Irankrieg und Europa: Wirtschaftsberater sehen EU-Haushalte durch Strompreise belastet

Der Krieg im Iran hat Auswirkungen auf Energie- und Lebensmittelpreise, die Experten zufolge aber bisher nicht mit der Krise nach dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine vergleichbar sind. Das schreibt der wissenschaftliche Beraterkreis des Bundeswirtschaftsministeriums in seinem Kurzgutachten zu den möglichen wirtschaftlichen Folgen der militärischen Eskalation im Nahen Osten für Europa, das der ZEIT vorliegt. „Die Konsequenzen für die deutsche und europäische Wirtschaft hängen vor allem von der Dauer der Beeinträchtigungen der Seewege und der Energieversorgung ab“, schreiben die Berater in ihrer Mitteilung dazu.

Das dürfte auch die Haushalte und Unternehmen in Europa belasten, schreiben die Gutachter. Kurzfristig dürften die Energie-, Sprit- und Strompreise steigen. In Europa steige damit dann auch die Inflationsrate, was den Konsum teurer macht. Mittelfristig dürften den Beratern zufolge auch die Düngemittelpreise steigen. „Stickstoffdünger wie Ammoniak und Harnstoff werden überwiegend aus Erdgas hergestellt“, schreiben die Berater. Zudem ist die aktuelle Kriegsregion Teil einer wichtigen Handelsroute dafür. Damit dürften auch Lebensmittel teurer werden.

„Deutschland trifft diese Entwicklung in einer wirtschaftlich angespannten Lage“, schreiben die Berater. Ziel müsse es nun sein, in Europa gemeinsam zu handeln. „Die Erfahrungen aus der Corona- und der Energiekrise zeigen, dass koordinierte europäische Beschaffung und temporäre Stabilisierungsinstrumente wirksam sein können.“

Internationale Auswirkungen geringer als 2022

Wirtschaftliche Folgen hat der Krieg vor allem für die Energie. Die Eskalation habe insgesamt „erhebliche Auswirkungen auf die globalen Öl- und Gasmärkte“, da etwa 20 Prozent der globalen Lieferungen von Öl und Flüssigerdgas (LNG) durch die Straße von Hormus geführt würden, schreiben die Berater. Diese ist aufgrund des Kriegs mit dem Iran aber nicht mehr passierbar. Deshalb ist bereits jetzt der Preis für die fossilen Energieträger gestiegen. Sie könnten weiter steigen, da die Öl- und Gasförderstaaten im Nahen Osten zudem nur eine bestimmte Menge an Rohstoffen lagern könnten – und deswegen bereits teilweise die Förderung reduziert haben.

Betroffen sind dem Gutachten zufolge vor allem asiatische Länder, da der größte Teil des durch die Straße von Hormus gelieferten Öls für asiatische Märkte bestimmt sei, allen voran China, welches elf Prozent seiner Ölimporte aus dem Iran bezieht. Pipelines von Saudi-Arabien oder den Vereinigten Arabischen Emiraten könnten den Lieferengpass nur etwas abfangen. Experten rechneten deshalb teilweise mit einer Ölpreissteigerung auf bis zu 150 Dollar pro Barrel – bisher waren es zeitweise bereits um die 100 Dollar. Nach dem Produktionsstopp Katars von Gas sei auch hier der Preis stark gestiegen, auf zeitweise 60 Euro pro Megawattstunde.

Auch die langfristigen Auswirkungen auf die globalen Lieferketten
dürften besonders Deutschland als exportorientierte Wirtschaftsnation
treffen
. Steigende Energiepreise bedeuten etwa höhere Kosten für den Transport von Produkten in andere Länder.

Europa ist besser vorbereitet

Zugleich stellt der Beraterkreis fest, die Preissteigerung bei der Energieversorgung sei „bei Weitem nicht vergleichbar mit den Anstiegen infolge des russischen Angriffskriegs von 2022″ auf die Ukraine. Das liege auch daran, dass die Politik auf die wirtschaftlichen Auswirkungen des Angriffskriegs auf die Ukraine reagiert habe. „Insbesondere Europas Gasversorgung ist jetzt sehr viel diversifizierter aufgestellt“, schreiben die Berater. Dennoch fehle es an einer größeren Zahl langfristiger Verträge zur LNG-Lieferung, da sich Europa nicht langfristig an diesen fossilen Energieträger binden will.

Zudem treffe die Energiekrise die EU-Staaten diesmal indirekter. „Anders als 2022 trifft eine Verknappung Europa nicht direkt, sondern vor allem asiatische Abnehmer, da der Großteil des LNG aus Katar in diese Märkte fließt“, heißt es in dem Gutachten. Dennoch könnte Europa von erheblichen Preissteigerungen für Energie betroffen sein, da die Preise so generell stiegen.

Weniger betroffen dürften den Beratern zufolge tatsächlich die Menschen in den USA sein, da das Land selbst Gas fördert, und das vor allem für den heimischen Gebrauch. Doch eine „länger andauernde Eskalation im Umfeld der Straße von Hormus hätte erhebliche Auswirkungen auf den globalen Gasmarkt“. Generell stelle der Krieg aber eine Belastung für die internationalen Lieferketten dar – und könnte auch andere Konflikte, etwa in der Ukraine, beeinflussen.

Politik soll Gasspeicher füllen und langfristig planen

Unternehmen könnten selbst auf die gestiegenen Preise für fossile Energieträger reagieren, indem sie die Produktion drosselten oder auf andere Energieträger auswichen. Da Unternehmen das jedoch bereits seit 2022 tun müssten, seien die Möglichkeiten nicht mehr so groß. Gleiches gelte für die Verbraucher: Viele Haushalte hätten bereits seit 2022 eingespart und könnten mit dem Energieverbrauch nicht weiter heruntergehen.

Frankreich ist nach Angaben der Berater weniger von der Krise betroffen, da das Land die ausfallenden fossilen Energieträger teilweise mit Atomenergie ausgleichen könne. Spanien sei weniger betroffen, da das Land konsequenter auf erneuerbare Energien umgestellt habe.

Die Berater raten der Politik zu einer Stabilisierung der Energieversorgung, indem die Gasspeicher gefüllt würden und Gas aus verschiedenen Quellen bezogen werde. Normalerweise würden in den Sommermonaten die Speicher gefüllt, da der Preis wegen des geringeren Verbrauchs niedriger sei – das könne bei einem anhaltenden Krieg in diesem Jahr jedoch anders sein. Hier müsse deswegen die Politik mit darauf achten. Wichtig sei aber: „Eine strategische Gasreserve kann nur sinnvoll implementiert werden, wenn dafür zusätzliche Speicherkapazitäten geschaffen werden.“ Private Gasspeicher sollten davon nicht beeinträchtigt werden.

Ziel ist eine langfristige Vorbereitung

Energiepreise sollten aber nicht „pauschal“ subventioniert werden, schreiben die Berater. Gestiegene Preise an Tankstellen etwa seien nicht unbedingt ein Zeichen dafür, dass der Markt von Energiepreisen nicht mehr funktioniere, weswegen ein Eingreifen kontraproduktiv wäre. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) hatte angekündigt, die Benzinpreise prüfen lassen zu wollen, und Preissteigerungen an Tankstellen eingegrenzt. Auch der europäische Emissionshandel solle trotz der wohl steigenden Preise nicht beeinträchtigt werden, da er sich „als zentrales Instrument zur kosteneffizienten Reduktion von Treibhausgasemissionen etabliert“ habe.

Stattdessen raten die Berater zum Abschluss langfristiger Gasbeschaffungsverträge mit Lieferanten. Dafür müssten auf EU-Ebene die Möglichkeiten geschaffen werden – im Moment hinderten Klimaziele etwa die EU an langfristigen Verträgen. Auch zu einer Ausweitung der Gasförderung in Deutschland wird geraten und „die Gasextraktion etwa durch Fracking zu erlauben und ernsthaft zu prüfen, um die Abhängigkeit von ausländischen Lieferanten zu reduzieren“. Europa müsse insgesamt seine „wirtschaftliche und energiepolitische Resilienz“
stärken.

Schließlich schreiben die Berater: „Sollte es im Iran zu einem politischen Wandel und in diesem Zuge zu einer schrittweisen Aufhebung der Sanktionen kommen, könnte dies auch für die deutsche und die europäische Wirtschaft beträchtliche Chancen eröffnen.“ Zu dem Rat gehören die Wirtschaftsweise Veronika Grimm, der ehemalige Wirtschaftsweise Volker Wieland sowie die Wirtschaftswissenschaftler Justus Haucap und Stefan Kolev.

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