihm waren die Gefahren dabei immer bewusst, weshalb er vor fünf Jahren auch damit aufgehört hat.
Source: welt.de