Wer verdient am Musikstreaming?

 Kopfhörer liegen auf dem Bildschirm eines Smartphones, auf dem das Logo vom Musikstreaming-Dienst Spotify angezeigt wird.

Stand: 13.03.2026 • 16:44 Uhr

Herbert Grönemeyer nennt es „das größte Idiotensystem im Kapitalismus“. Gemeint ist das Vergütungsmodell von Streaming-Plattformen. Musikschaffende beschweren sich schon lange darüber. Nun wird die Politik aktiv.

Von Kai Salander, rbb

Sängerinnen und Sänger wie Dota, Balbina oder Herbert Grönemeyer erreichen über Streamingplattformen ein Millionenpublikum. Doch der Hörerfolg zahlt sich für sie nicht aus. Von den Cent-Bruchteilen, die pro Musikstream anfallen, können sich die meisten Kreativen kaum mehr ein Eis kaufen. Vorbei sind die Zeiten, in denen ein Weihnachts-Hit oder Chart-Erfolg quasi über Nacht zu Reichtum geführt hat.

Musikstreaming boomt, aber die Tantiemen sind offenbar ungleich verteilt. Das will Kulturstaatsminister Wolfram Weimer ändern und hat zu insgesamt drei runden Tischen mit Akteuren der Musikbranche eingeladen. Nach Gesprächen mit Kreativen im Dezember hat er nun Vertreter der Majorlabels Warner, Universal und Sony an einen Tisch geholt, um über das prekäre Tantiemen-Modell zu sprechen.

Ein paar Wenige verdienen viel

Aus Sicht vieler Bands und Acts sorgt vor allem das Erlösmodell der großen Streamingplattformen für fehlende Fairness. Das Prinzip ist simpel. Alle Einnahmen aus Premium-Abos und Anzeigen fließen zunächst in einen großen Topf. Danach verteilt sich das Geld nach Marktanteilen. Musikschaffende mit den meisten Streams bekommen den größten Anteil – das sogenannte Pro-Rata-System. Wer also monatlich zehn Euro für einen Streaming-Account zahlt, aber fast nur lokale Indie-Bands hört, finanziert mit seinem Beitrag auch Megastars wie Taylor Swift oder Rapper Drake.

Die Berliner Sängerin Balbina kritisiert dieses System scharf: „Unter ein Prozent der Künstler, die auf diesen Plattformen stattfinden, verdienen 90 Prozent des Geldes“, sagt sie. Alle anderen, die nicht ständig geklickt würden, gingen im System weitgehend leer aus. Musik dürfe nicht danach bewertet werden, wie oft sie im Hintergrund läuft, sondern danach, ob Menschen sich bewusst für einen Song entscheiden, so Balbina.

Kritik auch an Musiklabels

Aber nicht nur Spotify steht in der Kritik. Laut einer Studie der Beratungsfirma Goldmedia im Auftrag der GEMA erhalten die Majorlabels mehr als 42 Prozent der Streaming-Erlöse, während die Plattformen knapp 30 Prozent behalten. Für die Kreativen bleiben nur rund 22 Prozent übrig.

Dabei geht es auch anders: Anbieter wie das französische Qobuz oder die US-Plattform Tidal zahlen laut Künstlerangaben rund 0,7 Cent pro Stream – mehr als doppelt so viel wie Branchenprimus Spotify mit etwa 0,3 Cent. Spotify habe signalisiert, über Änderungen zu sprechen, doch aus ihrer Sicht blockieren vor allem die Labels den Umbau des Systems.

Florian Drücke, Chef des Bundesverbandes Musikindustrie, hat den Vorwurf der unfairen Vergütung nach dem jüngsten runden Tisch zurückgewiesen. Er verweist auf das Risiko: „Die Seite der Investoren wird viel zu oft vergessen. Unsere Mitglieder investieren, sie gehen ins Risiko.“ Das Streamen von Musik habe der Branche zwar wieder Wachstum gebracht. Der harte Wettbewerb sei aber das eigentliche Problem, argumentiert er. Jeden Tag würden rund 120.000 neue Songs bei Spotify hochgeladen.

Spotify-Boykott wäre finanzieller Suizid

Wenn das System derart schief ist, drängt sich schnell eine Frage auf: Warum kehren Künstlerinnen und Künstler Spotify nicht einfach den Rücken? Sängerin Dota sagt: Ein Boykott käme einem finanziellen Suizid gleich.

Die Berliner Liedermacherin findet klare Worte für das Streaming-Dilemma: „Den Schritt da wegzugehen, kann man nur einmal machen. Und dann schneidet man sich hauptsächlich ins eigene Fleisch.“ Spotify habe im Markt eine solche Macht erreicht, dass der größte Teil der Streaming-Erlöse trotzdem von dort komme – trotz der niedrigen Sätze, so Dota.

Ein weiteres Problem ist ihr zufolge, dass viele Nutzerinnen und Nutzer eher passive Hörerinnen und Hörer seien. Sie abonnierten fertige Playlisten oder vertrauten automatischen Vorschlägen. Diese Hörgewohnheiten ließen sich kaum zu einer anderen Plattform mitnehmen. Wer Spotify verlässt, verliere deshalb meist auch einen großen Teil seiner Reichweite. Genau darin liegt für Dota eine weitere Herausforderung: Streamingdienste bestimmen stark mit, was überhaupt gehört wird. Algorithmen und kuratierte Playlisten entschieden darüber, wer sich auf dem Markt durchsetzt und wer unbekannt bleibt.

Musiker fordern Fairness

Wie also lässt sich mehr Fairness auf den Musikplattformen erreichen? In der Branche kursieren mehrere Vorschläge. Einer davon ist das nutzerzentrierte Modell. Dabei gehen die Abo-Gebühren der Hörerschaft direkt an die Künstler, die tatsächlich gehört worden sind. Sängerin Balbina sieht genau dort einen wichtigen Hebel. Wenn jemand mit seinem Account nur zwanzig Künstler hört, dann soll das Geld dieses Accounts auch nur an diese zwanzig Künstler fließen – und nicht an die Highperformer der Plattform.

Die Wirtschaftswissenschaftlerin Jana Costas von der Europa-Universität Viadrina hat zu diesem Thema eine Studie durchgeführt und warnt vor zu einfachen Lösungen: „Musikschaffende, und das zeigt unsere Studie auch, haben eine begrenzte Marktmacht.“ Das erkläre, wieso sie sich genau nicht durchsetzen können und wieso unter anderem ihre Vergütung so gering ist, so Costas. Darüber hinaus argumentieren Streamingplattformen, eine so kleinteilige Methode der Vergütung sei technisch zu teuer und aufwendig.

Was viele Musikschaffende jetzt fordern

Solange Streamingplattformen und Majorlabels an ihren Modellen festhalten, wünschen sich viele Musikschaffende zumindest mehr Klarheit. Für viele Kreative bleibt das Streaminggeschäft eine Blackbox mit geheimen Verträgen und schwer nachvollziehbaren Geldströmen. Deshalb fordern Bands und Acts längst nicht nur höhere Sätze pro Stream, sondern auch fairere Regeln.

Im Kern geht es um drei Punkte: Das Geld der Nutzer soll vermehrt bei den Künstlern landen, die tatsächlich gehört werden. Playlisten und Algorithmen sollen transparenter werden. Außerdem wollen Musikschaffende bei diesen Fragen selbst mitreden – nicht nur ungefragt am Spielfeldrand stehen.

Der Streit ums Musikstreaming dreht sich längst nicht mehr um ein paar Nachkommastellen. Es geht um die Frage, wer in diesem Markt überhaupt noch bestehen kann. Ohne Musik gäbe es keine Plattformen. Umso lauter wird nun gefragt, warum ausgerechnet bei denen, die Songs aufnehmen und schreiben, oft so wenig landet.

Source: tagesschau.de