Wettbewerb dieser Finanzplätze: Hessens Landesregierung will Frankfurt in die Top 10 einbringen
Zu wenig Kapital von Privatleuten fließt in den Kapitalmarkt. Dieser Ansicht sind nicht mehr nur viele Finanzakteure am Finanzplatz Frankfurt. Dass ein tiefer Kapitalmarkt wichtig ist, um die von der neuen Bundesregierung vor einem Jahr geschaffenen staatlichen Sonderkredite für Investitionen in Verteidigung und Infrastruktur zu vervielfachen, setzt sich auch in der Politik als Leitidee zunehmend durch. Hessens Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) sagt: „Auf unsere Initiative hin hat auch die Bundesregierung die Finanzplatzentwicklung zu einer ihrer Topprioritäten gemacht.“ So steht es im Grußwort Rheins im ersten Finanzplatzbericht, den sein Stellvertreter, Wirtschaftsminister Kaweh Mansoori (SPD), gemeinsam mit Vertretern der Finanzindustrie am Donnerstag vorstellte.


Mansoori ließ keinen Zweifel daran, dass sich mit diesem Finanzbericht, der an die Arbeit der Deutschen Finanzplatzinitiative anschließt, Erwartungen an Politiker in Berlin und Brüssel verbinden zur Stärkung des Finanzplatzes. Oliver Behrens, Präsident der Finanzplatzinitiative Frankfurt Main Finance, nannte als Ziel, dass Frankfurt in den Ranglisten der Finanzplätze zügig von Platz zwölf unter die größten zehn der Welt aufrückt. Dafür liefere der Bericht klare Arbeitsaufträge. Damit der Lobbyverband seine Aufgaben besser erfüllen kann, wird sein Budget aufgestockt – von 17 Prozent auf 50 Prozent dessen, was Luxemburg zur Verfügung stelle.
Zu den Aufgaben Hessens gehört es für Mansooi, eine Willkommenskultur für ausländische Finanzfachkräfte zu fördern. Der Datenaustausch zwischen Behörden soll beschleunigt werden, damit Arbeitserlaubnisse zwei bis drei Monate schneller („fast lane“) ausgestellt werden, erläuterte Mansoori auf Nachfrage. In der Vergangenenheit hatte es Beschwerden über eine zu langsam arbeitende Ausländerbehörde gegeben.
Zur Lage im Frankfurter Bahnhofsviertel, das von Mitarbeitern und Kunden auf dem Weg zu den Zentralen etwa der Deutschen Bank und der DZ Bank durchquert werden muss, sagte der Minister, die Landesregierung gehe im Kampf gegen gefährliche „No-go-Areas“ und das Erscheinungsbild Frankfurts schädigende Vermüllung dort zweigleisig vor: Angebote für Schwerstsuchtkranke schaffen und klares Vorgehen gegen organisierte Kriminalität. Mansoori regte zudem an, den Zugang zu Bahngleisen mit Barrieren zu beschränken, wie es am Flughafen üblich ist.
18 Prozent der Deutschen sind Aktionäre
Im Zentrum des Finanzplatzberichts steht die Frage, wie privates Kapital stärker mobilisiert werden kann. Privatleute müssten gedanklich weg vom Sparen hin zum Investieren, heißt es. Nur 18 Prozent der Deutschen halten Aktien, was Nikolaus Sutter von der Deutsche Börse AG „steigerungsbedürftig“ nannte. Immerhin 24 Prozent der Deutschen besitzen Fonds, davon gut ein Drittel Indexfonds (ETFs), und 39 Prozent sparen für die private Altersvorsorge unter anderem mit Versicherungen. Doch für einen tieferen Kapitalmarkt braucht es mehr. Das zeigt sich etwa bei Börsengängen. 2025 wurden in Europa von neu an die Börsen gehenden Unternehmen für 57 Milliarden Euro Aktien verkauft, in Deutschland waren es nicht einmal zwei Milliarden Euro. Und schon börsennotierte Unternehmen stocken selten ihr Kapital weiter auf.
Fondsverband BVI kritisiert „Verbraucherschutz“ durch Brüssel
Thomas Richter, Hauptgeschäftsführer des Fondsverbandes BVI, sieht vor allem Politiker in Brüssel noch oft „auf dem falschen Dampfer“. Durch Regeln zur Wertpapieranalyse wie Mifid 2 und Basisinformationsblätter (PRIPs) habe „Brüssel“ in der Vergangenheit falsch verstandenen Verbraucherschutz betrieben und Pflichtangaben zu einem möglichen Totalverlust verlangt, ähnlich wie in der Tabakwerbung. Damit würden Anleger vom Kauf von Wertpapieren abgeschreckt, kritisierte der BVI-Hauptgeschäftsführer.
Immerhin gebe es in Deutschland künftig mit dem staatlich geförderten Altersvorsorgedepot ein Riester-Nachfolgeprodukt, das ohne Verlustgarantien auskomme. So viel Wahlfreiheit sei vor fünf Jahren noch nicht denkbar gewesen, lobte Richter. In Brüssel dagegen versuche man, mit einer neuen Superbehörde die Kapitalmarktunion voranzutreiben, doch so entstünden keine Märkte. SPD-Politiker Mansoori gibt zu: „Wenn wir die Absicht hätten, jedes erdenkliche Risiko abzusichern, dann geht nicht viel voran.“ Den Menschen müssten durch mehr Finanzbildung unbegründete Ängste genommen werden. Am Ende müsse aber jeder selbst entscheiden, welche Risiken er in der Wertpapieranlage eingehe.
Source: faz.net