Der wahrscheinlich irritierendste Film des Jahres

Ann Lee war die Gründerin der Shaker-Sekte, einer spirituellen Bewegung des 18. Jahrhunderts. Das rätselhafte Musical über die Legende einer weiblichen Erlöserfigur lässt einen nicht mehr los.

Es gibt Filme, die schaffen, was wahrscheinlich nur Kino kann. Man sitzt im Kino, im Dunkeln. Und will weg, ins Licht, raus. Und will bleiben. Steht schon an der Tür. Und setzt sich wieder hin. Gebannt, verschreckt, erschüttert, abgestoßen. Von dem, was man sieht, was man hört. Von einem Gesicht. Von einer Geschichte, von der man ahnt, dass sie einen noch Tage später nicht loslassen wird. „Das Testament der Ann Lee“ ist so ein Film.

Ann Lee – 1736 in Manchester geboren, 1774 nach Amerika geflüchtet, 1784 in Watervliet im Staate New York gestorben – war die Gründerin, die Urmutter der Shaker-Sekte. Einer radikal freikirchlichen Bewegung, die fast mehr Spuren in der Geschichte von Kunsthandwerk und Innenarchitektur hinterlassen hat als in der Geistes- und Religionsgeschichte. Warum sie Shaker hießen, die Jünger der Ann Lee, sieht man in den ersten Minuten von Mona Fastvolds Biopic. Da staken seltsame Figuren durch einen lichten Wald. Man hört einen streng rhythmisierten, archaischen Choral. Sie führen eine Art christliches Tai-Chi aus. Sie rütteln sich, sie schütteln sich. Sie tanzen wie Derwische in Zeitlupe. Tanzen ist den Shakern Ekstase, Befreiung der Seele, Befreiung zu Gott.

Und schon nach diesen ersten Minuten weiß man, dass man mit der Haltung, die man gegenüber historischen Filmdramen gern einnimmt, bei dieser konsequent mit analogem Filmmaterial gedrehten Moritat in drei Akten samt einer Ouvertüre nicht weiterkommt. Fastvold macht kein Bildungshollywood für die gehobenen Stände, die sich sanft in die Kinosessel fallen lassen und etwas lernen wollen über Leute und eine Zeit, die sie eigentlich ganz gut zu kennen glaubten. Fastvold macht radikales Kino. Sie will einen nicht loslassen. Sie will einen mitreißen in den Kern einer Figur, eines geschichtlichen Moments. Den sie so lange bis in seine historischen Tiefen ausleuchtet, dass er als Metapher für unsere Gegenwart erkennbar wird.

Ann Lee wächst im Elend auf. Die Industrialisierung beginnt gerade in den Baumwollspinnereien von Manchester. Frauen sind Gebärmaschinen, sie werden von Männern genommen. Begehren, lernt Ann, während sie ihren Eltern beim Sex zusieht, führt in die Unfreiheit. Sie heiratet einen Schmied, er nimmt sie, wie ihr Vater die Mutter genommen hat. Vier Kinder, unter höllischen Schmerzen von Ann Lee geboren, sterben, bevor sie ein Jahr alt sind. Dass dieser Schmerz, dieses Trauma Ursprung des strengen Zölibat-Gebots der Shaker war, ist so ziemlich die einzige Psychologisierung, die sich Mona Fastvold erlaubt.

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Ann schließt sich in ihrem spirituellen Drang den Methodisten an. Schon die waren der britischen Staatskirche suspekt. Was sich aus den Zusammenkünften der angehenden Shaker allerdings entwickelt – eine antipatriarchale, radikal auf Gleichberechtigung der Geschlechter und überhaupt aller Menschen und dem Prinzip der Freiheit aufgebaute Kirche –, begriff die religiöse Obrigkeit als Generalangriff auf ihr Gesellschaftskonstrukt. Ann, die Visionen hat, „Mutter“ genannt wird und als zweiter Jesus, als wiedergeborener Erlöser verehrt wird, flieht mit ihren Gläubigen übers Meer ins Land der Freien, nach Amerika.

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Und insofern setzen Mona Fastvold und ihr Partner Brady Corbet fort, was sie mit dem Architektendrama „The Brutalist“ begonnen haben. Schon das – die fiktive Biografie eines ungarisch-jüdischen Architekten, der vor den Nazis in die USA flieht – war letztlich die Geschichte einer Fremdheit, einer amerikanischen Desillusionierung.

Auch die Legende der Ann Lee geht natürlich nicht gut aus. Die Shaker finden das angeblich gelobte Land der Freiheit, gründen in der Idylle fernab von New York, in Niskayuna, das heute Watervliet heißt, eine Gemeinde. Sie leben und arbeiten. Sie bauen Häuser von strenger Schönheit und radikaler Einfachheit. Sie lehnen die Sklaverei ab und jegliche Beteiligung an kriegerischen Auseinandersetzungen, nicht mal für eine vermeintlich gute Sache. Sie missionieren, sie haben Erfolg. Und dann holt das Patriarchat, das Frauen immer und überall einholt, auch die Shaker ein. Eine Hexenjagd beginnt.

Ambivalenzen muss man mögen

Das hätte ein Passionsspiel werden können, eine Heiligenlegende für Evangelikale, ein satirisches Spektakel für Skeptiker jeglicher Form von Spiritualität. Ein bisschen zurechtgebogen sogar eine Abrechnung mit religiösem Fanatismus. Das alles ist „Das Testament der Ann Lee“ aber nicht geworden. Mona Fastvold folgt in ihrem Erweckungs- und Selbstermächtigungs-Musical – man meint manchmal einen Hauch von Widerwillen zu spüren – den Spuren der Ann Lee mit einer Lust zur Ambivalenz, mit einer Offenheit, die man aushalten muss, es aber manchmal schwer schafft. Sie lässt eine Gefolgsfrau der Mutter Ann erzählen, die ungefähr ihre Position einnimmt. Eine Art anteilnehmende Distanz, ohne die Mona Fastvolds beinahe mutwillig grandiosen Bilder nicht zu ertragen wären, die Szenen des Elends und der Exaltationen.

Es wird – auch das muss man aushalten – ekstatisch getanzt. Die Choreografien von Celia Rowlson-Hall sind von einer überwältigenden Wucht, erzählen die Geschichte der Bewegung in die ritualisierte Unfreiheit einer Sekte mit – von den wilden, freien Urschrei-Tänzen in Manchester zu den strengen, stampfenden Kreistänzen von Niskayuna. Und Daniel Blumberg – der für den Score zu „The Brutalist“ den Filmmusik-Oscar bekam – hat Shaker-Songs und Gospel genommen, modernisiert, dramatisiert und ein Singspiel geschrieben, dessen messerscharfe Rhythmen und melancholisch-gebrochene Gläubigkeit jedem kirchenmusikabholden Kinogänger durch Kopf und Seele schneidet.

Und dann ist da Amanda Seyfried, die sich mit einer geradezu übermenschlichen Wucht in diese Figur gestürzt hat. Die ihre Härte zeigt, ihre Verhärtung, ihr Charisma. Die bis zur Selbstaufgabe singt und tanzt. Man macht sich fast Sorgen. Ist ständig angezogen und abgestoßen von ihrer Ekstase, ihrer spirituellen Wucht. Man will weg und bleiben. Und sie ansehen. Man vergisst sie nicht. Tagelang danach.

„Das Testament der Ann Lee“ ist für keinen Oscar nominiert. Das ist ein Ärgernis. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass es noch keinen Oscar für den rätselhaftesten Film des Jahres gibt.

„Das Testament der Ann Lee“ läuft ab dem 12. März im Kino.

Source: welt.de