Die verlorenen Bilder aus dem Chelsea Hotel

Im legendären Hotel Chelsea lebte die New Yorker Boheme. Der deutsche Fotograf Albert Scopin fotografierte dort zwei Jahre lang, doch die Bilder galten als verloren. Bis sie Jahrzehnte später wieder auftauchten. Ein Trip ins Jahr 1970.

Unter den berühmten Künstlerhotels ist das Hotel Chelsea in New York das berüchtigtste. War, muss man sagen. Mittlerweile wurde es in ein ziemlich normales Hotel verwandelt – angeblich auch in ein saubereres. Der backsteinerne Zwölfgeschosser mit seinen gusseisernen Balkonen an der West 23rd Street galt lange als üble Absteige.

Die vielen Künstler, Literaten und Filmemacher störte der niedrige Standard jedoch nicht. Sie stiegen gerade wegen der Atmosphäre dort ab: weil die Zimmer in den unteren Etagen relativ günstig waren, weil man monate-, ja, jahrelang bleiben konnte – und weil der Hotelier Stanley Bard nicht viele Fragen stellte.

Über Jahrzehnte war das Hotel Chelsea der place to be für die Boheme. Jack Kerouac hackte hier seinen Beat-Klassiker „Unterwegs“ in die Tasten. William S. Burroughs und Allen Ginsberg trieben sich auf denselben Fluren herum. Arthur Miller verschmerzte im Chelsea seine Trennung von Marilyn Monroe.

Das Drehbuch für Stanley Kubricks „2001: Odyssee im Weltraum“ entstand hier – Arthur Clarke lebte sogar 16 Jahre im Hotel. Und Robert Mapplethorpe und Patti Smith wohnten und arbeiteten (Ateliers gab es auch) im Chelsea, als sie noch ein völlig unbekanntes Künstlerpaar waren.

Albert Schöpflin war noch viel unbekannter, als er 1969 in Manhattan ankam und in den Mikrokosmos Chelsea eintauchte. Der junge Fotograf aus Süddeutschland mietete eine „Art Dunkelkammer mit Wasseranschluss“, wie er später erzählte, und assistierte tagsüber dem Modefotografen Bill King.

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Abends veranstaltete er Nacktshootings, bei denen sich Schöpflin als interessierter Beobachter bewegte. Die mentale wie sexuelle Offenheit der Szene empfand er als befreiend. Bei einem dieser Shootings freundete er sich mit Patti Smith, die gerade begann, Songs zu schreiben, und mit Mapplethorpe an, der damals noch Collagen klebte.

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Das Hotel wurde für Albert Schöpflin, der sich später Scopin nannte, zum Motiv. Er begann, Licht und Schatten der Korridore, der Räume, der Menschen festzuhalten. Zwei Jahre blieb er. 1971 schickte er einen Stoß Diapositive an das gerade gegründete „Zeit-Magazin“. Die Fotos illustrierten eine Reportage über das „verrückteste Hotel der Welt“ – und landeten anschließend im Archiv des Hamburger Verlags.

Hotel Chelsea – ein Schmelztiegel in New York

Zehn Jahre später wollte der Fotograf seine Dias zurück. Doch im Archiv konnte sie niemand mehr finden. Eine Empfangsquittung hatte er damals weder erhalten noch eingefordert, und so verrauchte der Ärger über den Verlust schnell. Er war nach Deutschland zurückgekehrt, hatte ein Fotostudio eröffnet, eine Familie gegründet. Die Zeit in New York war prägend gewesen – aber die Erinnerungen wichtiger als das verschwundene Material.

Als das „Zeit-Magazin“ Anfang der 2000er-Jahre eine Geschichte über Patti Smith plante, erinnerte man sich an die Fotos – und fragte ausgerechnet bei Scopin an. Der verwies genervt auf das Archiv. Doch dort waren sie ja nicht mehr. Weitere Jahre vergingen. Scopin hatte die Kamera längst zur Seite gelegt und sich anderen Ausdrucksformen zugewandt, als ihn 2016 ein Brief erreichte. Der Göttinger Galerist Gerd Ahlers schrieb, dass Negative und Abzüge von Motiven aus dem Hotel Chelsea seit Kurzem in seinem Besitz seien – und fragte, ob er, Scopin, der Fotograf sei.

Wie die Bilder aus dem Zeitungsarchiv in den Kunsthandel gelangten, bleibt bis heute unaufgeklärt. Dass sie jedoch ein zeithistorisches Dokument von eigener künstlerischer Kraft darstellen, steht außer Frage. Jetzt sind sie in einem umfangreichen Bildband versammelt, der noch einmal ins Milieu des Hotel Chelsea entführt:

Wir sehen die Lobby, in der Hotelmanager Stanley Bard die Kunstwerke jener Mieter aufhängte, die ihre Rechnung nicht mit Dollar begleichen konnten. Wir beobachten Patti Smith mit einem Revolver, den sie wie ein Spielzeug bei sich trug, und Mapplethorpe im Chaos ihres Zimmers. Wir begegnen „Chelsea Girls“ wie Chancy, Vali oder Lola; einer namenlosen Frau am Kamin, dem lustigen Ehepaar Shapshak mit seinen Hunden und den wilden Kindern, die im Hotel aufwuchsen.

Es ist der Blick in eine vergangene Epoche, als New York noch das unangefochtene Zentrum der Boheme war – und das Chelsea Hotel sein Schmelztiegel. Dreißig der wichtigsten wiederentdeckten Originalfotografien von Albert Scopin werden bis zum 4. April 2026 in der Berliner Galerie Feldbusch Wiesner Rudolph ausgestellt (Editionen in einer Auflage von 15 bis 20 Exemplaren kosten zwischen 900 und 980 Euro); der Fotoband ist im Kerber-Verlag erschienen (176 Seiten, 118 Abbildungen, 38 Euro).

Die Ausstellung „Scopin. Chelsea Hotel“ eröffnet am 13. März 2026 um 18 Uhr in der Galerie FWR in Berlin.

Source: welt.de