Essay | „Das Wolfram war welcher Endgegner“: David Hugendick schreibt gut sein Stottern
Wie macht man aus einem Handicap eine Stärke? Der preisgekrönte Kulturjournalist David Hugendick zeigt es in seinem Buch „Jetzt sag doch endlich was“. Ein witziges, schmerzhaftes und brillantes Werk
Der Kulturjournalist David Hugendick musste wegen seines Stotterns einige Worte umgehen – so wurde aus dem Wort „cool“ das Wort „famos“
Foto: Annika Nagel
Wussten Sie, dass Moses stotterte? Eine Passage des Alten Testaments legt das zumindest nahe. Dieser Fakt ist nur einer von vielen „Fun Facts“ übers Stottern, die man in David Hugendicks Buch Jetzt sag doch endlich was nachlesen kann. „Fun Fact“, das klingt natürlich böse. Das klingt so, als könne man sich über das Stottern lustig machen. Aber genau das tut das Buch.
Nicht über die stotternde Person lacht es, sondern über die Realität des Stotterns. Der Autor ist, sehr zum eigenen Leidwesen, bestens mit ihr vertraut. Denn David Hugendick, preisgekrönter Kulturkorrespondent der Zeit, stottert. „Du redest wie ein Wasserfall, ich rede wie ein Stausee. Fließend sprechen ist eine eigene Sprache, und bis heute trage ich, wenn ich einen Lebenslauf ausfüllen muss, ‚Deutsch: fast fließend‘ ein.“
Was sein Buch auf beeindruckende Art erfahrbar macht: dass das Stolpern über Wörter, Silben und Buchstaben in so auffälligem Gegensatz zur sprachlichen Gewandtheit des Autors steht; was nicht überraschen muss, schließlich ist Stottern eine Störung des Sprechens und nicht des Denkens. Trotzdem wird die eigentliche Bredouille des Stotterers gerade in dieser Diskrepanz zwischen flinkem Denken und Verzögerung der Artikulation schmerzhaft bewusst.
Allenthalben muss der Leser lachen
Hugendick wächst mit zwei älteren Schwestern und einem Zwillingsbruder auf; schwierig genug, sich durchzusetzen, zu Wort zu kommen, gegen die naturgemäß wortgewandteren Geschwister. Und dann ist da eben das Stottern, das Zeit erfordert, Zeit, die man nicht hat, wenn die anderen schon weiterreden oder mal wieder eine griffige Pointe heraushauen. „Und wenn es zu lange dauerte, meine Geschwister allzu unruhig wurden, sagte meine Mutter dann: Vielleicht erzählst du uns das einfach später zu Ende?“
Der Autor erzählt, wie er mithilfe eines Thesaurus versuchte, Alternativbegriffe für schwierige Wörter zu finden. Denn nicht jeder Konsonant oder Laut ist im selben Maße unbezwingbar. Manche bilden eine unüberwindbare Hürde, andere lassen sich ganz gut meistern. Wenn man doch nur die schwierigsten unter ihnen vermeiden könnte, das W etwa … „Das W war der Endgegner, der Dr. Doom aller Konsonanten.“
Sich den thesaurierenden Teenager beim geistigen Umformulieren vorzustellen (er findet Dinge „famos“, weil ihm „cool“ nicht über die Lippen gehen will), das ist schon urkomisch, obwohl man sich, natürlich, des Lachens schämt. Aber das ist der Punkt: Allenthalben muss der Leser lachen, schämt sich ein bisschen, und er erfährt so, wie es ist, wenn eine Äußerung von der Scham überwuchert wird. Jetzt sag doch endlich was ist ein Pointenfeuerwerk.
Die Pointen peitschen in rascher Folge von Absatz zu Absatz
Ein wenig so, als wolle der Autor den Lesern beweisen, dass er „witty“ ist, also unbedingt wortbegabt und witzig. Kaum ein Absatz kommt ohne einen abschließenden „Pun“ aus, die „punch lines“ drohen den Leser manchmal zu erschlagen. Etwa, wenn der Autor sich weigert, beim Bäcker ein „Krüstchen“ oder eine Schrippe zu bestellen, „um nicht von der peinsamen Namensniedlichkeit deutscher Backwaren erst innerlich zerrüttet und gewaterboarded zu werden“.
Jegliche Form des lesenden Mitleidens wird so von vornherein verunmöglicht. Bei Hugendick gewinnt man den Eindruck, dass ihm der mitleidvolle Blick des Lesers schon in der Erwartung ein Grauen ist; deswegen müssen die Pointen in rascher Folge von Absatz zu Absatz peitschen, damit man nur ja keine Zeit hat, kurz zu überdenken, wie schwierig es sein muss, in diesem Zeitalter der Ultraschnell-Kommunikation etwas länger zu benötigen, um das ein oder andere Wort hervorzubringen.
Nur ganz am Anfang, parataktisch eingehegt, da liest man etwas, das man psychologisierend als Ursache benennen möchte: „das auf dem Foto ist dein Vater, das ist ein Witwenrentenbescheid, und das bist du, du heißt David, und jetzt sprich mir nach.“ Im Anfang ist eben nicht nur das Wort, sondern auch die Leerstelle. Das Unaussprechliche, das zur unüberwindbaren Hürde wird.
Jetzt sag doch endlich was David Hugendick Ullstein 2026, 160 S., 21,99 €